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«Nun, ich habe viel Fantasie»

Novartis winkt ein Rekordjahr. Der Pharmakonzern sieht keine Veränderung der Nachfrage - und keine Veränderung auch an der Spitze: Vasella bleibt, mindestens bis 2010.

Bei der Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz im Jahr 1996 wurde Daniel Vasella zum Leiter des neuen Unternehmens Novartis.
Bei der Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz im Jahr 1996 wurde Daniel Vasella zum Leiter des neuen Unternehmens Novartis.
Keystone
Der studierte Arzt an der Einweihung eines Novartis-Bürogebäude in Basel im Jahr 1999.
Der studierte Arzt an der Einweihung eines Novartis-Bürogebäude in Basel im Jahr 1999.
Keystone
Der Novartis-Chef bei einem Zeitungsinterview im letzten Mai.
Der Novartis-Chef bei einem Zeitungsinterview im letzten Mai.
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Daniel Vasella, 55, ist Chef des Pharmakonzerns Novartis, der weltweit rund 98'000 Mitarbeitende beschäftigt. Nach einem bewegten Jahr mit Entlassungen in den USA und Umbauten im Management steuert Novartis auf ein Rekordjahr zu - völlig unbeeindruckt von der globalen Finanzkrise.

Herr Vasella, es gab in Ihrem Leben viele interessante Brüche. Ach ja?

Sie waren Marxist, dann Arzt, jetzt sind Sie Manager. Seit zwölf Jahren führen Sie den Pharmakonzern Novartis und sind inzwischen der dienstälteste Firmenchef der Branche. Können Sie sich vorstellen, etwas anderes zu machen? Nun, ich habe viel Fantasie. Es gibt so viele Möglichkeiten. Aber wenn Sie auf einen neuen Bruch anspielen - da ist nichts geplant.

Mit Jörg Reinhard haben Sie zum ersten Mal einen Chief Operating Officer ernannt, der zuvor für Impfstoffe und Diagnostika zuständig war. Hätte er auch das Zeug dazu, Ihr Nachfolger zu werden? Ja, aber er ist sicher nicht der Einzige. Das Ziel ist, dass der Verwaltungsrat über eine gewisse Zeit die Möglichkeit hat, zwischen verschiedenen Kandidaten auszuwählen. Wenn man nur einen Kandidaten hat, ist das für eine Firma nicht optimal. Besonders dann nicht, wenn man auf Kontinuität bedacht ist und nicht unbedingt auf externe Kandidaten zurückgreifen möchte.

Das klingt so, als würden Sie Ihren Rückzug vorbereiten. Das mag für Sie so klingen, stimmt aber nicht. Aber ich kann vielleicht ergänzen, dass man die Frage der Nachfolge jährlich im Verwaltungsrat bespricht und die integral zur Aufgabe eines Verwaltungsrats gehört, damit man nicht eines Tages wie ein Esel vor dem Berg steht.

Ihr Vertrag läuft im kommenden Jahr aus. Richtig, aber wir haben die Bedingungen für den neuen Vertrag bereits besprochen und abgemacht. In einem ersten Segment wird er bis zur Generalversammlung 2010 laufen und später jedes Jahr automatisch erneuert werden - es sei denn, eine der beiden Seiten kündigt den Vertrag.

Sie sind gleichzeitig Konzernchef und Präsident des Verwaltungsrates. Dieses Modell ist in die Kritik geraten. Die Kombination dieser Verantwortungen ist eine, die nicht in Mode steht. Doch wer Moden nachrennt, liegt oft falsch. Die Trennung nach dem deutschen Modell bringt nicht wirklich Vorteile. Der deutsche Aufsichtsrat ist wirklich ein Aufsichts- und Kontrollorgan ohne strategische Aufgaben. Und die Kontrolle ist nur eine der drei Grundaufgaben eines Verwaltungsrates. Er setzt die Ziele, die Strategie, wählt die Schlüsselleute aus und übt gleichzeitig die Kontrolle aus. Das ist sehr viel mehr.

2008 war ein unruhiges Jahr für Novartis. Sie haben Andreas Rummelt als Sandoz-Chef abgelöst. Unruhig? Nein, das ist eine Vorbereitung der langfristigen Zukunft. Und wir haben alle diese Änderungen gebündelt. Unruhig wird es in einem Betrieb wenn Sie dauernd Änderungen haben. Und wir haben über eine lange Zeit eine grosse Konstanz gehabt. Ziel war, eine jüngere Generation in die Geschäftsleitung hineinzubringen, damit die langfristige Kontinuität gewährleistet ist.

