Orell Füssli auf der Suche nach einer neuen Strategie

Die Mitarbeiter des Buchhändlers sind nervös. Das Kerngeschäft wird vom Unternehmensberater McKinsey durchleuchtet, und Gerüchte über den Verkauf sorgen für weitere Unruhe.

Ungewisse Zukunft: Orell-Füssli-Buchhandlung in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ungewisse Zukunft: Orell-Füssli-Buchhandlung in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Bei den Buchhändlerinnen und Buchhändlern von Orell Füssli (OF) hat die Meldung Erstaunen ausgelöst: Die Nachrichtenagentur Reuters schrieb jüngst, dass ihre Mutterfirma die deutsche Buchhandelsgruppe Thalia kaufen wolle. Gespräche seien im Gang, will Reuters wissen. Thalia ist den OF-Buchhändlern bestens bekannt. Seit zwei Jahren arbeiten sie in einem Joint Venture mit den ehemaligen Konkurrenten zusammen. Bei der damaligen Bekanntgabe der Kooperation sah man sich bei Orell Füssli eher als Minoritätspartner. Die OF Holding allein jedenfalls hält faktisch eine Minderheitsbeteiligung am Gemeinschaftsunternehmen. Und jetzt soll Orell Füssli plötzlich zum Käufer werden?

Kenner der Buchbranche sehen darin durchaus eine «industrielle Logik», wie ein Ex-Kader von OF sagt. Diese Logik heisst Grösse: Zusammen könne man sich besser gegen die internationale Billigkonkurrenz aus dem Internet und gegen die Ertragserosion wehren. Der kolportierte Preis von 100 Millionen Euro sei für die Gruppe günstig. Thalia betreibt, neben dem Schweizer Geschäft mit OF, mehr als 200 Filialen in Deutschland und Österreich. Nach jahrelanger Restrukturierungen und Ladenschliessungen gilt Thalia in den beiden Ländern als gut aufgestellt. Zudem kennt Deutschland nach wie vor die Buchpreisbindung. Der Preiskampf ist deshalb nicht so ­ruinös wie hierzulande.

Auch der Fakt, dass im Verwaltungsrat der Schweizer Kooperationsfirma Orell Füssli Thalia mit Jürg Bodenmann ein ehemaliger Geschäftsführer der Thalia-Gruppe den Vorsitz hat, wird in der Branche als ein Hinweis genannt, dass mehr hinter den Gerüchten steckt. Der Walliser Bodenmann hatte Anfang der Nullerjahre einen Teil seiner Buchkette ZAP an die Deutschen verkauft und danach konzernintern Karriere gemacht.

Industrieteil abspalten

Positive Stimmen, wie man sie aus der Buchbranche zur Übernahme vernimmt, sind in Investorenkreisen nicht zu finden. Deren Interessen liegen auf dem Industrieteil der Orell Füssli Holding. Die Buchhandel gilt als schwierige Nische, von der man sich besser trennen sollte. Von Abspaltung und Transfer der Joint-Venture-Firma Orell Füssli Thalia in die Thalia-Gruppe ist deshalb die Rede. Die Zusammensetzung der Führung der Orell Füssli Holding widerspiegelt dies. Martin Buyle, seit einem Jahr Chef der Holding, ist ein Industrieller. Zum Detailhandel hat er keine Affinität. Zu den Kaufgerüchten um Thalia nimmt das Unternehmen keine Stellung.

Die Buchhändler von Orell Füssli dürfen also weiter staunen. Auch darüber, was gerade in ihrem eigenen Bereich passiert. Seit der Gründung des Joint Ventures wurde zwar viel angekündigt und diskutiert. Einige Filialen wurden geschlossen und verkleinert, weil sie nicht mehr rentierten oder weil es zwischen Thalia und Orell Füssli Überschneidungen gab. Wie es mit ihrem Geschäft genau weitergehen soll, wie die Profitabilität insbesondere grosser Buchhandlungen gesteigert werden soll, das hat man ihnen bisher nicht gesagt.

Erst hiess es, es werde für alle Läden nur noch eine Marke geben, eineinhalb Jahre später dann, vielleicht fahre man doch eine Mehrmarkenstrategie. Heute gibt es im stationären Handel die Marken Orell Füssli, Thalia, Rösslitor, ZAP, Meissner und Stauffacher, wovon die letzten drei in den Nullerjahren durch Übernahmen zu Thalia gestossen sind. Auch online tritt das Joint Venture mit drei verschiedenen Marken auf. Das ist aufwendig und teuer. Kommt dazu, dass nach wie vor auch die Frage offen ist, wie man die Schnäppchenjäger im Internet bedienen will. Ein eigener Discountkanal existiert bisher nicht.

Dass die Buchhändler noch keine Antworten auf diese Fragen erhalten haben, dürfte unter anderem mit der Aufhebung des Euromindestkurses zu tun haben. Seither ist der Umsatz des Schweizer Buchhandels um mehr als 5 Prozent gesunken, insbesondere wegen Preisreduktionen. Beim Gemeinschaftsunternehmen hat das offenbar derart auf die Erträge gedrückt, dass sich das Unternehmen im schlechtesten von ihm prognostizieren Geschäftsszenario wiederfindet, wie Kenner sagen. In einer Unternehmensbroschüre gibt Orell Füssli Thalia den Umsatz aktuell mit rund 200 Millionen Franken an. Letztes Jahr betrug der Umsatz des im September endenden Geschäftsjahres noch 226 Millionen Franken.

Ergebnisse Anfang Jahr erwartet

Die Entwicklung hat offenbar für Nervosität im Verwaltungsrat gesorgt. «Dieser mischt sich stark ins operative Geschäft ein», sagt der Kenner. Für die offenen strategischen Fragen hat der Verwaltungsrat nun Berater ins Haus geholt. McKinsey nimmt die Vertriebsstrukturen unter die Lupe, bestätigen Unternehmensquellen. Der Strategieconsultant ist bekannt dafür, vor allem auf Massnahmen zur Kostensenkung zu ­setzen. McKinsey soll auch bei der Restrukturierung bei Thalia in Deutschland mitbeteiligt gewesen sein.

Kein Wunder, hat die Meldung, dass nun Berater im Haus sind, bei vielen ­Filialleiterinnen von Buchhandlungen nicht nur Erstaunen ausgelöst, sondern für Unruhe gesorgt. Was dabei herauskommt, bleibt abzuwarten. Von Filialschliessungen im grossen Stil sei derzeit nicht die Rede, wird kolportiert. Es heisst, mit Ergebnissen sei Anfang nächsten Jahres zu rechnen.

OFT will zu den Vorgängen aktuell keine Stellung nehmen.

Erstellt: 17.11.2015, 22:49 Uhr

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