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Mit Vollgas in die Sackgasse

Tesla-Chef Elon Musk ist zur grössten Bedrohung für sein Unternehmen geworden. Die Krise könnte rasch existenziell werden.

Ist Musk am Durchdrehen? Der Tesla-Chef sorgt für Unruhe. Foto: Kiichiro Sato (Keystone)
Ist Musk am Durchdrehen? Der Tesla-Chef sorgt für Unruhe. Foto: Kiichiro Sato (Keystone)

Elon Musk hat dieser Tage einige Schattentöne mehr bekommen. Zu sehen ist ein Mann am Rand eines Nervenzusammenbruchs, aufgerieben zwischen seinen Ansprüchen an sich selber und skeptischen Investoren, die Milliardensummen auf seinen Kollaps wetten. Gewonnen hat den Kampf bisher Musk, aber je länger, desto mehr wird der genialische Erfinder zur grössten Hypothek seines Unternehmens.

Dass Musk eine bipolare Störung hat, ist seit letztem Jahr bekannt, als er freimütig über die extremen Höhen und Tiefen seines Lebens berichtete. In einem selten offenen Interview mit der «New York Times» deckte er letzte Woche auf, wie verwundbar er ist. Sein Gesundheitszustand macht Freunde höchst besorgt, er leidet schwer an einer Schlaflosigkeit, vernachlässigt seine Familie mit fünf Kindern, seine Tweets bringen ihn in höchste Nöte.

Video – Nimmt Musk Chef von der Börse?

Der Tesla-Chef twitterte im August, er überlege sein Unternehmen von der Börse zu nehmen. Video: Tamedia/Reuters

Ist Musk am Durchdrehen? Nein, sagt Kara Swisher, eine Insiderin im Silicon Valley und mit Musk seit Jahren gut bekannt. «Seine Wünsche und Bedürfnisse sind nie unbewusst oder verborgen. Sie sind für alle in den hellsten Technicolor-Farben zu sehen. Er ist so transparent und direkt, dass es für alle in seinem Umfeld aufwühlend und oft sogar schmerzhaft ist.»

Was treibt Musk an?

Was aber ist es, was den Unternehmer an die Grenze treibt? Musk ist ein Mann der grossen Ideen. Obwohl es anders aussieht, ist das Elektroauto eines der kleineren Projekte. Musk will Tesla schon längst nicht mehr als Fahrzeugunternehmen verstanden haben, sondern als den führenden Energiekonzern der Zukunft. Seine Weltraumpläne bis hin zum Mars mögen als Hirngespinst gesehen werden, sie sind aber ernst gemeint. Musk ist insofern das Gegenteil vieler Unternehmer der Techszene und Investoren im Silicon Valley. Die meisten verfolgen nur kleine Ideen und schnelle Profite. Sie scharen sich um kleinere Geister wie Mark Zuckerberg oder Travis Kalanick.

Musk ist zu unberechenbar für die meisten. Keiner hat seine Person mit dem Geschick seines Unternehmens verknüpft wie er, bis auf die Ausnahme von Steve Jobs vielleicht. Nur: Jobs musste scheitern, bevor er Apple in einem zweiten Anlauf zurückeroberte und lernte, sich persönlich zurückzunehmen und zu delegieren. Die Wahl seiner Manager kann sogar als das wichtigste Erbe von Jobs gesehen werden. Sie haben den Erfolg von Apple bis heute auf eine Weise garantiert, die kaum zu erwarten war.

Das exakt ist das Problem, das Musk heute lösen muss. Die Börsenaufsicht ermittelt nur deswegen gegen Tesla, weil Musk völlig isoliert und ohne Absprache mit dem Verwaltungsrat irreführende und möglicherweise betrügerische Prognosen abgegeben hat. So sollte Tesla bereits letztes Jahr 200'000 Modelle 3 herstellen. Stattdessen liefen 2700 Fahrzeuge vom Band. Der Wagen sollte für 35'000 Dollar zu haben sein; tatsächlich kostet er im Schnitt fast 50'000. Tatsache ist ferner, dass Tesla derzeit unter Aufbietung aller Kräfte pro Monat 5000 Stück produziert, aber die Massenfertigung ein Verlustgeschäft ist, wenn Musk das Auto tatsächlich für 35'000 Dollar anbietet. Eine technische Untersuchung durch die UBS zeigt, dass Tesla in diesem Fall pro Wagen 5900 Dollar Verlust schreibt.

Elon Musk hatte gehofft, dass er genug Gewinn machen würde, bevor die Schulden untragbar hoch würden.

Unbestritten ist gemäss der UBS, dass Tesla technisch BMW und General Motors weit überlegen ist. Aus dieser Optik würde die Privatisierung Sinn machen, da sie den Konkurrenten den Einblick ins Know-how von Tesla erschwert. Doch auch hier hat sich Musk verfahren. Seine Behauptung, die Finanzierung für die Privatisierung gesichert zu haben, ist Betrug, sollte er sie nicht rasch beweisen können. Das bringt ihn zeitlich in zusätzliche Nöte. Zwar verfügt das Unternehmen noch über liquide Mittel von 2,2 Milliarden Dollar, doch rechnet die Ratingagentur Moody’s damit, dass Musk in Kürze 2 Milliarden Dollar aufnehmen muss, nachdem er im ersten Halbjahr 1,8 Milliarden aufgebraucht hat. Tesla hat zudem mehr als 10 Milliarden Schulden und offene Verbindlichkeiten von über 20 Milliarden Dollar.

Eine solche Lage ist an sich nicht aussichtslos; Amazon wirtschaftete jahrelang auf Pump und ohne Gewinn. Doch Jeff Bezos machte nie himmelhohe Versprechen und hielt sich selbst dann zurück, als Präsident Trump ihn provozierte. Bezos hatte nie Mühe, Investoren zu finden und zu behalten.

Elon Musk hatte gehofft, dass er genug Gewinn machen würde, bevor die Schulden untragbar hoch würden. Die Rechnung ist zwar noch offen, aber sie wird jeden Tag bedrohlicher. Diese Ungewissheit spielt den Skeptikern und Kritikern in die Hände, die er zum Schweigen bringen wollte. Es wäre tragisch, wenn sie recht behalten sollten.

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