Die einflussreichste Firma der Welt hat ein Problem

Facebook zählt mittlerweile mehr als 2 Milliarden Nutzer. Doch der Dienst muss sich reformieren.

Audienz: Mark Zuckerberg (r.) empfing 2015 den indischen Premierminister Narendra Modi im Facebook-Hauptsitz. Foto: Reuters

Audienz: Mark Zuckerberg (r.) empfing 2015 den indischen Premierminister Narendra Modi im Facebook-Hauptsitz. Foto: Reuters

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Als Unternehmen ist Facebook erfolgreicher denn je. Mit 2 Milliarden Nutzern hat Mark Zuckerberg mehr Kunden an seine Plattformen gebunden als jeder andere globale Konzern. Doch mit der Grösse sind auch die Probleme gewachsen: Facebook hat zu wenig Mitarbeiter, um die Datenflut zu überwachen und rassistische, gewalttätige und extremistische Inhalte fernzuhalten. Zuckerberg hat seine soziale Verantwortung als Unternehmen nur zögerlich übernommen. Nun will er den Rückstand mithilfe künstlicher Intelligenz wettmachen.

Diesen Frühling gestand der 33-jährige das Problem erstmals offen ein. In einem Eintrag auf seiner Facebook-Seite versprach er, 3000 neue Mitarbeiter mit dem Auftrag einzustellen, die Facebook-Posts systematisch auf gewalttätiges, sexistisches und aufrührerisches Material zu durchforsten. Zugleich relativierte er diese Bemühungen wieder: «Unabhängig davon, wie gross das Team ist, werden wie nie alles überwachen können.» Deshalb sollen Computer helfen. Ihre Fähigkeit, Verhaltensmuster zu erkennen und Texte und Bilder damit zu vergleichen, will Facebook flächendeckend nutzen. Auch Google setzt auf die künstliche Intelligenz der Maschinen, um menschliches Verhalten beurteilen und zum Beispiel Fake-News als Schwindel enttarnen zu können.

Plattform für Amokläufer

Derzeit sind die meisten Kontrolleure in Tieflohnländern beschäftigt. Sie haben nur Sekunden, um einen Eintrag zu beurteilen. Dies führt zu Ungereimtheiten und Lücken. Die Leitlinien von Facebook werden ungleich angewandt – mit teilweise gravierenden Folgen. «Missbrauch, Folter, Online-Suizide – solche Erscheinungen sind eine Folge der Livefeeds. Die automatische Benachrichtigung von Facebook-Freunden motiviert dazu, sich in Szene zu setzen», sagte Zeynep Tufekci, Internetexpertin und Lehrbeauftragte an der Universität von North Carolina. Sie verweist darauf, dass die Bundespolizei FBI die Motivation von Amokläufern an US-Schulen untersucht hat und zum Schluss gelangt ist, dass das Berühmtwerden im Internet eine wesentliche Treibkraft sein kann.

Infografik: Facebook hat weltweit am meisten aktive Nutzer Grafik vergrössern

Verschärft wird die unzureichende Kontrolle durch das Wachstum von Facebook in Entwicklungs- und Schwellenländern. Die erste Milliarde von Nutzern lebte vorwiegend in Industrieländern. Doch von der zweiten Milliarde rekrutierte Facebook 746 Millionen in Asien, Afrika und Südamerika. Besonders populär sind Facebook und die von Zuckerberg kontrollierten Plattformen Whatsapp, Instagram und Messenger in Brasilien, Russland und Indien. Diese Apps wachsen teils schneller als Facebook selber. Instagram zum Beispiel soll dieses Jahr bereits 20 Prozent zum Konzernumsatz beitragen.

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Whatsapp ist das bevorzugte Kommunikationsmittel in ländlichen, ärmeren Regionen. Ein Fünftel der Nutzer lebt in Indien. 85 Prozent der Landbewohner können mittels billigen, aus China importierten Smartphones auf die App zugreifen, und dies immer wieder mit tödlichen Konsequenzen. So haben extremistische und nationalistische Kräfte in den letzten Monaten wiederholt Desinformationen verbreitet und so Lynchmorde gegen Unschuldige provoziert.

Auf Grösse und Gewinn fixiert

Teil des Problems ist, dass alle führenden sozialen Medien amerikanische Unternehmen sind. Sie sind auf Grösse und Gewinn fixiert. Und sie leben im abgeschotteten Silicon Valley. Zuckerberg versucht nun zum ersten Mal, aus dieser Blase auszubrechen. Seit Januar befindet er sich auf einem «Great American Road Trip», der ihn in alle Bundesstaaten führen soll. Die Hälfte der Reise hat er bereits absolviert. In Texas besuchte er sein erstes Rodeo, in Mississippi war er in einem Blues-Club, in Alabama fuhr er auf einem Fischerboot aufs Meer, in South Carolina wohnte er einer Messe in einerschwarzen Kirche bei, in Wisconsin war er auf einer Farm, und in Ohio sprach er mit Opfern der Opioidsucht. Ziel der Reise sei, mehr über die Facebook-Nutzer zu wissen, sagte er.

Spekulationen, wonach Mark Zuckerberg mit der Tournee seine Kandidatur 2020 für das US-Präsidium vorbereite, wies er strikt zurück. «Wir stehen vor einer Herausforderung einer Generation. Wollen wir unsere Gesellschaft voranbringen, dann müssen wir nicht nur neue Arbeitsstellen schaffen. Dann müssen wir unsere Sinngebung erneuern», sagte er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2017, 21:30 Uhr

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