Mit dem künstlichen Auge ins Museum

Mehr Ausstellungsmacher setzen auf die Kombination von Kunst und künstlicher Intelligenz. Eine wichtige Rolle dabei kommt Internetkonzernen wie Microsoft oder Google zu.

Das Metropolitan Museum noch traditionell. Foto: Seth Wenig (AP, Keystone)

Das Metropolitan Museum noch traditionell. Foto: Seth Wenig (AP, Keystone)

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Es ist Nacht im Metropolitan Museum. Die riesige Marmorstatue der Athena Parthenos in der Eingangshalle (circa 170 v. Chr.) hat schon eine Menge gesehen, aber so etwas noch nicht. In dem New Yorker Museum ist diesen Samstag künstliche Intelligenz an der Arbeit. Eine Gruppe Hacker, Designer, Programmierer, Datenwissenschafter und IT-Forscher hat sie auf die Kollektion des grössten amerikanischen Museums losgelassen.

Das Metropolitan Museum hat sich vorgenommen, die 1,5 Millionen Ausstellungsstücke nicht nur den 7,4 Millionen Besuchern zu zeigen, die jährlich in die Museen kommen, sondern allen 3,9 Milliarden Menschen mit Internetzugang. Und die sollen nicht nur Bilder auf der Website des Museums anklicken, sondern Kunst wirklich erleben können. «Wir brauchen Digitalisierung, um unserer Mission gerecht zu werden», sagt Museumsdirektor Max Hollein.

Künstliche Intelligenz (KI) soll dabei eine grosse Rolle spielen. Sie soll Kunst für Menschen interessant machen, die lieber das Smartphone zücken, als sich stundenlang im Museum die Füsse platt zu stehen – oder die schlicht keine Möglichkeit haben, nach New York und in das gewaltige Gebäude am Central Park zu reisen. Kunst soll nicht den Eliten vorbehalten sein. Künstliche Intelligenz hat in den vergangenen Jahren riesige Fortschritte gemacht. Sie kann gesprochene Sprache verstehen und Gegenstände auf Bildern erkennen.

406'000 Fotos zur freien Nutzung ins Internet gestellt

Das Metropolitan Museum hat gemeinsam mit Microsoft und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) einen sogenannten Hackathon organisiert, eine Veranstaltung, bei der die Teilnehmer gemeinsam an KI-Technik für das Museum arbeiteten. Jetzt kann ein Maschinengehirn etwa Bilder von Instagram mit Bildern von Kunstwerken im Museum ersetzen. Wer ein Foto von seinem japanischen Abendessen in dem sozialen Medium veröffentlicht hat, kann nun ein Kunstwerk in der Museumskollektion finden, das ähnlich aufgebaut ist.

KI funktioniert nur, weil die Daten vorhanden sind – die Sammlung eines Museums ist aus Sicht einer Maschine schliesslich nur ein riesiger Datensatz. Das Metropolitan Museum hat 2017 entschieden, hochaufgelöste Fotos von insgesamt 406'000 Kunstwerken zur freien Nutzung ins Internet zu stellen. Jeder kann also mit den Bildern machen, was er will – früher wäre das undenkbar gewesen, und auch für das «Met» brauchte es ein radikales Umdenken. Denn in vielen Museen ist es noch immer verboten, Fotos von den Werken zu schiessen. Seither sind die Besucherzahlen auf der Website des Museums rasant gestiegen, und bei Wikipedia schauten zehn Millionen Menschen die Bilder an. Die Besucherzahlen sinken nicht.

Vom Sport bis zum Vatikan

Google beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit Kunst. Der Internetkonzern hat mit der App Selfie für einen grossen Spass in sozialen Medien gesorgt. Mit der App kann man seinen Doppelgänger in der Kunstwelt finden. Die künstliche Intelligenz durchsucht Porträts aus den grössten Museen der Welt und findet tatsächlich meist eines, das dem App-Nutzer ähnlich sieht.

Die American Alliance of Museums (AAM) hat vor wenigen Monaten einen Kongress zum Thema KI veranstaltet, weil die Technik inzwischen für alle möglichen Arten von Museen relevant ist. In der National Soccer Hall of Fame in Texas erfasst KI Gesichter der Besucher und schneidet so digitale Touchscreens und Virtual-Reality-Angebote in der Ausstellung auf jeden Einzelnen zu. KI erfasst gerade das Geheimarchiv des Vatikans mit Dokumenten, die bis ins achte Jahrhundert zurückreichen und bislang nur für Wissenschafter und wenige Reisegruppen offen sind.

In der Eingangshalle des Metropolitan Museums blickt Athena auf eine KI namens Storyteller. Sie hört zu, wenn man zu Hause Geschichten erzählt, und gleicht die Sätze mit Werken aus dem Museum ab. Wer etwa sagt: «An einem sonnigen Tag ging ich durch den Wald», bekommt einen Druck des Künstlers Ferdinand Olivier aus dem Jahr 1823 zu sehen – samt Bäumen und Sonne. Matt Zumwalt, einer der Programmierer, sagt: «Stell dir vor, du erzählst deinem Kind eine Gutenachtgeschichte und kannst hinterher mit ihm zusammen anschauen, welche Bilder zur Geschichte passen.»

Erstellt: 23.02.2019, 07:11 Uhr

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