Neue Swiss-Tarife verteuern Europaflüge

Im Schnitt zahlen Kunden heute mehr für die gleiche Flugstrecke. Die ausgeklügelte Tarifakrobatik beschert der Fluggesellschaft einen Gewinnsprung.

Klicken Sie auf die einzelnen Diagramme, um sie genauer zu betrachten. Hier klicken für die Vollbildansicht.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Schweizer Tochter der Lufthansa gedeiht prächtig. Seit die deutsche Airline die Swiss 2007 vollständig unter ihre Fittiche genommen hat, liefert diese Jahr für Jahr Millionengewinne in dreistelliger Höhe ab. In diesem Jahr steuert sie sogar auf ein Rekordergebnis zu. Ein schöner Abschied für Swiss-Chef Harry Hohmeister, der nun Richtung Lufthansa-Konzernzentrale abhebt.

So wirken sich die neuen Europatarife der Swiss aus. (Anklicken für Grossansicht)

Nachdem die Swiss unter seinem Vorgänger Christoph Franz in der Gewinnzone gelandet war, schraubte Hohmeister den Umsatz ab seinem Amtsantritt 2009 weiter nach oben, trotz Wettbewerbsdruck durch die Golf- und Billig-Airlines. Die guten Zahlen verdankt die Fluggesellschaft einer Vielzahl einzelner Massnahmen – die nicht immer kundenfreundlich ausfielen. Zuletzt etwa mit dem Umbau der Airbus-320-Maschinen, um zwölf zusätzliche Passagiere in die Kabine pferchen zu können. Der Platz wurde bei den Toiletten und der Bordküche eingespart. Oder 2012, als der Treibstoffzoll durch den «internationalen Zuschlag» ersetzt wurde und faktisch der Kerosinpreis vom Ticketpreis entkoppelt wurde.

Zudem wurde in den vergangenen Monaten mit viel Eifer versucht, neue Umsatzströme zu erschliessen: mit einer neuen Gebühr für bevorzugte Sitzplätze vorn in der Kabine. Oder der Möglichkeit, eine Buchung für 25 Franken während 72 Stunden zu sichern.

Drei Tarife für Economy-Klasse

Mitte Jahr wurde die Umsatzpflege auf eine neue Spitze getrieben. Seit dem 23. Juni können die Passagiere auf Europaflügen ab Zürich zwischen drei Tarifen in der Economy-Klasse wählen, die sich in Preis und Leistung unterscheiden. Der günstigste Tarif Light beinhaltet nur ein Handgepäck und keinen reservierten Sitzplatz. Er kann weder storniert noch umgebucht werden. Der Tarif Classic bietet in etwa dieselbe Leistung wie ein gewöhnliches Economy-Ticket vor der Umstellung, ist aber um 50 Franken teurer (Hin- und Rückflug) und enthält neben Handgepäck auch ein Freigepäck bis 23 Kilogramm sowie die Möglichkeit, einen Sitz zu reservieren und den Flug gegen eine Gebühr umzubuchen. Eine Stornierung ist auch hier nicht möglich. Beim teuersten Economy-Tarif Flex ­erhält der Passagier einen Sitz in den ­vorderen Sitzreihen, kann kostenlos umbuchen und gegen eine Gebühr von 140 Franken den Flug stornieren.

Fliegen werde für preisbewusste Passagiere billiger, versprach Swiss-Chef Hohmeister anlässlich der Bilanzmedienkonferenz im März dieses Jahres, als er das neue Tarifmodell vorstellte. Jetzt zeigt sich, dass die Anpassung der neuste Versuch war, den Umsatz zu optimieren, sprich zu steigern. Tagesanzeiger.ch/Newsnet liess das Buchungsportal Kayak systematisch die wöchentlichen Durchschnittspreise auf den sieben am meisten abgefragten Europastrecken der Swiss ermitteln, vor der Tarifumstellung und danach. Am augenfälligsten sind die gestiegenen Preise auf zwei Strecken: Für Flüge nach Palma de Mallorca und Belgrad bezahlen die Swiss-Kunden im Durchschnitt sogar mit dem günstigsten Tarif ohne Freigepäck und reserviertem Sitzplatz heute mehr als vorher inklusive Gepäck und zugeteiltem Sitzplatz.

Auf den übrigen fünf untersuchten Strecken liegt zwar der neue günstigste Preis tiefer als vor der Tarifumstellung. Rechnet man für das Mitführen von Freigepäck und den zugeteilten Sitzplatz die 50 Franken dazu, die der neue Classic-Tarif mehr kostet als der Light-Tarif, ergibt sich auch hier eine Preiserhöhung um bis zu 20 Prozent für das Fliegen mit Freigepäck. Und dies in einer Zeit, in der die Fluggesellschaft von rekordtiefen Kerosinpreisen profitieren kann.

Swiss argumentiert, dass sich die Flugticketpreisgestaltung nach aktueller Nachfrage und Marktumfeld richte. Dieselbe Erklärung zieht Swiss jeweils heran, um die Höhe des Internationalen Zuschlags zu rechtfertigen, der 2012 an die Stelle des Treibstoffzolls getreten ist. «Diese ist nicht stabil und hängt von vielen Faktoren ab.» Bei Palma de Mallorca etwa sei die Nachfrage aufgrund der politischen Ereignisse an anderen Feriendestinationen gestiegen.

