Die beste Post der Welt hat ein Imageproblem

Früher bekam sie einen Kaffee, heute muss sie den Poststellenabbau erklären: unterwegs mit Pöstlerin Yvonne Diethelm.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer die grösste Veränderung der Post sehen will, muss Yvonne Diethelm beim Rauchen zusehen. Diethelm ist Pöstlerin, seit 24 Jahren schon, 40 Jahre alt, Muratti-Raucherin. «Ein Landei mit gelbem Blut», sagt sie. Sie fährt einen VW Caddy, natürlich gelb, ein Viermalvier, 40 587 Kilometer auf dem Tacho.

Mit ihm geht sie Tag für Tag auf Tour, hinten in Fischenthal im Zürcher Oberland. Die Landstrassen hoch zu den Höfen. Diethelm wird erwartet. Viele Leute öffnen die Tür, während Diethelm im Wagen noch die Handbremse zieht, und nehmen die Post persönlich entgegen. Es schifft, und Diethelm lacht, «Schöns Tägli».

Ein paar Minuten später nimmt sie den Scanner aus dem Halfter, drückt einen Knopf, zückt eine Muratti. Das ist die Veränderung. Schloten, schwatzen, nach vier Minuten wieder den Knopf drücken, die Pause ist vorbei. Das Gleiche macht sie, wenn sie ein Paket abgibt, wenn sie einen Arbeitsschritt beendet hat, wenn sie in die Mittagspause geht. Der Scanner registriert alles. Sie hat ihr eigenes Stempelgerät am Gürtel.

Die beste Botschafterin der Post

Der Scanner zeigt: Die Post ist effizient geworden. Abläufe werden automatisiert, Poststellen ausgewertet und geschlossen. Die Welt wird digitaler, der Pöstler mit seinem gelben Wägeli und Viermalvier: ein Anachronismus. Diethelm plagen diese Gedanken nicht. Ein Morgen mit ihr, und es entsteht der Eindruck: Es gibt keine bessere Botschafterin für die Post. Hat sie ein Paket vergessen abzugeben, fährt sie noch mal den Hoger hoch; steckt das Auto im Schnee, marschiert sie zu Fuss zum Briefkasten. Stets freundlich, stets ein «Schöns Tägli».

Doch die Pöstler können so freundlich grüssen, wie sie wollen, trotzdem wird im ganzen Land über die Post geflucht. Es hat mit dieser neuen Effizienz zu tun. Am Bahnhof von Fischenthal sagt eine ältere Frau: «Die bauen nur ab.» Und: «Manchmal kommt die Post überhaupt nicht, für die alten Menschen ist es schwierig geworden.»

Früher übergab der Pöstler die AHV zu Kaffee und Schnaps. 

Die Post hat ein Imageproblem, nicht erst seit dem Skandal um die Postauto-Subventionierung, die bis heute nicht geklärt ist. Die Post ist hochgesund, verschickt so viele Pakete wie noch nie, schreibt Gewinn – und doch zürnen ihr die Menschen. Das ist den Umständen geschuldet – und ein wenig dem Verhalten der Post: Sie steckt wieder einmal im Wandel. 1997 wurde die PTT aufgeteilt. Lange hatte die Telefonie die Post quersubventioniert, nun musste diese selbst profitabel werden. Das schaffte die Post, doch das nächste Problem kam sogleich.

E-Mails haben das Geschäft mit den Briefen kaputt gemacht, da hilft auch das Monopol auf alle Sendungen bis 50 Gramm wenig. Also wandelt sich die Post erneut und streicht Poststellen – 160 Millionen Franken Verlust machten sie allein im letzten Jahr. Eine Zahl, die Postkritiker anzweifeln. Sie argumentieren, dass die Post den Verlust dank einer neuen Buchhaltungsmethode künstlich schlechter ausweise, als er wirklich sei.

Trotzdem: Von einmal 3700 Poststellen sollen 2020 noch 800 übrig bleiben. 2002 gab es im Kanton Uri 26 Poststellen, in drei Jahren sind es 3 – so der forsche Plan. Mit diesem teilt die Post den älteren und immobilen Menschen zwischen den Zeilen mit: Ihr seid zu alt, auf euch können wir verzichten. Das kommt nicht gut an. Ebenso wenig der vorgesehene Ersatz, die Agenturen in den Dorfläden des Volg oder dem Primo.

