Der «Milliardärseffekt»

Von Superreichen kontrollierte Firmen lassen andere börsenkotierte Unternehmen meilenweit hinter sich.

Erfolgreicher Milliardärsunternehmer und Projektionsfläche für Kritiker einer zügellosen Tech-Industrie: Facebook-Chef Mark Zuckerberg. (Keystone/Jeff Roberson)

Erfolgreicher Milliardärsunternehmer und Projektionsfläche für Kritiker einer zügellosen Tech-Industrie: Facebook-Chef Mark Zuckerberg. (Keystone/Jeff Roberson)

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Die letzten 15 Jahre sind für Milliardäre höchst erspriesslich gewesen, was ihre Geldvermehrung betrifft. Die Unternehmen, die massgeblich von ihnen gesteuert werden, erzielten zwischen 2003 und 2018 einen mittleren jährlichen Wertzuwachs von 17,8 Prozent. Zu diesen gehören etwa der Social-Media-Gigant Facebook, der Computerhersteller Dell, die US-Softwarefirma Salesforce, der Kosmetikkonzern L’Oréal und die Bank Rothschild. Während es L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt bis zu ihrem Tod 2017 verstand, von der Öffentlichkeit fern zu bleiben, ist Facebook-Chef Mark Zuckerberg zum Gesicht einer abgehobenen Tech-Elite geworden.

Normalsterbliche, die ihre Ersparnisse in den besagten 15 Jahren in einen weltumspannenden Aktienfonds gesteckt hatten, mussten sich mit einer gut halb so hohen Rendite zufriedengeben. Wenngleich durchschnittlich 9,1 Prozent pro Jahr immer noch sehr ansehnlich ist. Augenfällig dabei: Der Performance-Verlauf zwischen milliardärskontrollierten Firmen und dem globalen Aktienmarkt ist nach der Finanzkrise von 2008/09 besonders stark auseinandergedriftet.

Im jüngsten Milliardärsbericht von UBS und PricewaterhouseCoopers ist deshalb vom «Milliardärseffekt» die Rede. Was macht diesen Effekt aus? Warum rentieren milliardärsgesteuerte Unternehmen so viel besser als andere börsenkotierte Gesellschaften? Die Autoren des Reports sehen dafür drei typische Charakterzüge als ursächlich an. Zuallererst: Für Milliardäre sind Risiken grundsätzlich positiv besetzt. Sie konzentrieren sich auf solche, die sie verstehen, und suchen nach Wegen, um die Risiken einzugrenzen.

Immer auf Ideensuche

Ferner zeichnen sich diese Unternehmertypen durch eine permanente Wachsamkeit aus – jede Opportunität wird darauf hin abgeklopft, ob sie sich in eine Geschäftsidee ummünzen lässt. Dabei, so der Report, lassen sich die Leute von Rückschlägen und Hindernissen nicht entmutigen. Zu guter Letzt zeichnen sich milliardärsgesteuerte Firmen dadurch aus, dass sie – ähnlich wie Unternehmen in Familienbesitz – eine langfristige Strategie verfolgen. Das schliesst die hohe Kunst mit ein, Ressourcen für Forschung und Entwicklung auf Produkte mit dem höchsten Wertpotenzial zu fokussieren. Aber auch kontinuierliche Investitionen in Fortbildung und Qualität der Beschäftigten gehören dazu.

Am ausgeprägtesten ist der Milliardärs-Effekt in den USA zu beobachten, wobei im Technologiesektor die Dominanz der Reichsten der Reichen besonders spürbar ist. Dahinter folgt China, wo sich die Wirtschaft unter dem Einfluss der dortigen Milliardäre «kontinuierlich neu erfindet», wie es im Report heisst. Begünstigt werde die Aufbruchstimmung durch die chinesischen Konsumenten, die neuen Geschäftsideen grundsätzlich offen gegenüberstünden.

Der Milliardärs-Effekt ist offenbar nicht davon abhängig, dass Firmen ganz oder mehrheitlich im Besitz eines Milliardärs sind. Ebenso wenig spielt eine Rolle, ob die Firmen börsenkotiert oder in privatem Besitz sind. Ausschlaggebend ist vielmehr: Übt der Unternehmer-Milliardär einen bestimmenden Einfluss auf die Geschäftsstrategie und -tätigkeit aus?

Bestimmender Einfluss

Als milliardärskontrollierte Gesellschaften gelten denn im Report solche, bei denen 20 Prozent des Kapitals und/oder 30 Prozent der Stimmrechte in Milliardärshänden vereint sind. Hinzu kommen Firmen, in denen Milliardäre auch ohne diese Quoten offenkundig kursbestimmend sind. Insgesamt 535 Unternehmen haben diese Kriterien erfüllt.

Der weit überdurchschnittliche Wertzuwachs milliardärsgesteuerter Firmen hat zur Folge, dass die allermeisten dieser schwerreichen Personen in ihren Unternehmen investiert bleiben. Von den 2101 Personen, die laut dem Report per Ende 2018 über ein Milliardenvermögen verfügten, besassen deren 1936 oder 92 Prozent Kapitalanteile; in knapp zwei Drittel der Fälle handelte es sich um Mehrheitsbeteiligungen.

Apropos Zahl der Milliardäre: Im letzten Jahr ist sie um 57 auf die besagten 2101 zurückgegangen. Der Rückgang ist in sämtlichen Weltregionen zu beobachten, mit Ausnahme von Nord- und Südamerika. In der Schweiz schrumpfte der Milliardärsclub um drei auf 33 Mitglieder. Hauptgrund für den weltweiten Rückgang war die Schwäche an den Aktienmärkten. Hinzu kam der letztjährige Wertzuwachs des Dollars, was sich bei der Umrechnung der Milliardärsvermögen ausserhalb des Dollarraums nachteilig auswirkte.

2018 bleibt wohl ein Ausnahmejahr

Aus ebendiesen Gründen ist 2018 auch das globale Gesamtvermögen der Milliardäre um 4,3 Prozent auf rund 8530 Milliarden Dollar gesunken. Hierzulande bildete sich das Vermögen der Superreichen um 14 Prozent auf umgerechnet rund 107 Milliarden Dollar zurück. Damit endete eine zehnjährige Periode, in der sich die Milliardärsvermögen stetig vergrössert hatten.

Allein zwischen 2013 und 2018 konnten die Milliardäre ihr Vermögen um 34 Prozent vermehren – trotz des letztjährigen Dämpfers. Zum Vergleich: Der Index für den globalen Aktienmarkt stieg gleichzeitig um 27 Prozent. Für das laufende Jahr stehen die Vorzeichen wieder günstiger, haben doch die Börsen vielerorts ihre letztjährigen Verluste nicht nur längst wettgemacht, sondern auch neue Allzeit-Höchststände angesteuert.

Erstellt: 08.11.2019, 19:51 Uhr

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