Milde Schweiz, starker Tabak

Das kommende Tabakproduktegesetz belegt, welchen Einfluss die Tabakindustrie auf die Schweizer Politik hat. Dennoch fühlt man sich bei den Tabakproduzenten missverstanden.

Bei Philip Morris sagt man, auf den Verkauf herkömmlicher Zigaretten verzichten zu wollen. Bild: Qiang Fu (Getty Images)

Bei Philip Morris sagt man, auf den Verkauf herkömmlicher Zigaretten verzichten zu wollen. Bild: Qiang Fu (Getty Images)

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Der Tabakkonzern Philip Morris, der den Marlboro-Mann erfunden hat, ist einer der fünf grössten der Welt – und einer der zwei, die ihr Hauptquartier in der welschen Schweiz eingerichtet haben. Philip Morris agiert von Neuenburg und Lausanne aus, Japan Tobacco von Genf aus. Auch British American Tobacco, Hauptsitz London, ist in der Schweiz stark präsent.

Empfang im wuchtigen Glasquader des Forschungszentrums von Philip Morris, ausserhalb von Neuenburg am Seeufer. Man wird gleich von drei Mitarbeitern begrüsst. Das Gespräch bestimmt François Hirt, zuständig für neue Produkte. Er redet so schnell und jagt die Tabellen mit einem solchen Tempo durch den Laptop, dass man kein Wort versteht, aber die Botschaft begreift: Philip Morris will alles für die Gesundheit tun, was für den Lieferanten eines Suchtmittels möglich ist. Oder wie Hirt es formuliert: «Wir setzen auf Tabakprodukte zum Erhitzen ohne Verbrennen und auf nikotinhaltige E-Zigaretten»; diese seien «potenziell weniger schädlich».

Etwas Drängendes geht von diesem Trio aus, das einem so viel mehr erklärt, als man fragt. Diese Dringlichkeit steht im Gegensatz zum milden Vokabular, das den Männern entweicht. Sie sagen Sätze wie «Wir möchten die Gelegenheit wahrnehmen, uns zu erklären», «Wir betreiben eine Kultur des Dialogs», «Wir reden mit jedem, der uns zuhört» oder «Wir möchten nicht, dass man uns glaubt, aber dass man unsere Forschungsergebnisse überprüft». Dass ihre Gegner so wenig mit ihnen reden, «enttäuscht uns», ihre «Desinformation» finden sie «erstaunlich». Die Aussagen schweben im Raum wie der Rauch einer Marlboro light.

Aggressives Lobbying

Die feinstofflichen Formulierungen kontrastieren mit einem aggressiven Lobbying. Auch in der Schweiz, obwohl sie sich dieser Branche gegenüber besonders zugänglich zeigt. «Wir möchten eine aktive Rolle spielen», formuliert es Japan Tobacco International, von British American Tobacco erfährt man, die Firma führe «einen offenen Dialog mit Politikern und Behörden».


Video: Die Suchttendenzen in der Schweizer Bevölkerung

Die Suchttendenzen in der Schweizer Bevölkerung: Ein Viertel raucht täglich. (Video: Tamedia/SDA)


An diesem Dialog ist die Mehrheit der Schweizer Politikerinnen und Politiker ebenso offen beteiligt. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, welche die Tabakkonvention der Weltgesundheitsorganisation nicht ratifiziert haben. Ihre Gesetze bleiben laxer als in anderen Ländern. Zum Beispiel erlaubt die Schweiz die Produktion von Zigaretten, die in der EU wegen ihres hohen Teer- und Nikotingehalts verboten sind. Diese werden seit langem milliardenfach exportiert, vor allem in den Nahen und den Mittleren Osten.

Wie grosszügig die Politik mit der Tabakindustrie umgeht, zeigen die Verhandlungen zum Tabakproduktegesetz. Die erste bundesrätliche Botschaft wurde von beiden Räten deutlich zurückgewiesen, sie war ihnen zu kritisch. Eine zweite, stark abgemilderte Version will nur jene Werbung verbieten, die sich speziell an Minderjährige wendet. Allerdings bleibt sie widersprüchlich: Tabakwerbung an Open Airs und in Kinos soll erlaubt bleiben, also an zwei Orten, die von Jugendlichen besonders frequentiert werden. Wie die Vernehmlassung zeigt, könnte das Gesetz noch weiter ausgebleicht werden.

Raucher sterben bis zu 11 Jahre früher. Mehr als jeder siebte Todesfall geht auf das Rauchen zurück.

Die Jugend sei für die Tabakindustrie deshalb so wichtig, sagt der Präventionsmediziner Felix Gutzwiller, «weil die Leute umso länger rauchen, je früher sie damit anfangen. Also gilt es, sie möglichst früh zu rekrutieren.» Das Bundesamt für Gesundheit reagiert diplomatisch: Da eine Mehrheit der Rauchenden, nämlich 57 Prozent, vor dem 18. Lebensjahr zu rauchen begännen, schreibt es auf Anfrage, «wird der Jugendschutz eine Herausforderung bleiben».