Im besten Fall profitieren von dieser Kombination alle: der Volg, die Post und selbst der Kunde, weil er längere Öffnungszeiten geniesst. Doch die Realität ist oft anders. Alle Kunden, die noch mit dem gelben Büchlein und in bar einzahlen wollen, alle sie fluchen, denn das ist in der Agentur nicht möglich.

Die Post schlägt bei diesem Wandel ein Tempo an, das viele überfordert. Und sie kommuniziert in einer Art, die die Leute empört. Ein Beispiel: Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller reiste im Sommer mit der «Schweizer Illustrierten» durch die Schweiz. Als er in Zäziwil im Emmental eintraf, wurde er von einer Kundin mit einem «Kommen sie zur Hinrichtung?» empfangen.

Schwaller antwortet, wie er seither immer antwortet, dass die Post nicht einen Leistungsabbau, sondern einen -ausbau betreibe. Es gebe heute mehr Zugangspunkte für den Kunden – Bancomaten oder Agenturen sei Dank. Nun, Schwaller mag auf dem Papier recht haben, doch für die empörte Frau in Zäziwil ist das Augenwischerei: Poststellen verschwinden, also bauen sie ab.

Die Post will vermitteln, sie geht in die Dörfer und hält sogenannte Dialogveranstaltungen, 130 hat sie schon bestritten. Meist ist das Verdikt im Voraus bereits bekannt, aus dem Dialog wird ein Monolog: Wir schliessen. Die Betroffenen – egal welcher Partei sie angehören – wehren sich trotzdem. Sie demonstrieren, sammeln Unterschriften. In Schötz LU kamen gerade 2395 davon zusammen, in Hausen AG reichte das Pro-Post-Komitee letzte Woche 3912 Unterschriften ein. Auch die Argumente gleichen sich: Die Poststelle braucht es, sie läuft, sie ist gut fürs Zusammenleben.

Der Teufel jedes Pöstlers

Pöstlerin Diethelm weiss um diese Sorgen, sie hört sie an jeder Haustür. Sie sagt dann: «Wir müssen profitabel sein, damit unsere Löhne gezahlt und die Versorgung sichergestellt werden können.» Sie erzählt im Auto, dass sie an ihrem Alltag die Abwechslung schätze. Im Handschuhfach liegt eine Schachtel Matzinger Shapes, Hundeguetsli, für den Teufel jedes Pöstlers. Ein Hofhund hat Diethelm kürzlich in die Wade gebissen. «Bei diesem Hof steige ich nicht mehr aus, das habe ich mit der Bäuerin abgemacht.»

Diethelms Tag beginnt um 5.30 Uhr: Briefe ordnen. Heute werden 90 Prozent der Briefpost von den grossen Maschinen in den Verteilzentren sortiert, der Rest geschieht von Hand. «Die Automatisierung ist eine Riesenerleichterung», sagt Diethelm, während sie selber Briefe sortiert. Neben ihr nickt Ernst Sutter, seit 45 Jahren Pöstler, davon 25 Jahre als Posthalter in Goldingen – bis die Poststelle schliessen musste. Er lässt sich bald frühpensionieren. Ihm sei es gut ergangen, doch er würde heute nicht mehr Pöstler werden. «Mit dem Lohn kannst du kaum mehr eine Familie ernähren.»

Es gab eine Zeit, da war der Pöstler ­jemand im Dorf. Ein Jemand, den die Leute kannten und dem sie vertrauten. Er brachte Betreibungsurkunden und Scheidungsbriefe, er übergab einmal im Monat das Couvert mit der AHV und wurde viele Male eingeladen, Schnaps und Kaffee standen auf dem Tisch.

Das ist vorbei. Herumplaudern liegt nicht mehr drin. Zwar wurden die Briefe weniger, doch die Routen länger. Und da ist dieser Scanner, der jeden Arbeitsschritt protokolliert und die Pöstler auswertet. Für Diethelm kein Problem, sie arbeitet zügig. «Der Scanner ist eine Hilfe», sagt sie, er erleichtere vieles: das Unterschreiben, das Paket-Abhaken, das Abfragen der Kundeninformationen.

