Nobody bezwingt Billag

Nach 18 Jahren verliert die Billag ihr Mandat zum Inkasso der Radio- und TV-Gebühren. Der Firma mit 250 Angestellten droht das Aus.

Die Radio- und Fernsehgebühren für die Schweizer Haushalte sinken – und werden nicht mehr von der Billag eingezogen.

Die Radio- und Fernsehgebühren für die Schweizer Haushalte sinken – und werden nicht mehr von der Billag eingezogen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Noch ist im sandfarbenen Bürogebäude mit den auffälligen roten Fensterrahmen Platz frei. Doch bald werden die leeren Büros an der Allmendstrasse 17 in Fehraltorf gefüllt. Denn das öffentlich bisher unbekannte Unternehmen Secon hat mit seiner Tochterfirma Serafe einen so lukrativen wie prestigeträchtigen Grossauftrag an Land gezogen. Es kassiert künftig die Radio- und Fernsehempfangsgebühren von den Schweizer Privathaushalten. «Dieses Unternehmen konnte mit seinem Umsetzungskonzept überzeugen und unterbreitete das wirtschaftlich günstigste Angebot», kommentiert das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) seinen Entscheid.

«Es herrscht gerade eine wunderbare Hektik», freut sich Secon-Verwaltungsratspräsident Werner Krauer. Morgens um acht Uhr hatte er erfahren, dass seine Firma Gewinnerin der Ausschreibung ist. Wo genau er besser war als die zwei anderen Mitbieter, weiss er nicht. Beim Preis habe man 4000 von 10'000 Punkten gewinnen können, bei Konzept, Firmensolidität und Funktionalität 6000. «Wir wissen nur, dass wir am Ende am meisten Punkte hatten.»

180 Stellen verschwinden

Für Secon ist der Sieg ein Quantensprung. Sie stellt für den Auftrag zu den bestehenden rund 20 nochmals 37 neue Mitarbeitende ein, wie Krauer erklärt. «Wir wissen auch schon, welche Leute wir an Bord holen wollen.» Schliesslich habe man sich für die Ausschreibung intensiv mit der Materie beschäftigt und schon sehr genau planen müssen. Bereits am 1. Juli wird Secon-Tochter Serafe beginnen, das Projekt zum Einzug der Gebühren für Rundfunk und Fernsehen aufzugleisen, und damit die Ablösung der Billag einleiten, die das seit 1998 getan hatte.

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Bei der Billag führte das Aus nach 28 Jahren zu hängenden Köpfen. Zwei Stunden vor der öffentliche Bekanntgabe des Gewinners durch das Bakom hat die Swisscom-Tochter erfahren, dass sie den Auftrag verliert. Gemäss Sprecher Dominik Müller habe man dann zeitgleich das Personal informiert. Kurzfristig ändere sich für dieses vorerst nicht viel, sagt er. Schliesslich laufe das aktuelle Mandat zur Erhebung der Radio- und Fernsehgebühren noch bis Ende 2018. Dann aber ist Schluss in Freiburg: Da die Billag – abgesehen vom Inkasso von Urheberrechtsgebühren für die Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik (Suisa) – keine andere Mandate hat, kommt es zum Stellenabbau. Aktuell teilen sich beim Unternehmen etwa 250 Personen rund 180 Vollzeitstellen.

Kaum Übernahme von Mitarbeitenden

Zum verlorenen Auftrag kann die Billag noch nichts sagen, da sie den Mitbewerber, dem sie in der Ausschreibung unterlegen ist, nicht kennt. «Wir werden unseren Job aber bis zum Ende des Mandates professionell ausführen und alles dafür geben, dass die Übergabe an die Serafe gut funktioniert», sagt Müller. Natürlich werde sich die Billag auch darum bemühen, die Mitarbeiter zu unterstützen, welche durch den Verlust des Auftrages womöglich ihre Stelle verlieren.

Wechsel zur Secon-Tochter Serafe dürfte für die Mitarbeitenden nicht nur deshalb unmöglich sein, weil Fehraltorf fast zwei Stunden Autofahrt von Freiburg entfernt liegt. Die Gewinner-Firma plant auch nicht mit Billag-Mitarbeitenden. Man habe vorgängig diverse Experten angegangen, die Interesse hätten, zu ihr zu wechseln, so Chef Krauer. Ab dem 1. Juli beginne man mit der Umsetzung des Plans. Know-how im Bereich haben die Fehraltorfer bereits. Sie machen schon das Inkasso für verschiedene Krankenversicherer, darunter Branchenriese Helsana oder die mittelgrosse Kasse Atupri.

Stellenabbau in jedem Fall

Auch wenn die Billag den Auftrag hätte behalten können, wären in Freiburg Stellen abgebaut worden. Denn da das Inkasso der Radio- und Fernsehgebühren vereinfacht wird, hätte sich einiges verändert. Laut Sprecher Müller wäre für die Umstellung auf das neue System zwar anfangs mehr Personal nötig gewesen, danach wäre der Personalbestand der Billag aber stark gesunken.

Für die Billag war das Eintreiben der Radio- und Fernsehgebühren bisher ein durchaus einträgliches Geschäft. In einer Fragestunde des Nationalrats hat der Bundesrat im März 2015 den durchschnittlichen Jahresgewinn des Unternehmens zwischen 2008 bis 2014 mit 4 Millionen Franken beziffert. Einige Jahre hatte er dargelegt, dass die Billag für ihre Leistung «erfolgsorientiert abgegolten» werde. Das heisst: Je mehr Gebühren das Unternehmen einzieht, desto höher fällt die Entschädigung aus.

Gewinn als Antriebsfeder

Dass die Billag mit dem Inkasso der Fernseh- und Radiogebühren aber Gewinne machte, liegt durchaus im Interesse der Regierung. Nur wenn ein Auftrag mit Gewinnmöglichkeiten verbunden sei, würde sich dafür überhaupt jemand bewerben, sagte der Bundesrat einst im Parlament. Die Ausschreibung habe aber den Vorteil, dass durch den Wettbewerbsdruck die Abgeltung für die Abwicklung des Inkassos möglichst tief gehalten werden könne.

In einer früheren Version dieses Artikels war irrtümlicherweise davon die Rede, dass die Billag ihren wichtigsten Auftrag nach 28 Jahren verliert. Korrekt sind 18 Jahre. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 13:24 Uhr

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