Das genügt der Allianz aus Ärzten, Apothekern, Drogisten und Vertretern der Jugendverbände und der Gesundheitsförderung nicht. Sie haben im März eine Initiative lanciert, die ein Verbot für Tabakwerbung verlangt, welche Kinder und Jugendliche erreicht. «Wir wollen die Gesundheit fördern und dürfen nicht jenen helfen, die diese schädigen», sagt der Berner SP-Ständerat Hans Stöckli, ein Mitinitiant. «Wenn man Werbung für den verbotenen Tabakkonsum durch Kinder und Jugendliche gestattet, ist das ebenso schizophren wie heuchlerisch.»

Die Rede vom freien Bürger

Als wichtigstes Argument für die Tabakproduktion nennen Politiker die Arbeitsplätze. Deshalb unterstützen selbst linke Parteien im Welschland die Konzerne. Die Liebe ist gegenseitig. Die Schweiz sei für Philip Morris besonders wichtig, sagt François Hirt von Philip Morris, weil es hier viele hoch qualifizierte Angestellte habe. In Neuenburg hat der Konzern auch sein neues Produkt zum Erhitzen des Tabaks entwickelt. Seit 2009 habe man 3 Milliarden Dollar in die Forschung investiert.

Ein Tabaklobbyist mit Einfluss ist Gregor Rutz. Der SVP-Nationalrat aus dem Kanton Zürich wehrt sich gegen fast sämtliche Versuche, Verkauf und Werbung für Zigaretten zu behindern. «In einem liberalen Staat, wo man von mündigen Bürgern ausgeht, gibt es keinen Grund, legale Tabakprodukte zu verbieten oder mit unsinnigen Anlagen zu belegen», sagt er, der Tabakprodukte «Genussmittel» nennt.

Raucherinnen und Raucher sterben bis zu 11 Jahre früher, zeigen Statistiken. Mehr als jeder siebte Todesfall in der Schweiz geht auf das Rauchen zurück. Was die Tabakindustrie während Jahrzehnten wider besseres Wissen verheimlichte, lässt sich so wenig bestreiten, dass die Tabakkonzerne reagieren mussten. Jetzt ging es darum, weniger schädliche Produkte zu erforschen.

«Seit die Studie veröffentlicht worden ist, haben mehrere Wissenschaftler deren Methodik infrage gestellt.»François Hirt

Umso mehr, als die Zahl der Rauchenden in vielen Ländern sinkt. Das Rauchen in der Öffentlichkeit wurde eingeschränkt, das Image der Industrie hat grossen Schaden erlitten, sie hat in den USA Hunderte von Milliarden Dollar Schadenersatz an Raucher zahlen müssen. Schon darum bietet die Industrie seit einigen Jahren neue Varianten an. Bei Philip Morris geht man so weit, zu versprechen, woran keiner der Gegner glaubt: dass der Konzern auf den Verkauf herkömmlicher Zigaretten verzichten werde. Wie lange das noch dauert, darauf will man sich in Neuenburg nicht festlegen.

Deutlicher werden die drei Gesprächspartner, als man sie auf eine Studie über ihre neue Heat-not-burn-­Zigarette IQOS anspricht. Die renommierte Fachzeitschrift «JAMA Internal Medicine» hat sie publiziert, ein Forschungsteam der Universitäten Bern und Lausanne hat sie verfasst, darunter Reto Auer, Professor für Hausarztmedizin an der Universität Bern. Die Studie widerspricht der Behauptung von Philip Morris, ihre IQOS-Zigarette produziere keinen Rauch. Der Tabakkonzern versuchte einen Rückzug der Studie zu erwirken, was in Neuenburg so formuliert wird: Die Firma habe «den Dialog mit den Autoren der Studie» gesucht, und man bedaure, dass diese die Hilfe nicht angenommen hätten. François Hirt: «Seit die Studie veröffentlicht worden ist, haben mehrere Wissenschaftler deren Methodik infrage gestellt.»

Unbekannte Langzeitfolgen

Was Philip Morris als Angebot darstellt, haben die Forscher als Druckversuch erlebt, und sie sind froh, dass die Universitäten sich nicht beeindrucken liessen. Mit seiner Aktion erreichte der Konzern das Gegenteil dessen, was er beabsichtigte: Die Studie wurde weitherum bekannt. Reto Auer versteht sie als Pilotstudie und ist sich mit den Leuten bei Philip Morris in einer Sache einig: dass es Langzeitstudien braucht, um die Schädlichkeit der neuen Zigaretten abzuschätzen.

«Das Ironische ist», sagt Reto Auer, «dass unsere Arbeit zu ähnlichen Resultaten kommt wie die Studien von Philip Morris. Die Unterschiede liegen in der Interpretation.» Was für den Konzern Dampf wird, weil sich der Ausstoss aus dem Erhitzen des Tabaks ergibt, bleibt für den Forscher Rauch. Und solange nicht klar sei, welche Folgen der für die Umgebung habe, müsse man diese vor den Gefahren des Passivrauchens schützen.

Reto Auer hat früher bis zu zwei Päckchen Zigaretten geraucht, vor 15 Jah­ren hörte er auf, das sei ihm nicht leicht­gefallen, sagt er. Wie halten es die drei von Philip Morris? Der eine hat aufgehört, die beiden anderen haben gar nicht angefangen.

Erstellt: 27.07.2018, 18:09 Uhr

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