Neue Migros-Präsidentin sitzt auf dem heissen Stuhl

Überraschend gewann Ursula Nold die Wahl. Die Problemliste beim orangen Riesen ist gross. Die Neue ist gefordert.

Ursula Nold setzt auf Einigkeit bei der Migros. Das wird schwierig werden. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

Ursula Nold setzt auf Einigkeit bei der Migros. Das wird schwierig werden. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

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Einkaufstourismus, Wettbewerb mit Aldi und Lidl, zu hohe Kosten: Der führende Detailhändler der Schweiz, die Migros-Gruppe, hat eine Menge Probleme. Am Wochenende trat ein weiteres ­offen zutage: Zwischen der Führung des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB) und der Basis, vertreten durch die Delegierten der zehn Genossenschaften, verläuft ein tiefer Riss.

Denn mit grosser Mehrheit wählten die Delegierten mit Ursula Nold eine neue Präsidentin an die Spitze des 23-köpfigen Verwaltungsrates des Migros-Genossenschafts-Bundes, welche die Führungsequipe des MGB nicht haben wollte. Diese hatte die frühere Chefin des Personenverkehrs der SBB, Jeannine Pilloud, auf den Schild heben wollen. Das scheiterte krachend.

Video: Ursula Nold zur neuen Migros-Präsidentin gewählt

Die Chefs hatten gehofft, sie würde ihre Kandidatur zurückziehen: Ursula Nold nach der Wahl zur Migros-Präsidentin. Video: SDA

Nold rief am Wochenende dazu auf, die Reihen zu schliessen. Die Transformation der Migros gelinge nur, «wenn alle an einem Strick ziehen. Das wird meine Aufgabe sein», sagte sie dem «SonntagsBlick».

Eine Schonzeit dürfte sie dafür nicht bekommen. Denn am morgigen Dienstag wird die Migros ihre Jahreszahlen vorlegen. Und die werden nicht gut sein. Laut «SonntagsZeitung» ist der Betriebsgewinn auch im Jahr 2018 rückläufig.

Gewinn sinkt seit Jahren

Seit 2014 kennt der Gewinn der Migros nur eine Richtung: nach unten. Dauerrivale Coop hat mit den gleichen Marktwidrigkeiten zu kämpfen, kommt damit aber besser klar. Schon 2017 wies Coop erstmals einen höheren Vorsteuergewinn aus als Platzhirsch Migros. «Der Gewinn muss steigen», rief daher der neue Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen an der vergangenen Jahresmedienkonferenz aus. Und legte einen Sparplan auf, der auch Personalabbau vorsieht.

Die Migros steht am Scheideweg. Und nach der Wahl von Ursula Nold stellen sich Beobachter die Frage, ob sie dank ihrer exzellenten Kontakte in das Migros-Universum dem operativen Chef Zumbrunnen den Rücken freihalten wird, um auch schmerzhafte Reformen umzusetzen. Oder ob sie als Strukturbewahrerin auftritt.

Angesichts ihres Werdegangs haftet Nold das Image der Bewahrerin der «Migros-Identität» an. «Die genossenschaftliche Struktur erlaubt es nicht, über Massnahmen zu entscheiden und diese top-down durchzusetzen wie in anderen Unternehmen», sagte sie einmal.

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Nold, die frühere Lehrerin, startete ihre Laufbahn beim orangen Riesen 1996 im Aare-Genossenschafts-Rat. Seit 2008 bis zum Amtsantritt an der Spitze des Verwaltungsrates präsidierte sie die Delegiertenversammlung. Dank dieses Postens ist sie bestens mit der Basis vernetzt, was auch ihren deutlichen Wahlsieg am Wochenende für das Präsidium des Verwaltungsrates erklären dürfte, der bei der Migros nur «Verwaltung» genannt wird.

Hauptberuflich arbeitet die 49-Jährige als Dozentin und Angebotsverantwortliche für den Bereich Kader- und Systementwicklung im Institut für Weiterbildung und Medienbildung der Pädagogischen Hochschule Bern. Daneben ist sie Verwaltungsrätin des Bildungsunternehmens WKS KV Bildung und hält weitere Verwaltungs- und Stiftungsratsmandate bei Bildungs- und Kultureinrichtungen.

Vor sechs Jahren machte sie ihr Managementdiplom an der Universität St. Gallen, wo sie eine Fallstudie über die Führungsstruktur des MGB verfasste. Sie gilt als Teamplayerin, die als «herzlich», aber auch als «sehr ehrgeizig» beschrieben wird. Als ihre Machtbasis gelten die kleineren Migros-Genossenschaften, wie zum Beispiel jene im Tessin.

Coop ist schlanker

Die Genossenschaften sichern der Migros eine lokale Verankerung zu. Doch der Preis dafür sind komplexe Strukturen, die die Kosten treiben. Zumbrunnen will mit seinem Projekt Puma die Autonomie der zehn regionalen Genossenschaften beschneiden. Doch diese haben Vorbehalte gegen zu starke Veränderungen bei der Logistik, wo das grösste Sparpotenzial schlummert.

Wettbewerber Coop hat das Problem bereits vor fast zwanzig Jahren gelöst und die regionalen Genossenschaften zu einer grossen Einheit zusammengeschlossen. Kaum vorstellbar, dass die neue Präsidentin für solch ein radikales Projekt zu haben wäre.

Auch Non-Food-Bereich ist eine Baustelle

Laut eigener Aussage sieht Nold grosses Potenzial in der ­Digitalisierung und dem Zu­sammenführen der Online- und Offlinevertriebskanäle. Doch genau das verlangt eine stärkere Zusammenarbeit bei IT und ­Logistik.

Eine Baustelle ist ferner der Non-Food-Bereich, zu dem die Töchter Ex Libris und Globus zählen, die Migros im Handelsdepartement angesiedelt hat. Vor allem in diesem Geschäft wandern die Umsätze an Onlinewettbewerber ab.

In ruhigeren Zeiten schenkte die Öffentlichkeit der Frage, wer Migros-Präsident ist, kaum Aufmerksamkeit. Dass Nold nun stärker im Rampenlicht stehen wird, ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass sie die erste Frau auf dem Posten ist.

Erstellt: 24.03.2019, 22:11 Uhr

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