Milliarden aus dem Slum

Im Namen eines Flüchtlings wurden über ein Konto in Aserbeidschan 2,5 Milliarden Euro in die ganze Welt verschoben – auch zu Schweizer Firmen.

Maharram A. ist ein sogenannter Proxy – jemand, der als Kontobesitzer nur vorgeschoben wurde. Fotos: TA

Maharram A. ist ein sogenannter Proxy – jemand, der als Kontobesitzer nur vorgeschoben wurde. Fotos: TA

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Er heisst Maharram A., ist ein Flüchtling und wohnt in einer fensterlosen Wellblechhütte in einem Slum in Aserbeidschan. Auf dem Papier ist er allerdings immens reich. Zwischen 2012 und 2014 strömten über 1,8 Milliarden Dollar auf die Konten zweier Briefkastenfirmen in Schottland. Laut Kontodokumenten gehörten sie ihm alleine.

Damit käme er selbst unter Schweizer Milliardären auf einen respektablen Platz. Das Problem: Maharram A. ist ein sogenannter Proxy – jemand, der als Kontobesitzer nur vorgeschoben wurde von anderen, die im Dunklen bleiben möchten.

Als wir Maharram letzte Woche aufsuchten und auf seine Konten ansprachen, reagierte er verunsichert. Er war von den vielen Fragen zu seinen Transaktionen überfordert. Das liegt wohl daran, dass die Geschäfte, die unter seinem Namen abgewickelt wurden, alles andere als gewöhnlich sind.

Transaktionen im Namen eines Flüchtlings

In den vergangenen Wochen gelangten die Kontounterlagen von vier Briefkastenfirmen – darunter den beiden von Maharram – zur dänischen Zeitung «Berlingske». Die Journalisten interessierten sich für diese Konten, weil sie laut Ermittlern von Personen in Aserbeidschan benutzt wurden, um einen Politiker zu schmieren.

Die Dänen fanden diese angeblichen Schmiergeldzahlungen tatsächlich – daneben allerdings auch noch 16'000 weitere Transaktionen. Schnell wurde klar: Über diese Firmen wurden 2,5 Milliarden Euro in die ganze Welt verschoben – und das Ganze im Namen eines Flüchtlings.

Die Dänen teilten die Kontounterlagen mit Journalisten weltweit, um die Transaktionen durchzukämmen. Beteiligt waren unter anderem die «Süddeutsche Zeitung», «The Guardian», «Le Monde» sowie die Anti-Korruptions-Plattform OCCRP. In der Schweiz recherchierte der «Tages-Anzeiger».

Die Gelder lagen in Estland

Es zeigt sich, dass eine Firma mit Beziehungen zur Herrscherfamilie Aserbeidschans alleine 1,4 Milliarden Dollar auf diese Konten einbezahlte. Auch Geld aus staatlichen Quellen strömte herein, unter anderem vom aserbeidschanischen Verteidigungsministerium.

Die Gelder selber lagen alle in Estland, und es sieht so aus, als habe Maharram A. dort die gesamte Handelsbilanz durcheinandergebracht. Laut der Zentralbank stieg seit der Einrichtung seiner Konten der Dollarfluss von Aserbeidschan nach Estland von 200 Millionen auf 1,7 Milliarden.

Weitergeleitet wurden diese Gelder von Estland aus an Tausende von Firmen und Personen weltweit. Auf Schweizer Konten gelangten rund 20 Millionen Dollar. Sie gingen vor allem an Luxus- und Dentaltechnikfirmen. Aber auch börsenkotierte Schweizer Industriefirmen erhielten Hunderttausende Euro von den Konten von Maharram A.

Lieferanten in der Schweiz bezahlt

Hinter vielen Zahlungen in die Schweiz stehen reguläre Aufträge aus Aserbeidschan, wie sich herausstellt. Doch die Käufer der Schweizer Luxus- und Industriegüter im Kaukasus insistieren jeweils darauf, die hiesigen Lieferanten über Maharram und Co. zu bezahlen – warum, haben sie den Schweizern nicht gesagt. Diese nahmen die Bezahlung, ohne zu klagen, entgegen.

So entsteht bei der Durchsicht von Maharrams Konten der Eindruck eines Gemischtwarenladens. Zahlreiche Firmen und Personen aus Aserbeidschan scheinen die Konten wie eine Art Geld-Transmitter zu nutzen, ähnlich wie Western Union. Sie begleichen auf diese Weise schlicht Rechnungen aus dem Ausland. Warum sie ausgerechnet diese Konten nutzen, ist unklar. Eindeutig ist jedoch, dass ein Teil dieser Zahlungen ernste Fragen aufwirft.

Es findet sich zum Beispiel eine Überweisung von 2,2 Millionen Dollar auf das Schweizer Bankkonto einer Firma, die wenige Monate später auf die US-Sanktionslisten kam – wegen Handels mit dem Iran. Andere Zahlungen gingen an Firmen, die in grosse Geldwäschereifälle verwickelt waren.

