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«Mögliche Trendwende» bei überlasteten Zügen

Die SBB sehen erste Erfolge in der Verlagerung des Bahnfahrens ausserhalb der Stosszeiten. Doch Beweise liefern sie nicht. Den Schwarzfahrern hat die Bahn rund 11 Millionen Franken Bussen erlassen.

«Immer ein Sitzplatz» – ausser zwischen Zürich und Bern sowie Basel: Doppelstockzug der SBB. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)
«Immer ein Sitzplatz» – ausser zwischen Zürich und Bern sowie Basel: Doppelstockzug der SBB. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Intercityzug von Zürich nach Bern an einem Freitagabend im Februar um halb sieben bietet ein Spektakel. Alle Sitze in beiden Klassen sind belegt. Die Gänge sind voll stehender Leute, und auch die Treppen und Einstiegszonen sind besetzt. An ein Durchkommen ist nicht zu denken, auch nicht für Kontrolleure – Schwarzfahrer hallo! Die SBB erleben einen grossen Zustrom an Passagieren. Im Jahr 2014 transportierten sie pro Tag 1,18 Millionen Personen, ein Plus von 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das sind pro Tag 44'000 Kunden mehr. Die Hälfte aller Passagiere nutzt die Züge zu den Stosszeiten. Dies gab in den letzten Jahren wiederholt Anlass zu Diskussionen. Zu hitzigen Debatten führte 2014 beispielsweise die Tatsache, dass in der ersten Klasse zur Stosszeit ein Viertel der Plätze von SBB-Mitarbeitern belegt sei. Die SBB versprachen Abhilfe.

Nun melden sie eine «mögliche Trendwende»: 2014 habe sich die zusätzliche Nachfrage «gleichmässig auf Haupt- und Nebenverkehrszeiten verteilt». In den meisten Zügen des Fernverkehrs fänden die Kunden «immer einen Sitzplatz – auch zu Hauptverkehrszeiten». «Stark ausgelastet» seien bloss einige Fernzüge zwischen Zürich und Bern sowie Basel.

Auf Nachfrage des TA legen die SBB keine Beweise offen, nur Durchschnittszahlen, die nichts über die Höchstauslastung aussagen. Die durchschnittliche Auslastung eines SBB-Zugs betrug 2014 im Regionalverkehr 22,5 Prozent (Anstieg um 0,8 Prozent). Im Fernverkehr lag sie unverändert bei 31 Prozent. Ob die Kundenzufriedenheit bezüglich Verfügbarkeit von Sitzplätzen gemessen werde, blieb unbeantwortet.

«Lückenhafte Befragungen»

Der Präsident der Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden im öffentlichen Verkehr, Pro Bahn, Kurt Schreiber, sagt, er habe keine Anhaltspunkte für eine gleichmässigere Auslastung der SBB. Ein leicht erhöhter Gewinn im Personenverkehr stehe tieferen Erträgen im Fernverkehr gegenüber. Daraus etwas abzuleiten, sei schwierig. Eine Kundenbefragung, die die Sitzplatzzufriedenheit misst, ist ihm nicht bekannt.

Gleiches sagt der Geschäftsführer des Konsumentenforums (KF), Michel Rudin, der im Kundenbeirat der SBB sitzt: «Die Befragungsmethoden der SBB sind lückenhaft.» Den Grund dafür sieht er im Monopol. Man gewöhne sich an alles.

Schreiber stellt allerdings fest, dass die SBB zu Stosszeiten die IC-Stammkompositionen um einen Zweit- und einen Erstklasswagen verstärken. Einzelne Züge hätten auch sogenannte «Päckli», das sind einstöckige Wagengruppen von zwei bis vier Einheiten, die am Kopf oder am Ende des Zuges angehängt sind. «In dieser Beziehung verfügen die SBB über eine Lösung.» Auch relativiert er Klagen über volle Züge. Selbst morgens um acht Uhr von Zürich nach Bern finde man Sitzplätze: «Ich steige immer ganz vorne in der 2. Klasse ein. Gestern sind wir zur Stosszeit zu zweit in einem Viererabteil gesessen.» Die Reisenden könnten sich ja über den ganzen Zug verteilen. Also doch eine Besserung?

Ob wesentlich mehr SBB-Mitarbeiter ausserhalb der Stosszeiten fahren oder von zu Hause aus arbeiten, ist offen. Im SBB-Geschäftsbericht heisst es unverbindlich, man habe die Mitarbeiter «motiviert». Resultate werden aber nicht genannt. SBB-Kundenbeirat Rudin sagt, seinen Quellen zufolge seien die Bahnsteige vor dem Hauptsitz der SBB in Bern Wankdorf am Morgen «nach wie vor randvoll». Nur freitags sei eine Entlastung zu beobachten.

Rund 100'000 Bussen erlassen

Die SBB versprechen, mit grossen Arbeitgebern 2015 erneut das Gespräch zu suchen. Zum Thema Hochschulen steht, sie würden «die Potenziale für den späteren Unterrichtsbeginn evaluieren», mehr aber nicht. Rudin stellt fest, dass auch Hochschulen sich zu «wenig flexibel gezeigt» hätten. Schulen und Staatsbetriebe müssten mit gutem Beispiel vorangehen. Er bedauert, dass mit der Bahnvorlage Fabi nicht auch beschlossen wurde, in flexible Arbeitszeitmodelle zu investieren: «Dann könnten wir uns einen Teil der milliardenschweren Bahnausbauten sparen.» Eines ist klar: Ab 2016 werden die SBB mit neuen Doppelstockzügen in der Ost-West-Achse pro Zug bis zu 400 Plätze mehr bieten als mit den IC-Zügen heute, neu total 1200 pro Zug.

Gestern gaben die SBB auch bekannt, sie hätten 11 Millionen Franken an Forderungen gegenüber Passagieren «abgeschrieben». Im Klartext wurden Schwarzfahrern Bussen («Zuschläge») und nicht bezahlte Billette aus den Jahren 2013 und 2014 erlassen. Die mündliche Erklärung vor den Medien: «Es erwies sich als unmöglich, die Bussen einzutreiben.» Geht man von einer durchschnittlichen Bussenhöhe von 110 Franken aus, sind rund 100'000 Bussen erlassen worden. Die SBB wollten auf Anfrage keine Zahl nennen. Es sei «kein Rückschluss auf die Anzahl abgeschriebener Bussen möglich».

Pro-Bahn-Präsident Schreiber sagte, gegenüber Schwarzfahrern sei «das Signal eine Katastrophe». Damit verbunden seien Gesetzeslücken, die es immer wieder verunmöglicht hätten, entsprechend durchzugreifen. Für KF-Leiter Rudin ist die Massnahme «jenseits», weil die Kosten den Kunden aufgebürdet würden.

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