Orell-Füssli-Thalia-Mitarbeiter haben doppelten Weihnachtsstress

Der Buchhändler hat intern die neue Strategie präsentiert. Er will auf die Marke Orell Füssli setzen und beim Personal weiter sparen.

Das Hauptgeschäft von Orell Füssli im Zürcher Kramhof. Auch ein neues Ladenkonzept prüft der Buchhändler. Foto: Doris Fanconi

Das Hauptgeschäft von Orell Füssli im Zürcher Kramhof. Auch ein neues Ladenkonzept prüft der Buchhändler. Foto: Doris Fanconi

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Wer auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk ein Orell-Füssli-Thalia-Geschäft besucht, könnte auf abgespannt wirkende Buchhändlerinnen treffen. Denn diese stehen gleich doppelt unter Druck. Sie müssen das Geschäft des Jahres bewältigen – immerhin erzielt ein Buchhändler an Weihnachten mehr als ein Fünftel des ganzen Jahresumsatzes. Gleichzeitig hetzen viele Angestellte von Informationsveranstaltung zu Informationsveranstaltung ihres Arbeitgebers – und dies teils in aller Herrgottsfrühe.

Anfang Monat gab das Unternehmen intern einen Stellenabbau in den Zürcher Filialen Kramhof und Bookshop bekannt. Kurz darauf luden Unternehmenschef Michele Bomio und Finanzchef Pascal Schneebeli zu Veranstaltungen in sieben Städten, um die künftige Strategie vorzustellen. Für deren Erarbeitung hatte die Buchhändlerin die Beratungsfirma McKinsey engagiert.

Was die Mitarbeiter – meist morgens um 7 Uhr – zu hören bekamen, war nicht sehr positiv. Das Unternehmen sei zwar kein Sanierungsfall, hiess es da. Mit der Arbeit in den Filialen scheint die Firmenführung aber nur mässig zufrieden zu sein. Es würden zu wenig neue Kunden gewonnen, wurde bemängelt. Und die Zahlen zeigten nach unten. In den letzten vier Jahren erlitten Orell Füssli und Thalia, erst als eigenständige Firmen und ab 2013 im Joint Venture, einen Gewinneinbruch. Von mehr als 50 Prozent war in der Präsentation die Rede. Der Umsatz sei um fast 20 Prozent gesunken, hiess es weiter. Das bedeutet einen Verlust von Marktanteilen, denn der gesamte Buchmarkt schrumpfte in der gleichen Zeit «lediglich» um rund 10 Prozent. Umsatz abgeben musste der Platzhirsch vor allem an Amazon. Der Internetgigant setzt dem hiesigen Buchhandel mit Tiefstpreisen heftig zu.

25 Massnahmen sollen helfen

Das Ziel von Orell Füssli und Thalia, dem Internetriesen gemeinsam effektiver entgegenzutreten, brachte offensichtlich nur mässigen Erfolg. Für Firmenkenner ist das wenig überraschend. Wichtige, aber heikle Fragen wurden immer wieder hinausgeschoben – beispielsweise welche Namen die Läden tragen sollten. Im Gegensatz dazu hat das Gemeinschaftsunternehmen laut Kennern viel Geld ausgegeben, etwa für die globale Einführung der SAP-Software, die kritisiert wird, weil sie den Buchhändlerinnen die Flexibilität nimmt, kurzfristig auf Verkaufstrends im Laden zu reagieren. Einiges gekostet haben wohl auch die Kundenkarten, die nur ein Jahr nach der Lancierung zurückgezogen werden mussten, weil deren Name Bonuscard bereits anderweitig vergeben war.

Diese Zeiten der Unentschlossenheit will die Firma nun hinter sich lassen. Dabei helfen sollen diverse McKinsey-­Vorschläge. Von 25 Massnahmen sei die Rede gewesen, sagen Anwesende. Einer der wichtigsten Entscheide betrifft die Marke. Orell Füssli Thalia will auf einen einzigen Namen setzen: Orell Füssli Schweiz. Im kommenden Frühling sollen die Thalia-Geschäfte umfirmiert werden, wie es hiess. Auch die drei Onlinekanäle Buch.ch, Books.ch und Thalia.ch sollen in die traditionsreiche Marke Orell Füssli unbenannt werden.

Firmensprecher Alfredo Schilirò bestätigt die Markenkonzentration. Diese werde im Verlaufe des nächsten Jahres passieren, sagt er. «Mit dem Namenswechsel kommt es möglicherweise bei Bedarf auch zu Anpassungen im Erscheinungsbild der Standorte», sagt Schilirò weiter. Ein neues Ladenkonzept wird gemäss Kennern bereits getestet.