Geschmierter Abgeordneter im Europarat

Und schliesslich finden sich die Zahlungen im erwähnten Korruptionsfall des Politikers, die am Anfang der Recherche standen. Anfang 2017 legte die Mailänder Staatsanwaltschaft in einer umfangreichen Klageschrift dar, wie unter anderem von den Konten Maharrams 2,4 Millionen Euro an einen italienischen Europarats-Abgeordneten flossen.

Mithilfe von E-Mails des Italieners zeichneten die Ermittler minutiös nach, wie der Parlamentarier dafür sorgte, dass ein kritischer Bericht über Aserbeidschan im Europarat abgelehnt wurde. Er muss sich derzeit in Mailand wegen Geldwäsche verantworten. Der Europarat führt eine eigene Untersuchung durch. In beiden Fällen steht ein Urteil noch aus.

Die zahlreichen Schweizer Banken, die teils bedenkenlos Hunderttausende von einem Slum-Bewohner annahmen, hätten nachfragen müssen.

In den Kontounterlagen finden sich nun weitere Zahlungen aus Aserbeidschan an Politiker im Westen. Ein Mitglied der deutschen CSU erhielt zum Beispiel über 800'000 Euro. Er wurde von Aserbeidschan als Beobachter der Präsidentschaftswahlen vom Oktober 2013 eingeladen.

Nach dem Urnengang zitierte die Staatliche Nachrichtenagentur Aserbeidschans den Deutschen mit den Worten: «Die Wahlen entsprechen internationalen Standards.» Die OSZE kam am selben Tag zum Schluss: Die Wahl sei «untergraben von Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäusserung, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit».

Zwei weitere öffentliche Personen, die Aserbeidschan über den Klee lobten, erhielten ebenfalls Millionen von diesen Konten.

Für Empfänger gilt die Unschuldsvermutung

Rätselhaft ist schliesslich der Fall des Mannes der Unesco-Direktorin. Er erhielt von 2012 bis 2014 insgesamt 425'000 Euro auf sein Konto bei der Credit Suisse in der Schweiz. Er versichert, dies käme von einem Beratungsmandat aus Aserbeidschan. Doch auch hier liess sich nicht abschliessend klären, warum dieses Geld von Slum-Bewohner Maharram kam.

Alle Empfänger weisen jegliche fehlbare Handlungen von sich. Die Unesco-Chefin sagt, sie habe nichts mit den Aufträgen ihres Mannes zu tun, und verweist darauf, dass sie die Regierung Aserbeidschans mehrfach öffentlich kritisierte.

Solange kein Staatsanwalt das Kontengewirr von Maharram und Co. entflechtet, wird man wohl nie genau wissen, was hier legal und was womöglich illegal ablief. Solange das nicht passiert, gilt für alle Empfänger die Unschuldsvermutung.

«Schweizer Firmen müssen nicht jedes Mal nach der Herkunft des Geldes fragen.»David Zollinger, Wirtschaftstrafrechtler

Madis Reimand, Leiter der Estnischen Anti-Geldwäscherei-Behörde, hat die Konten bereits im Visier. «Wir entdeckten die Geldflüsse aus Aserbeidschan zum ersten Mal 2013», erklärt er. Sie hätten danach versucht mit der Regierung Alijew zusammenzuarbeiten, um herauszufinden, wo das Geld herkomme. «Das hat aber nicht funktioniert», sagt Reimand. Auch der Leiter von Estlands Finanzmarktaufsicht kennt den Fall. Die Konten stellten ein massives Geldwäschereirisiko dar, erklärt er.

Schweizer Firmen, die aus diesen grauen Kassen Zahlungen akzeptierten, verstiessen jedenfalls in der Regel nicht gegen das Gesetz. «Sie sind keine Finanzintermediäre und müssen nicht jedes Mal nach der Herkunft des Geldes fragen», sagt David Zollinger, ehemaliger Staatsanwalt und Experte für Wirtschaftsstrafrecht. «Eine Handlungspflicht für sie besteht nur, wenn sie davon ausgehen müssen, dass sie Gelder aus einem Verbrechen empfangen. Sie könnten sonst der Geldwäscherei bezichtigt werden.»

Banken hätten nachfragen müssen

Die zahlreichen Schweizer Banken hingegen, die teils bedenkenlos Hunderttausende von einem Slum-Bewohner annahmen, hätten nachfragen müssen. «Vielleicht nicht beim ersten Mal, aber im Laufe der Zeit sicher», sagt Zollinger. «Sie müssten die Kunden fragen, wer eigentlich der Auftraggeber der Zahlung sei. Der Empfänger kann sauber sein, die Quelle seines Geldes aber eventuell nicht.»

Maharram A.s aserbeidschanischer Pass.

Nach einem längeren Gespräch hat schliesslich auch Maharram A. verstanden, um wie viel Geld es hier geht. Wir sagen ihm, dass seine Unterschrift und sein Pass in den Kontoeröffnungsunterlagen seien. Er reagiert beunruhigt: «Ich schwöre bei Gott, ich wusste nicht, was die tun.»
Mitarbeit: Piret Reiljan, Estland

Erstellt: 04.09.2017, 19:03 Uhr

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