Patronen für die ganze Welt –300 Millionen Schuss pro Jahr

In Thun stellt die Ruag Munition für Schweizer Soldaten und für ausländische Spezialeinheiten her.

Schweizer Präzisionsarbeit: Munitionsproduktion bei der Ruag Ammotec. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

Schweizer Präzisionsarbeit: Munitionsproduktion bei der Ruag Ammotec. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

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«Bitte berühren Sie nichts, Sie wollen ihre Fingerabdrücke schliesslich nicht auf einer Patrone haben», scherzt der Mann, der so locker durch das Werk führt, als wäre es eine Schokoladenfabrik. Der Unterschied: Kameras und Mobiltelefone müssen aus Gründen der Sicherheit draussen bleiben. Ein Plakat an der Wand ermahnt die Angestellten, sie sollen fremde Personen ansprechen und nach ihrem Ziel fragen. Denn was hier inmitten des riesigen Thuner Ruag- und Armeeareals hergestellt wird, ist Kriegsmaterial. Und dies in hoher Schweizer Qualität, wie die Verantwortlichen betonen. «Die grosse Herausforderung der Munitionsherstellung ist es, alle Patronen genau gleich herzustellen», sagt der Ruag-Mitarbeiter. Wenn eine Patrone im falschen Moment klemme, könne dies Leben kosten, stellt der Mann fest.

Zwar erzielte die Ruag letztes Jahr 57 Prozent ihres Umsatzes mit zivilen Produkten und Dienstleistungen. So fliegen etwa Hunderte Airbus-Maschinen mit Flügel- und Rumpfteilen aus den Werkhallen der Ruag durch die Lüfte. Doch 30 Prozent des Umsatzes der Ruag stammen von Aufträgen der Schweizer Armee. Und weitere 13 Prozent erzielt das Unternehmen mit Aufträgen von ausländischen Armeen. Ein guter Teil des militärischen Umsatzes wird in Thun generiert, in der Garnisonsstadt, wo der Bund bereits 1863 die Eidgenössische Munitionsfabrik gründete. Auch über 150 Jahre später ist die Herstellung von Munition ein wichtiges Standbein der Ruag in Thun. 300 Personen arbeiten hier für die Ruag Ammotec.

Schiesspulver im Betonspeicher

In der Haupthalle der 1990 gebauten Fabrik sieht es nicht anders aus als in vielen andern Industriebetrieben: Maschinentürme, Förderbänder, Materialdepots, gewissenhaft arbeitende Männer in Werkskleidung. Die Herstellung der Patronen ist hoch automatisiert. Aus einem langen Messingband werden münzgrosse Stücke herausgestanzt und in mehreren Schritten lang gezogen, bis sie Patronenform erreicht haben. Zu Tausenden rieseln die noch leeren Hülsen aus den Maschinen – als hätte jemand an einem Spielautomaten den Jackpot geknackt.

Der heikle Arbeitsschritt, das Einsetzen des chemisch präparierten Zünders und das Einfüllen des Schiesspulvers, geschieht in einem separaten Raum. Das Pulver wird in einem Betonsilo über der Abfüllanlage gelagert. Gegen unten hat der Speicher nur eine kleine Öffnung – gegen oben ist er jedoch offen. So würde sich die Explosion im Fall einer Entzündung nach oben ausbreiten und die Mitarbeiter unten in der Fabrik möglichst unbeschadet lassen.

Wenn die Hülsen gefüllt sind, setzt die Maschine das Projektil auf und platziert jeweils zehn der fertigen Patronen auf eine Plastikschiene. 300 Millionen Patronen verlassen die Fabrik pro Jahr. Darunter befinden sich die Standardpatronen für das Schweizer Sturmgewehr 90, die Gw Pat 90. Es werden jedoch auch in- und ausländische Polizeieinheiten, Nato-Armeen und weitere Länder beliefert, wenn das Seco die Ausfuhrbewilligung erteilt.

Konzernchef Urs Breitmeier argumentiert, dass das Werk ohne Kunden aus dem Ausland nicht genügend ausgelastet wäre und somit für die Schweizer Armee teurer produzieren würde. Auf den starken Franken hat die Ruag Ammotec mit der Erhöhung der Arbeitszeit reagiert: Seit Anfang August arbeiten die Angestellten 43 statt 40 Stunden pro Woche.

