Neue Vorwürfe gegen Huawei

Der Konzern soll Informationen über Geschäftspartner an die chinesische Botschaft weitergeben.

Wo landen die gesammelten privaten Informationen letztendlich? Ein von Huawei entwickeltes Speichersystem. Foto: Imago images, Xinhua

Wo landen die gesammelten privaten Informationen letztendlich? Ein von Huawei entwickeltes Speichersystem. Foto: Imago images, Xinhua

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Hat Huawei eine besonders enge Beziehung zu Chinas Regierung? Immer wieder wird dem chinesischen Telekommunikationsausrüster vorgeworfen, dass seine Bauteile in westlichen Kommuni­kationsnetzen der Spionage dienten. Beweise dafür gibt es nicht und Huawei dementiert stets energisch: «Wir machen so etwas nicht, wir haben die höchsten Ansprüche in Sachen Cybersicherheit», erklärte Richard Yu, der Chef der Verbrauchersparte bei Huawei, im Januar dieses Jahres.

Nun erhebt ein Journalist des staatlichen tschechischen Radios Cesky rozhlas neue Vorwürfe. Dieses Mal geht es nicht um ­Cybersicherheit: Mitarbeiter von Huawei würden Informationen über tschechische Geschäftspartner und Beamte sammeln und diese an die chinesische Botschaftweiterleiten, behauptet der investigative Journalist Janek Kroupa in einem Beitrag, der diese ­Woche veröffentlicht und von anderen Medien national und ­international aufgenommen wurde.

Weltweit praktiziert

Kroupa nennt als Quelle zwei ehemalige Huawei-Manager, die anonym bleiben wollen. Er ­stehe mit den beiden seit einem ­halben Jahr in Kontakt, sagt der tschechische Journalist dieser Zeitung. Er habe zu ihnen Vertrauen und ihre Aussagen schriftlich erhalten. Zudem seien ihre Behauptungen von Mitarbeitern zweier tschechischer Geheimdienste bestätigt worden.

Laut dem tschechischen ­Radio sei Huawei vor allem an Beamten interessiert, die zu Konferenzen oder Verhandlungen nach China fahren. Informationen über ihr Privatleben, wie viele Kinder, welche Hobbys und welches Eigentum sie haben, würden an Vertreter der chinesischen Botschaft weitergegeben. «Wir kennen die Praxis», zitiert das Radio einen Geheimdienst-Mitarbeiter: «Die Frage ist, wo diese Informationen letztendlich landen.»

Gut getarnte Hintertüren

Laut Janek Kroupa ist sei die Bespitzelung von Geschäftspartnern nicht auf Huaweis Niederlassung in Tschechien beschränkt: «­Meine Quellen sagen mir, dass das Konzernpolitik sei und auf der ganzen Welt praktiziert werde.» Das dänische Telecom-Beratungsun­ternehmen Strand Consult verweist in einem jüngst erschienenen Bericht auf ein 2017 in ­China beschlossenes Gesetz, das alle Bürger zur Unterstützung der ­Geheimdienstarbeit verpflichtet: China habe Hintertüren in westlichen Netzwerken geöffnet, die nur schwer zu entdecken seien.

Huawei schickte dem tschechischen Radio eine Stellungnahme, in der jedes gesetzeswidrige Verhalten dementiert wird: Datenschutz habe Priorität, alle europäischen und nationalen Datenschutzregeln «werden eingehalten und durch interne Richtlinien ergänzt».

Ein Gesetz verpflichtet jeden Bürger Chinas zur Unterstützung der Geheimdienste.

In der Schweiz hat Huawei nach eigenen Angaben 350 Mitarbeiter. Die Zentrale befindet sich in Köniz bei Bern. Mit der halbstaatlichen Swisscom ­wurde erst vor zwei Jahren die Partnerschaft für den Ausbau der Internet-Transportnetze verstärkt. Swisscom verfolge die ­Diskussion über die Sicherheit von Netzelementen intensiv und nehme alle Hinweise ernst, schreibt eine Mediensprecherin. Bisher gebe es aber keine Anzeichen, dass das Swisscom-Netz von solchen Vorwürfen betroffen sei. Das Unternehmen verweist auf eine Empfehlung vom Nachrichtendienst des Bundes NDB, die Abhängigkeit von einem Ausrüster durch Diversifikation zu verringern. Deshalb arbeite Swisscom mit vielen Lieferanten zusammen.

Der Konkurrent Sunrise baut gemeinsam mit Huawei das 5G-Netz auf. Auch dort sieht man in der Zusammenarbeit kein Problem: «An unserer Position zu Huawei – als weltweit führender Netzwerkpartner und Ausrüster unseres Mobilfunknetzes – hat sich nichts geändert.» Huawei Schweiz reagierte nicht auf eine Anfrage dieser Zeitung.

Forschung in der Schweiz

Huawei hat grosse Pläne in der Schweiz: Im Mai kündigte der Konzern den Bau mehrerer Forschungszentren an, in denen an die 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten sollen. Die Investition von mehreren Hundert Millionen Franken ist eine Antwort auf die Sanktionspolitik der USA. Im Januar 2018 nahmen die US-Mobilfunkanbieter alle Huawei-Geräte aus ihrem Sortiment. Begründet wurde das mit Sicherheitsbedenken. Im Frühjahr 2019 setzte der US-Präsident Donald Trump Huawei auf die Sanktionsliste. Ameri­kanische Unternehmen durften mit Huawei keine Geschäfte mehr abschliessen. Im Juni ­setzte Trump den Boykott zwar wieder aus, das Misstrauen ist aber geblieben. Auch in Europa. Vor allem im Osten.

In Polen wurde zu Beginn des Jahres ein Mitarbeiter von ­Huawei wegen Spionageverdachts festgenommen. In Tschechien hat das Finanzministerium den chinesischen Konzern von einem Bieterverfahren ausgeschlossen: Sicherheitsbedenken. Die tschechischen Geheimdienste würden die Gefahr der Spionage so ernst nehmen, dass sie Staatsbeamten ein eigenes Training anbieten, erzählt Radiojournalist Kroupa: Wie verhalte ich mich richtig in Verhandlungen mit Huawei?

Erstellt: 24.07.2019, 20:37 Uhr

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