Bei den neuen Tarifen Light, Classic und Flex handle es sich zudem «um eine komplett neue Tarifstruktur mit unterschiedlichen Leistungsinhalten, die nicht eins zu eins zu vergleichen sind. Keiner der drei Tarife ist identisch mit dem vorherigen Preissystem». Demzufolge könne Swiss den Vergleich nicht nachvollziehen: «Die über die letzten Jahre (und voraussichtlich auch weiterhin) sinkenden Durchschnittsticketpreise sind Beweis dafür, dass sogar das Gegenteil der Fall ist.»

Mit den neuen Tarifen sind nicht nur die Preise gestiegen, sondern auch die Komplexität. Zählt man alle Auswahlmöglichkeiten und Gebühren zusammen, steht ein Swiss-Passagier heute bei der Buchung vor einem Wirrwarr wie bei den als Tarifdschungel geltenden Abonnementen für Smartphones.

Nach der Buchung wird es teuer

Die Passagiere hätten das Tarifsystem «sehr gut angenommen», heisst es bei der Swiss. Das zeige sich daran, dass sie auch die Möglichkeit nutzten, auf Hin- und Rückflug einen anderen Tarif zu buchen. Am meisten kämen Light und Classic zur Anwendung. Detaillierte Angaben zum Anteil der einzelnen Kategorien macht die Fluggesellschaft nicht.

Beim Reise-Ombudsmann hatten sich Swiss-Passagiere gemeldet, als das neue Tarifsystem erstmals für Europaflüge ab Genf Mitte 2013 eingeführt worden war. Bei der Umstellung in Zürich waren es weniger: «Wir haben diesbezüglich praktisch keine Anfrage erhalten», sagt Franco Muff. Anders tönt es bei der Stiftung für Konsumentenschutz: «Es gab bei uns diverse Rückmeldungen, die sich explizit auf die neue Tarifgestaltung bezogen und diese Billigangebote hinterfragten, da die Preise nicht tiefer waren», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Sie kritisiert die Tarifpolitik: «Das sind Preise fürs Schaufenster, um gegen die Billig-Airlines bestehen zu können.»

Teuer wird es für Passagiere, wenn sie nach dem Ticketkauf zusätzliche Leistungen buchen. Wer trotz Light-Tarif einen Platz reservieren will, zahlt 12 Franken, für einen Sitz in den vorderen Reihen werden 25 Franken fällig. Um ein Gepäckstück im Frachtraum mitnehmen zu lassen, zahlt ein Light-Passagier vor Abflug 19 Franken pro Strecke, wer den Koffer erst beim Check-in aufgibt 35 Franken. Sogar 55 Franken kostet es am Gate. «Auch anwendbar für zu grosses oder überdimensioniertes Handgepäck», steht im Kleingedruckten. Mit anderen Worten: Wer mit einem zu grossen Handgepäck an das Gate kommt, kann zu dieser Nachzahlung verknurrt werden. Wie oft dies der Fall ist, will Swiss nicht genau beziffern: «Durch die transparente Kommunikation und weitere Massnahmen vor der Sicherheitskontrolle ist die Anzahl der überdimensionierten Hand­gepäckstücke pro Flug gering. Detaillierte Zahlen können wir nicht liefern.»

Interaktive Grafik Die Preise vor und nach der Tarifänderung: tarife.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2015, 22:08 Uhr

Rentabler als die Mutter

Swiss steuert auf ein Rekordjahr zu

Die Airlines profitieren vom tiefen Ölpreis. Dadurch können sie ihre Kerosinkosten tief halten. Der Treibstoff ist ein erheblicher Faktor, der je nach Preisniveau rund ein Drittel der Kosten des Flugbetriebs ausmachen kann. Da der Kersoinpreis parallel mit dem Ölpreis gesunken ist, korrigierte letzte Woche der Luftfahrtverband Iata die Gewinnprognosen für die gesamte Branche von 29,3 auf 33 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: 2014 erzielte sie 16,4 Milliarden Dollar Gewinn.

Auch die Swiss profitiert von diesen Voraussetzungen und peilt 2015 ein Rekord­ergebnis an. Allein in den ersten neun Monaten betrug der Gewinn 401 Millionen Franken, eine Steigerung um 59 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das wird bei der Muttergesellschaft sicher mit Freude zur Kenntnis genommen. Eine Überraschung ist es nicht. Seit der vollständigen Konsolidierung ab Mitte 2007 liefert die Schweizer Tochtergesellschaft der Lufthansa hohe dreistellige Millionengewinne ab und erhält dafür Zuspruch: Im letzten Jahresbericht des Lufthansa-Konzerns wird das Management in der Schweiz dafür gelobt, die Prognosen trotz schwierigem Umfeld erreicht zu haben. Beim Mutterhaus hingegen drückten Streiks auf das Ergebnis, und auch die Tochtergesellschaft Austrian Airlines erfüllte die Erwartungen nicht. (map)

Artikel zum Thema

Neues Swiss-Flugzeug startet zu erstem Testflug

Die erste Triple Seven der Schweizer Airline hat über dem Boeing-Werk bei Seattle ihre Runden gedreht. Im neuen Swiss-Aushängeschild gibt es Internet an Bord. Mehr...

Tag der Entscheidung für die Swiss

Neuer Chef. Und auch neue Ausrichtung? Worum es morgen in der Frankfurter Lufthansa-Zentrale geht. Mehr...

Swiss verbilligt Europaflüge – mit Vorbehalt

Seit Anfang Woche gelten auf Swiss-Flügen innerhalb Europas neue Preise. Grund dafür sind Neuerungen beim Gepäck. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Prinzessin auf der Rose: Während des jährlichen Seerosenfestes in Taipeh posiert ein Mädchen auf einem der gigantischen Exemplare für ein Foto. (16.August 2018)
(Bild: Tyrone Siu) Mehr...