Investitionen in Kassen und Software

Investieren will die Firma daneben in schnellere Kassen und in Software. Auch neue Filialen seien geplant. Von einem halben Dutzend war an der Präsentation die Rede. Nächstes Jahr steht die Eröffnung einer Filiale in Oerlikon an.

Im Übrigen scheinen viele Zeichen auf Sparen zu stehen. So sei vorgesehen, dass defizitäre Geschäfte geschlossen würden, sagen Teilnehmer. Insbesondere Geschäfte in Einkaufszentren seien nicht gewinnbringend, hiess es offenbar.

Orell Füssli Thalia betreibt derzeit 35 Filialen. Gemäss Firmensprecher Schilirò sollen nächstes Jahr neben dem Bookshop in Zürich je eine Filiale in Freiburg und St. Gallen geschlossen werden. «Weitere Schliessungen sind aktuell nicht vorgesehen.»

An der Präsentation hat die Firmenleitung aber offenbar gesagt, die Personalkosten um 2,1 Millionen Franken senken zu wollen. Geht man davon aus, dass der Lohn einer Buchhändlerin inklusive Sozialkosten um die 75 000 Franken pro Jahr beträgt, könnten damit um die 25 Vollzeitstellen gestrichen werden. Aber auch die Absenzen von Mitarbeitern sollen verringert werden.

Nicht runter mit den Preisen

Reduzieren will das Unternehmen offenbar auch bei den Sortimenten, im Buch- wie im Nicht-Buch-Bereich. Zudem sollen weitere Prozesse zentralisiert werden, beispielsweise das interne Bestellwesen. Kenner fürchten, dass die Buchhändlerinnen nach der Einführung der SAP-Software dadurch weitere Freiheiten verlieren, auf die spezifischen Bedürfnisse ihrer Kunden in der Filiale eingehen zu können.

An der Preisstrategie hingegen soll sich nichts gross ändern. Eine Analyse ergab zwar, dass Orell Füssli Thalia bis zu 40 Prozent teurer sei als die Konkurrenz. Kunden störten sich aber nicht wesentlich daran, bekamen die Mitarbeiter an der Präsentation von Chef Bomio zu hören. Zu Personalkosten sowie Sortiments- und Preisstrategie wolle sich Orell Füssli Thalia nicht öffentlich äussern, hiess es dazu vonseiten des Firmensprechers.

Bis die Massnahmen umgesetzt sind, wird es für die Mitarbeitenden noch einige Stresssituationen geben. Immerhin nimmt mit den nahenden Feiertagen die Beanspruchung im Laden etwas ab. Bald gar keinen Arbeitsdruck mehr haben wird Chef Bomio. Sein Abgang ist bereits kommuniziert. Am 23. Dezember hat er seinen letzten Arbeitstag. Nachdem in den letzten zwei Jahren die Leiter der Bereiche Marketing, Personal und Vertrieb die Firma verlassen hatten, bildeten nur noch Bomio und Finanzchef Schneebeli die Geschäftsleitung. Jetzt verbleibt nur noch einer im Gremium – zumindest vorläufig.

Erstellt: 18.12.2015, 23:32 Uhr

Mitarbeiter müssen sich
neu bewerben

Wegen der Integration der englischsprachigen Filiale The Bookshop in die Filiale Kramhof auf Mai nächsten Jahres hat Orell Füssli Thalia (OFT) den Abbau von bis zu 15 Stellen bekannt gegeben. Die verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen sich quasi neu bewerben. Diese Information der Firmenleitung hat für viel Unruhe gesorgt. Insbesondere weil die OFT-Führung beim Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit offenbar eine Massenentlassung angemeldet hat oder anmelden wollte, wie Elisabeth Fannin sagt. Fannin ist bei der Gewerkschaft Syndicom für den Buchhandel zuständig. «Wir gehen davon aus, dass alle Mitarbeitenden, die sich nicht neu bewerben, automatisch die Stelle verlieren», sagt die Gewerkschafterin. Syndicom forderte die OFT-Führung in einem Brief auf, Kündigungen zu verhindern und Klarheit zu schaffen.

Gemäss Firmensprecher Alfredo Schilirò hat das Unternehmen beim Amt keine Massenentlassung angemeldet. OFT habe das Thema interne Bewerbung klar geregelt. Mitarbeitende, die für Veränderung im Kramhof/Bookshop oder innerhalb von OFT bereit seien, könnten dafür ein entsprechendes Formular ausfüllen. Bei Mitarbeitenden, die das Formular nicht ausfüllten, gehe OFT davon aus, dass sie in einer vergleichbaren Tätigkeit im Kramhof/Bookshop weiterarbeiten wollten. «Das Nichtausfüllen des Formulars hat keinerlei negative Konsequenzen bei der Stellenbesetzung», so der Sprecher. (bv)

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