Mit der Munitionsherstellung in der Schweiz erfüllt die Ruag auch die Vorgabe ihres Aktionärs, des Bundes. Die Ruag und ihre Tochtergesellschaften «dienen vorab der Sicherstellung der Ausrüstung der Armee», heisst es in der Eignerstrategie des Bundesrats. Breitmeier verweist auf die anderen Rüstungsunternehmen in der Schweiz: Die Panzerherstellerin Mowag ist heute Teil des US-Konzerns General Dynamics und die Luftabwehr- und Lenkwaffenspezialistin Contraves ist im deutschen Rheinmetall-Konzern aufgegangen.

Doch autonom vom Ausland kann auch die Ruag ihre Munition nicht herstellen: Der Zündmechanismus der Patronen wird von einem Drittunternehmen in Deutschland hergestellt. Und Munition über 12,7 Millimeter Durchmesser produziert die Ruag sowieso nicht mehr – die Armee muss diese im Ausland beschaffen.

Beste Scharfschützenmunition

Da auch viele andere Länder ihre eigenen Munitionsfabriken haben, fokussiert die Ruag für das Auslandgeschäft auf Spezialmunition. Da gibt es Patronen, die Löcher in Panzerungen reissen oder Panzerglas durchschlagen können. Oder Munition, die unter der Schallgeschwindigkeit bleibt und so keinen Überschallknall verursacht. Und die Ruag hat auch umstrittene «mannstoppende» Munition im Sortiment, die grössere Verletzungen verursacht. Dafür soll sie verhindern, dass die Kugel wieder aus dem Körper austritt und – etwa bei einer Geiselnahme – jemand anderes als die Zielperson verletzt.

«Wir sind überzeugt, dass wir weltweit die beste Scharfschützenmunition haben», sagt Breitmeier. «Wir stehen deswegen in der Kritik. Doch diese Munition verkaufen wir nicht an Heckenschützen, sondern an Spezialeinheiten von Polizei und Militär.»

Dass das Kriegsmaterial nicht immer bei dem bleibt, der es gekauft hat, weiss auch die Ruag – spätestens seit im Bürgerkrieg in Libyen Munition und alte Granaten der Ruag aufgetaucht sind. Auf Wunsch eines ungenannten Staates im Nahen Osten hat die Ruag nun ein System entwickelt, mit dem Patronen besser identifiziert werden können. Die Armee des Landes hatte laut der Ruag das Problem, dass immer wieder Munition verschwand. Mit einem Laser versieht die Ruag nun alle Patronen für diese Armee mit einem Pixelcode. Wer diesen scannt, weiss genau, aus welcher Lieferung die Patrone stammt. Taucht die Munition künftig irgendwo ausserhalb der Truppen auf, kann so womöglich zurückverfolgt werden, wer dafür verantwortlich ist. Das könnte die betreffenden Personen abschrecken, die Patronen weiterzuverkaufen oder weiterzugeben. «Weil wir das konnten, haben wir den Auftrag gewonnen», sagt Breitmeier.

Trotzdem gibt es keine Garantie, dass die Patronen nicht in einem Bürgerkrieg enden. Die Ruag betont, dass sie sich an die Schweizer Exportvorschriften hält – und dass sie diese Vorschriften freiwillig auch auf die Tochterstandorte im Ausland anwendet. Deshalb verzeichnete die Ruag Ammotec letztes Jahr unter anderem wegen der Russland-Sanktionen einen Umsatzrückgang.

Erstellt: 18.08.2015, 21:07 Uhr

Ruag in Thun und Bern

Patronen, Panzer, Hackerabwehr

Die Ruag beschäftigt in Thun fast 900 Angestellte. Neben der Munitionsfabrik befindet sich ein weiterer Rüstungsarm des Konzerns vor Ort: die Ruag Defence, die in Thun unter anderem Panzer um- und aufrüstet (derzeit solche der belgischen Armee) und die Kommunikationssysteme der Armee unterhält. Am Ruag-Konzernsitz im Berner Wyler-Quartier beschäftigt die Abteilung Defence zudem rund 70 IT- und Cyber-Security-Spezialisten. Diese entwickeln für die Armee Systeme zur sicheren Datenübertragung. Auch die Swisscom ist Kundin der Ruag: Sie bezieht von ihr Software, mit welcher verhindert werden kann, dass sich Viren auf Computern und Smartphones von Kunden im Swisscom-Netzwerk ausbreiten. Weil sie sich im Besitz der neutralen Eidgenossenschaft befindet, erhofft sich die Ruag im IT-Bereich auch Aufträge aus dem Ausland. (sul)

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