«Miss Perfect» wankt

Susanne Ruoff gehörte zu den populärsten Managerinnen der Schweiz. Jetzt wächst mit jedem Tag der Druck auf die Postchefin. Aber noch hat sie Unterstützer.

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Susanne Ruoff segelt gerne. Mit unruhigen Gewässern kenne sie sich deshalb aus, sagte die Postchefin in einem Interview vor drei Jahren. Früh genug müsse man die Böen spüren, um «Optionen auszuarbeiten» für den Zeitpunkt, wenn die Wellen kommen.

Nun sind die Wellen da, grosse Wellen. Ruoff, die als mächtigste Managerin der Schweiz gilt, hat sie offensichtlich nicht anrollen sehen.

Der Skandal um die verschobenen Postautosubventionen dreht sich immer stärker gegen die Postchefin persönlich. Letzten Dienstag, als der Fall bekannt wurde, sagte Ruoff, «in einer Ecke der Postauto AG» sei etwas Unrechtes geschehen. Sie selber gab sich völlig unbeteiligt. In den folgenden Tagen musste die 60-Jährige aber eingestehen, dass sie spätestens seit 2013 von Problemen wusste. Laut «SonntagsZeitung» drohen Ruoff deswegen die Kündigung und ein Strafverfahren wegen Subventionsbetrug. Der Verwaltungsrat werde noch in dieser Woche über Ruoffs Zukunft entscheiden.

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Auch die Politik macht Druck. Der Aargauer SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner forderte im Radio SRF, die Postchefin bis zum Ende der Untersuchung zu suspendieren. SP-Verkehrspolitikerin Evi Allemann hält Ruoff laut «Blick» für «nicht mehr tragbar», falls sie seit längerem von den «Machenschaften» wusste.

Der frühere Chef steht hinter ihr

Ruoff selber gibt sich kämpferisch. In einem sechsseitigen Interview mit dem «SonntagsBlick» gesteht sie zwar Fehler ein. Im zentralen Punkt erklärt sie sich aber für unschuldig: Sie habe erst im November 2017 von unrechtmässigen Buchungen vernommen und darauf eine Untersuchung eingeleitet. Nichts habe sie verheimlicht. «Ich habe weder gelogen noch sonst etwas Falsches getan.» Deshalb trete sie nicht zurück, sagt sie im Interview. Auch Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller habe ihr sein Vertrauen ausgesprochen.

Schwaller war gestern für diese Zeitung nicht erreichbar. Aber längst nicht alle finden, dass die Zeit der Postchefin abgelaufen sei. «Zuerst müssen alle Fakten auf den Tisch», sagt Edith Graf-Litscher, SP-Nationalrätin und Präsidentin der zuständigen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen. Bisher sehe sie keinen Grund, Ruoffs Kopf zu fordern. Diese habe sich immer sehr engagiert für die Post eingesetzt. Graf-Litscher hat die Postspitze am 19. März zum Gespräch in die Kommission vorgeladen. «Bis dann wissen wir hoffentlich mehr darüber, wer in dieser komplexen Angelegenheit wofür verantwortlich war.»

Auch Peter Hasler, der bis vor zwei Jahren den Post-Verwaltungsrat leitete und Ruoff angeworben hatte, hält Rücktrittsforderungen für verfrüht. Zuerst müsse der Untersuchungsbericht vor­liegen. Er glaube aber nicht, dass Ruoff oder der Verwaltungsrat genug Informationen gehabt hätten, um früher einzuschreiten. «In diesen Positionen kann man sich nicht um Buchhaltungsfragen kümmern. Man muss sich auf seine Kontrollorgane verlassen können.»

Bei ihrem Amtsantritt 2012 habe Ruoff wegen ihres Geschlechts gegen Anfeindungen kämpfen müssen, sagt Peter Hasler. Gewisse Leute hätten gezweifelt, ob sie als Frau das schaffe. «Den Beweis dafür hat sie inzwischen erbracht.»

Ruoff sei «führungsschwach, wenig entscheidungsfreudig, kritikunfähig, konfliktscheu», schrieb die «Bilanz».

Ruoffs möglicher Rauswurf bedeutete das brutale Ende einer aussergewöhnlichen Karriere. Die gebürtige Zürcherin arbeitete zuerst sieben Jahre als Lehrerin, bevor sie sich zur Informatikerin weiterbildete («Ich hatte schon sehr früh einen Computer»). 1989 begann sie bei IBM, wo sie rasch in die Geschäftsleitung aufstieg. Nach dem dreijährigen Zwischenspiel bei einem britischen Telekommunikationskonzern wechselte sie 2012 an die Spitze der Schweizer Post. Damit übernahm sie einen Riesenbetrieb mit über 60'000 Mitarbeitenden.

In der Öffentlichkeit kam Ruoff gut an. Als «Perle» lobte sie ihr früherer Chef Peter Hasler, «Miss Perfect» nannte sie die «Schweizer Illustrierte». Journalisten empfing Ruoff gerne an ihrem Wohnort Crans-Montana. Dort schwärmte sie von ihrer Naturverbundenheit, erzählte, dass sie ein Hybridauto fahre und alte Liebesbriefe aufbewahre; den ganzen Haushalt erledige ihr Mann. Bodenständig wirkte sie dabei. Eine von uns.

Gleichzeitig musste sich Ruoff in «einem der härtesten Jobs in der Schweizer Wirtschaft» («Blick») bewähren. Lan­ge galt die Post als autoritär organisierter «Machoclub». Als Ruoff 2012 antrat, seuchte der staatseigene Betrieb durch eine existenzielle Krise. Immer weniger Menschen schickten sich Briefe und Pakete. Ruoff, die IT-Spezialistin, hielt mit einer Digitaloffensive dagegen. Sie testet selbstfahrende Postautos, will Drohnen und Roboter Pakete ausliefern lassen.

Gleichzeitig schrumpft sie das Poststellennetz, bis 2020 sollen bis zu 600 weitere Filialen schliessen. Über 1000 Stellen gehen verloren. «Die Kunden wollen es so», sagt Ruoff jeweils. Die Post biete Ersatzlösungen und baue an anderen Orten aus. Ausserdem: «Die Postkutsche gibt es auch nicht mehr.»

Solche unpopulären Entscheidungen haben Ruoffs Image kaum getrübt – auch nicht die Kritik an ihrem Führungsstil, die immer wieder aufkam. Sie sei «führungsschwach, wenig entscheidungsfreudig, kritikunfähig, konfliktscheu», schrieb die «Bilanz». Ruoff selber sagte in Interviews, dass sie keine autoritäre Chefin sei; das Anhören unterschiedlicher Meinungen führe zu den besten Lösungen. Und: Sie wolle Vertrauen haben in ihre Mitarbeiter.

Bei den Postautosubventionen hatte Ruoff offenbar zu viel Vertrauen. Nun ist sie in einen heftigen Sturm geraten. Noch ist unklar, ob ihr Schiff kentert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2018, 22:47 Uhr

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