Nett sein reicht nicht mehr

Der Migros-Konzern kann sich nicht länger auf den Polstern der Vergangenheit ausruhen.

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Normalerweise sind es ja eher Frauen, die wegen ihres Äusseren vorverurteilt werden. Doch für einmal hat es in der Schweiz einen Mann getroffen – und einen in der hiesigen Wirtschaft ziemlich wichtigen noch dazu. «Der Nette» titelte die «Bilanz» vergangenen Herbst, nachdem bekannt wurde, dass Fabrice Zumbrunnen auf Herbert Bolliger als Migros-Chef folgt. Der Grossteil der Medien stimmte zu. Mit seinem sanften Blick, dem freundlichen Lächeln wurde er als empathischer Mensch eingestuft. Der Romand sei sympathisch, diplomatisch, vielleicht sogar etwas harmlos. Und dann das: Vergangenen Freitag verkündete die Migros umfassende Restrukturierungsmassnahmen. Der Grossverteiler erklärt diese – bis auf den PR-Titel «Migros rüstet sich für die Zukunft» – für eine Medienmitteilung ungewohnt phrasenfrei. 290 Vollzeitstellen fallen der Effizienz zum Opfer. Das führt zu 70 Kündigungen.

Gar nicht so nett von Zumbrunnen. Doch es ist genau das, was die Migros jetzt braucht. Der Konzern kann sich auf den Polstern der Vergangenheit nicht mehr ausruhen. Der Handel gerät durch Onlinekonkurrenz unter Druck, die Supermärkte durch Discounter und den Erzrivalen Coop. Zudem hat Zumbrunnens Vorgänger mit seiner Zukauftaktik teils zwar ins Schwarze getroffen – Stichwort Denner –, doch die Bolliger-Migros tätigte auch Fehlgriffe. Manche Zukäufe mussten wieder abgestossen werden. All das zeigt sich in den Zahlen. Die Margen sanken drei Jahre in Folge.

Auch wenn die Genossenschaft den Gewinn nicht als oberstes Ziel ansetzen sollte: Auf Dauer kann es mit dem Abwärtstrend nicht weitergehen. Ohne Gewinne kann Migros nicht in den digitalen Wandel investieren, der den Handel mit voller Wucht trifft. «Der Gewinn muss steigen», sagte Zumbrunnen bei der Bilanzmedienkonferenz im März. Das waren keine leeren Worte. Ihm die Nettigkeit wegen der Restrukturierung abzuerkennen, wäre aber nicht weit genug gedacht. Die Migros gilt als vorbildliche Arbeitgeberin – der Sozialplan, der für die neuen Massnahmen erarbeitet wurde, soll grosszügig sein. So vorbildlich kann der Konzern nur bleiben, wenn er finanziell gut aufgestellt ist. Und dafür muss sich manchmal Nettigkeit mit Härte paaren.

Erstellt: 29.06.2018, 19:23 Uhr

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