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Nestlé verliert Palmöl-Gütesiegel

Das Kontrollgremium für sauberes Palmöl wirft den Konzern raus. Doch genau das könnte für Nestlé sogar einen Vorteil bedeuten.

Palmöl ist günstig und vielfältig einsetzbar, aber gleichzeitig sehr umstritten. Foto: Goh Seng (Getty Images)
Palmöl ist günstig und vielfältig einsetzbar, aber gleichzeitig sehr umstritten. Foto: Goh Seng (Getty Images)

Nestlé steht wegen Palmöl unter permanenter Beobachtung durch Umweltschützer. Immer wieder werden Vorwürfe laut, der grösste Lebensmittelkonzern der Welt sei für den Verlust der letzten Regenwälder in den Anbauländern Malaysia und Indonesien mitverantwortlich. Dass Nestlé nun überraschend aus dem wichtigsten Kontrollgremium der umstrittenen Industrie geflogen ist, dürfte daher Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker sein. Immerhin gilt der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl, kurz RSPO, als wichtigste Selbstkontrollinstanz der Industrie. Verbrauchern verspricht das Siegel Rohstoffe aus sauberem Anbau.

Palmöl ist für Unternehmen und Wirtschaft Segen und Fluch zugleich. Kein anderes Öl ist so günstig und vielfältig einsetzbar, nicht nur in Lebensmitteln wie Pizza und Schokolade, sondern auch für Seife, Waschmittel und Biosprit. Kein anderes Öl ist gleichzeitig so umstritten, weil es mit dem Verlust der letzten Regenwälder, sozialen Konflikten und Korruption in Verbindung gebracht wird.

Nestlé hat eigene Regeln

Nestlé nimmt nach eigenen Angaben fast ein Prozent der weltweiten Palmölproduktion ab – gut 420'000 Tonnen pro Jahr. Drastische Bildmontagen wie die eines Kitkat-Schokoriegels, der riesige Regenwaldbäume spaltet, sind nicht vergessen. Die Greenpeace-Kampagne mit Boykottaufrufen aus dem Jahr 2010 hat dem Image des Konzerns sehr geschadet. Nestlé gelobte daraufhin Besserung.

Und nun dieser Rauswurf. Auf den ersten Blick scheint alles klar zu sein: Nestlé hat es wieder einmal verbockt. Doch der zweite Blick macht deutlich, dass dahinter durchaus Kalkül steckt – und zwar vonseiten Nestlés. Hinter den Kulissen rumort es. Ein Streit, der auch ein schlechtes Licht auf den Nachhaltigkeitszirkel RSPO wirft, der 2004 von Plantagenbetreibern, Händlern und industriellen Abnehmern gegründet wurde. Initiiert wurde dieser von der Umweltorganisation WWF mit dem Ziel, den Ölpalmenanbau transparent zu machen und die Regenwaldvernichtung zu stoppen.

Offiziell begründet der Runde Tisch den Entzug der Mitgliedschaft damit, dass Nestlé seine Berichtspflicht verletzt und den Mitgliedsbeitrag von 2000 Euro nicht gezahlt habe. Ein Missverständnis? Wohl eher nicht. Ein Nestlé-Sprecher macht deutlich, worum es wirklich geht: «Wir waren der Meinung, dass der aktuelle RSPO-Standard im Widerspruch zu höheren Standards steht, die wir von unseren Lieferanten und der Lieferkette verlangen.»

Glaubwürdigkeitsproblem

Oder anders ausgedrückt: Nestlé sind die RSPO-Regeln zu lasch. Das Unternehmen hat nach der Greenpeace-Kampagne seine internen Anforderungen verschärft und lässt ­diese von der Organisation The Forest Trust prüfen. Der Rauswurf kommt Nestlé vermutlich nicht ungelegen, erspart er doch den Austritt. Klar dürfte aber auch sein, dass der RSPO-Rat ohne den Konzern – immerhin Gründungsmitglied – geschwächt ist. Andere Firmen könnten sich ebenfalls zurückziehen. Das Gremium wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern.

Fest steht, dass die ganze Palmölindustrie nach wie vor ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Und das macht nicht nur Nestlé zu schaffen, sondern auch vielen anderen Abnehmern, darunter bekannte Firmen wie Coca-Cola, Mondelez, Mars, Unilever und Procter & Gamble.

Das bestätigt auch der aktuelle Bericht der Umweltschutzorganisation Eyes on the Forest. Er legt bis ins Detail die Handelsströme der Branche offen – mit ernüchterndem Ergebnis. Einige grosse Händler, die am Runden Tisch sitzen und sich mit dessen Siegel schmücken, beschaffen einen Teil ihrer Ware heimlich aus streng geschützten Naturschutzgebieten. Kritiker werfen dem Rat schon länger vor, seine Regeln seien zu schwach. Regelbrüche würden ungenügend sanktioniert.

«Wenn jeder sich seine eigenen Verpflichtungen bastelt, lässt sich das kaum noch kontrollieren.»

Ilka Petersen, WWF

Auch bei Nestlé hat man den Bericht der Umweltschützer gelesen. Einer der beanstandeten Händler beliefert den Konzern auch. Willmar International gilt als grösster Verarbeiter und Händler von Palmöl. «Wir begrüssen die Informationen, die uns Eyes on the Forest zukommen lässt», heisst es bei Nestlé. Man arbeite mit vielen Partnern zusammen, um einen Wandel in der Palmölindustrie voranzutreiben.

Dass Nestlé seine eigenen ­Regeln verfolgt, stösst bei Umweltschützern auf Kritik. «Wenn jeder sich seine eigenen Verpflichtungen bastelt, lässt sich das kaum noch kontrollieren», sagt Ilka Petersen vom WWF. Sie verteidigt den Runden Tisch. Die Regeln seien transparent, und die Zertifizierung werde vom TÜV kontrolliert. Aber: Der RSPO sei ein Mindeststandard, bei dem es Luft nach oben gebe.

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