In den USA haben Sie Tausende Mitarbeiter entlassen. Das hat mit einer Änderung im Markt zu tun. Wir sehen, dass sich die Zahl der Entscheidungsträger bei den Kunden reduziert. Auch finden nicht mehr so viele Entscheidungen beim Arzt statt. Das heisst, dass die Ärztebesuche weniger wichtig geworden sind, und das macht eine Restrukturierung beim Verkauf nötig. Und wir haben unsere Strukturen vereinfacht, wo immer die Möglichkeit dazu bestand.

Ist der Prozess jetzt abgeschlossen? Nein, der Kampf gegen die Bürokratie ist eigentlich nie zu Ende. In einem Grossbetrieb gibt es immer wieder neue Leute und neue Ideen. Und man muss immer wieder Sachen aufgeben, die vielleicht einmal sinnvoll waren.

Gibt es die Verschiebungen im Verkauf auch in Europa? Wird es hier auch bald Entlassungen geben? Das ist in jedem Land ganz verschieden. Wichtiger ist die Frage, ob man überall komplexe Strukturen haben muss, die national gewachsen sind und im gemeinsamen Markt der EU nicht unbedingt nötig sind.

Sie haben bereits angekündigt, dass 2008 ein Rekordjahr wird. Sofern keine unvorhersehbaren Ereignisse eintreten.

Die Finanzkrise hat gar keinen Einfluss auf Ihr Geschäft? Nicht negativ. Wir haben bisher keine Verlangsamung der Nachfrage beobachtet. Und wir haben nicht spekuliert und bewusst verzichtet, als andere stark in Derivate investiert haben. Dafür haben wir weniger verdient, aber jetzt auch nichts verloren. Das gilt übrigens auch für die Pensionskasse.

Finden Sie, dass die Gehälter der Bankchefs zu hoch sind? In der Wahrnehmung der Bevölkerung - ja. Aber die Frage ist immer: Verglichen mit wem? Und da sind sicher viele der Meinung, dass zu viel verdient wurde.

Finden Sie das auch? Das lässt sich nur vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation beurteilen. Wenn es so einfach wäre, wäre auch die Reparatur sehr einfach. Die Leute, die das politisch ausnutzen, sind Populisten. Obwohl die eigentlich besser wissen, dass es sehr viel komplexer ist.

Sie sind der bestbezahlte Manager Europas. Das bezweifele ich ernsthaft. Bei den Zahlen, die von gewissen Aktionärsaktivisten kolportiert wurden, ist ignoriert worden, dass bei mir zum Beispiel Aktien für zehn Jahre blockiert sind.

Müssen Sie Ihr Gehalt jetzt öfter rechtfertigen? Das habe ich noch nie getan. Ich habe gesagt, dass die an Resultate gebundene Entlöhnung sehr gut funktionieren kann und dass ich schockiert darüber bin, dass Leute vorgeben, das sei der Grund der ganzen Finanzkrise. Aber ich habe von meinem Lohn gar nicht gesprochen, den bestimme ich ja gar nicht.

Den bestimmt der Verwaltungsrat, dem Sie vorsitzen. Ja, aber nicht dem Vergütungsausschuss - dieser besteht ausschliesslich aus unabhängigen Verwaltungsräten.

Experten rechnen mit einer weiteren Konsolidierung in der Branche. Sie haben in den vergangenen Jahren viel dazugekauft, unter anderem den Augenmittelhersteller Alcon von Nestlé und das Biotech-Unternehmen Speedel. Ihr Spielraum für Übernahmen ist damit deutlich kleiner geworden. Ja, sicher.

Die Biotech-Unternehmen dürften durch die Finanzkrise doch billiger geworden sein. Gibt es keine interessanten Kandidaten? Meistens muss man sehr viel investieren, denn es handelt sich in der Regel um Entwicklungsprojekte. Und diese Firmen verdienen ja kein Geld, die brauchen Geld.

2012 läuft Ihr Patent für den Blutdrucksenker Diovan aus, der für Novartis ein Verkaufsschlager ist. Es droht Konkurrenz durch Nachahmerpräparate. Haben Sie schon Ersatz? Ja. Rasilez, eine neue Klasse unter den Blutdrucksenkern, mehrere Kombinationspräparate, wir haben auch eine sehr gute Krebs-Pipeline, wir stehen relativ gut da. Aber selbstverständlich wir es einen gewissen Einbruch geben.

Sie produzieren einerseits Medikamente und forschen, andererseits verkaufen Sie Generika, die die Patente angreifen. Wir greifen die Patentgesetze und den Schutz des geistigen Eigentums nicht an, im Gegenteil. Aber jedes Patent läuft einmal ab, und dann sind Generika legitim und werden auch gebraucht.

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