Nike spürt Frauenpower

Ein halbes Dutzend Topmanager beim US-Sportartikelhersteller Nike muss wegen sexistischen Gehabes gehen. Profitieren von der Führungskrise bei Nike könnte Adidas.

Sport, Lifestyle, Sexismus: Gerade beim Frauensortiment hat Nike Mühe, seinen Marktanteil zu erhöhen.

Sport, Lifestyle, Sexismus: Gerade beim Frauensortiment hat Nike Mühe, seinen Marktanteil zu erhöhen. Bild: Getty

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Für Nike mündet der Erfolgslauf von einem lokalen Laufschuhhersteller in Oregon zur grössten Sportartikelmarke der Welt in eine demütigende Führungskrise. Für zu viele Frauen wurde das Betriebsklima unerträglich. Sie rebellierten gegen eine sexistisch aufgeladene Atmosphäre und eine Personalabteilung, die ihre Beschwerden beiseitewischte. Die Missstände rächen sich aber auch kommerziell. Nike hat Mühe, beim Frauensortiment seinen Marktanteil zu erweitern, was Konkurrenten wie Adidas auszunützen hoffen.

Klagen über sexistische Sprüche der Chefs, über mangelhafte Karrierechancen von Frauen und ihren Ausschluss von wichtigen Geschäftsfeldern reichen weit zurück. Erste Beschwerden von 2002 berichteten von Geschäftsreisen, die im Stripclub endeten, und Frauen, die vom geselligen Teil ausgeschlossen wurden. Doch brauchte es die #MeToo-Bewegung und das Aufbegehren der Frauen in anderen Unternehmen wie Uber, bis der Damm brach.

Im März konfrontierte eine Frauengruppe den Konzernchef Mark Parker mit den Resultaten einer geheim geführten Befragung der weiblichen Angestellten. Ein Vorgesetzter hatte eine Angestellte in eine Toilette gedrängt und gegen ihren Willen geküsst, hiess es da. Ein anderer Chef legte auf seinem Pult Pornomagazine aus und liess die Frauen wissen, jederzeit mit Kondomen bereit zu sein. Ein Dritter bewarf eine Angestellte mit Schlüsseln und beschimpfte sie als «stupid bitch».

«Ich suchte Hilfe und wurde kaltgestellt. Ich war das Problem.»Marie Yates, Produktedesignerin

Die Personalabteilung wusste von diesen und weiteren Vorfällen, liess die Beschwerden aber liegen oder warf den Frauen sogar vor, sich überhaupt beklagt zu haben. Die weiblichen Angestellten begannen, das Personalamt zu meiden, berichten die «New York Times» und das «Wall Street Journal», weil sie Repressalien befürchteten.

«Ich suchte Hilfe und wurde kaltgestellt. Ich war das Problem», erklärte Produktedesignerin Marie Yates. Sie verliess Nike 2016 wie viele Frauen vor ihr. Eine der ersten war Parry Ross, eine Designvizepräsidentin, die im Alter von 16 Jahren bei Nike angefangen hatte. Ihr folgte Kerry Hoyt-Pack, die für den Aufbau der Frauenmarke verantwortlich war, und Nikki Neuburger, eine treibende Kraft hinter der Nike-Applikation. Sie alle beklagten eine vergiftete Atmosphäre und berichteten von einer verschworenen Männergruppe rund um Trevor Edwards, den für die Marke Nike zuständigen Topmanager. Diese «Freunde von Trevor» beförderten sich gegenseitig und liessen Frauen mit Karriereplänen stehen. Trevor Edwards hatte gar die besten Chancen, ab kommendem Herbst die Konzernführung zu übernehmen.

Expansionspläne ausgebremst

Doch diese Pläne lösten sich in den letzten Wochen in Luft auf. Mindestens sechs Topmanager verliessen das Unternehmen oder wurden freigestellt. Neben Edwards musste auch der Chef der Personalabteilung David Ayre gehen. Ersetzt wurde er durch Monique Matheson. «Wir haben es lange versucht, doch Nike hat es nicht geschafft, mehr Frauen und Minderheitenvertreter in Toppositionen zu befördern», kritisierte sie und verwies darauf, dass nur 28 Prozent der oberen Führungskader mit Frauen besetzt sind, obwohl 48 Prozent der Angestellten Frauen sind. Konzernchef Parker gestand ein, Fehler gemacht zu haben. «Das Verhalten gewisser Leute ist mit den Nike-Werten – Respekt, Inklusion und Förderung – nicht vereinbar.»

Die «Freunde von Trevor» beförderten sich gegenseitig und liessen Frauen mit Karriereplänen stehen.

Nun bleibt Parker bis 2020 Konzernchef und setzt sich ehrgeizige Ziele. Nike soll den Umsatz von 38 auf 60 Milliarden Dollar erhöhen und den Vorsprung auf die Konkurrenten noch ausbauen. Das aber setzt gemäss Parker voraus, dass mehr Produkte für jüngere Frauen und mehr Freizeitschuhe und -bekleidung entwickelt würden. Dabei hatte Baseball viele Jahre den Erfolg garantiert. Weder Under Armour noch Adidas konnten mithalten. Doch Adidas macht nun rasch Boden gut, wie die jüngsten Zahlen zeigen. Der deutsche Hersteller meldete ein Verkaufsplus in den USA von 31 Prozent und setzte sich vor Under Armour auf den zweiten Platz. Nike dagegen büsste drei Prozent Umsatz ein.

Adidas produziert gezielt auch für Frauen. Es räche sich eben, sagen Nike-Kaderfrauen, dass bisher zu stark auf männerdominierte Sportarten gesetzt und nicht genügend Geld für die Entwicklung eines Frauensortiments bereitgestellt worden sei.

Erstellt: 01.05.2018, 22:17 Uhr

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