Dass er die Pöstler auch überwache und vermessbar mache, wisse sie, beeinflusse sie aber nicht: «Ich arbeite deswegen nicht anders.» Nicht alle Kollegen sehen das gleich. Roland Lamprecht von der Gewerkschaft Syndicom sagt, dass sich immer mehr Pöstler davon stressen liessen. Vor allem älteres Personal kann mit den sogenannten Effizienzsteigerungen kaum Schritt halten. Lamprecht nennt die Bedingungen «prekär».

Der Gewerkschafter bekommt zudem täglich Anrufe von Mitarbeitern aus Poststellen im ganzen Landes, die wegen der Schliessungen um ihren Job fürchten. Lamprecht ist der Meinung, dass die Post nicht profitabel sein soll.

Am Ende sind alle froh ums Geld

Es ist die Krux: Die staatliche Post agiert marktwirtschaftlich. Das beisst sich. Poststellen sind mehr als gelbe Betongebäude, die zugehen. Die Post ist ein Treffpunkt, ein Ort auch der älteren Leute, die den Service public brauchen. Darum hat sich nun auch die Politik eingeschaltet. Im November hat der Ständerat eine ­höhere Transparenz und eine Bremsung des Wandels beschlossen.

Zahlreiche Vorstösse sind im Parlament hängig, auch CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt hat eine Motion eingereicht. Er sieht die Post in «einem kommunikativen Niemandsland» und vermisst eine ordentliche Planung. Die Post antwortet, dass sie die flächendeckende Grundversorgung «ohne Wenn und Aber» erfülle und sich der Diskussion stelle. In dieser hat sie gerade auf politischer Ebene ein gutes Argument.

Jährlich fliessen 200 Millionen Franken an Dividenden in die Bundeskasse. Politiker könnten dem Bundesrat auftragen, das Gewinnziel herunterzuschrauben, um die Poststellen am Leben zu erhalten. Macht aber niemand, es wäre politisch chancenlos. Wie geht es weiter? Kenner sagen, dass sich kaum etwas ändern werde, der Bund sei auf den Gewinn angewiesen. Heisst: Die Post baut weiter ab und sitzt die Negativschlagzeilen aus.

Pöstlerin Diethelm hat derweil Ende Jahr einen Bonus von 100 Franken bekommen. Ihr Arbeitgeber wurde 2017 als beste Post der Welt ausgezeichnet.

Erstellt: 10.04.2018, 11:37 Uhr

Artikel zum Thema

Die Todesengel von der Post

Porträt Martin Farner wehrt sich für die Poststelle in seinem Dorf. Mehr...

Ansturm auf Einbürgerungsschalter

Der Brief von Stadtpräsidentin Mauch an 40'000 Ausländer hat Folgen: Innert dreier Wochen sind 1000 Einbürgerungsanträge mehr abgeholt worden als üblich. Die SVP tobt. Mehr...

Die neue Allzweck-Waffe der Chefs

SonntagsZeitung Firmen fordern von den Angestellten eine schnelle Anpassung an den digitalen Wandel. Das Zauberwort heisst «Flexibilität». Doch bei den Arbeitern herrscht vor allem eines: Angst. Mehr...

Die Post in Zahlen

200
Millionen Franken lieferte die Post dem Bund 2017 an Dividenden ab. Sie machte 8,0 Milliarden Umsatz und 420 Millionen Franken Gewinn. 1998 betrug der Umsatz 5,5 Milliarden und der Gewinn 239 Millionen.

800
Poststellen soll es 2020 in der Schweiz noch geben. Die Zahl ist von einmal 3700 auf heute 1230 gesunken.

130'000'000
Pakete hat die Post 2017 ausgeliefert. Rekord. 30 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Ein grosser Anteil davon stammt von Zalando. Die Zahl dürfte weiter anwachsen. Die Post hilft dem Internetriesen Amazon beim Schweizer Markteintritt.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...