Perfekte Mitarbeiter gratis

Der Druck ist für viele Schweizer Unternehmen zu klein, ihre Mitarbeiter ständig weiterzubilden.

Als Kind erhält man in der Schweiz Bildung, als Angestellter nicht mehr. Foto: Hans Baumgartner (Keystone)

Als Kind erhält man in der Schweiz Bildung, als Angestellter nicht mehr. Foto: Hans Baumgartner (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch vor ein paar Monaten war das ein kalter Fachausdruck, den höchstens Personalchefs oder Ökonomieprofessoren verwendeten: Matching. In der Diskussion, wie die Zuwanderungsinitiative umgesetzt werden kann, erlebte das Wort jedoch einen rasanten Aufstieg, aus dem Fachwort wurde ein Abwehrsystem. Nun nutzten es all jene, die sich gegen eine Aufgabe wehrten, die ihnen nicht passte: dass Unternehmen bei hoher Arbeitslosigkeit gezwungen werden können, Arbeitslose zum Bewerbungsgespräch zu em­pfangen und eine Ablehnung zu begründen. Das Matching stimme nicht, hiess es dann jeweils – Arbeitslose und offene Stellen passten nicht zusammen. Schliesslich könne man aus einem Bauarbeiter keinen Baumeister oder gar Ingenieur machen.

«Die teure Ausbildung bezahlen andere Staaten»

Lange war der Druck in der Schweiz allerdings auch nicht allzu gross, die Profile der offenen Stellen mit jenen der Arbeitslosen zum Passen zu bringen: Viele Unternehmen im Land der hohen Löhne konnten aus dem riesigen Arbeitskräfte­reservoir der Schweiz und der EU den perfekten Angestellten rekrutieren. Einen, der weder weitergebildet noch umgeschult werden musste. Und der mit seiner Ausbildung, die andere bezahlt haben, dem Unternehmen idealerweise auch noch gratis Innovation mitlieferte.

Ein ernsthafter Kündigungsschutz hilft

Der Staat hat es schon vor Jahren vorgemacht, wie man zu gutem Personal kommt, ohne für dessen Ausbildung bezahlen zu müssen. 1998 hatten mehrere Kantone den Numerus clausus eingeführt und damit in Kauf genommen, dass nicht mehr genügend Ärztinnen und Ärzte ausgebildet werden. In der Folge holten die Spitäler Ärzte aus dem Ausland – die teure Ausbildung hatten andere Staaten bezahlt.

Dabei können Unternehmen durchaus mehr dazu beitragen, dass Arbeitslose und offene Stellen besser zusammenpassen. Sie müssen dafür keinen Bauarbeiter zum Baumeister machen. Aber den Bauarbeiter zum Maurer, den Maurer zum Vorarbeiter, den Vorarbeiter zum Polier und den Polier zum Baumeister. Dazu müssen sie allerdings in ihre Mitarbeiter investieren.

Für Unternehmen in Ländern mit einem ernsthaften Kündigungsschutz ist dies selbstverständlich: Tun sie es nicht, verlieren sie ihre gut ausgebildeten Mitarbeiter an andere Unternehmen. Jene aber, die über Jahre dasselbe tun und innerlich abhängen, bleiben ihnen erhalten. In der Schweiz hingegen, wo sich Abgehängte einfacher austauschen lassen, müssen viele Angestellte dafür kämpfen, dass sie eine Weiterbildung machen können, um arbeits­marktfähig zu bleiben.

Selbst Drittweltländer sind besser

Gemäss einer Umfrage von Travailsuisse beklagt fast jeder Zweite, dass sein Arbeitgeber die Weiterbildung zu wenig fördert oder gar verhindert. Dass die Gewerkschaften monieren, Schweizer Unternehmen würden zu wenig in ihre Mitarbeiter investieren, erstaunt nicht. Aber selbst Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt forderte kürzlich im «Blick», dass bei der Weiterbildung mehr geschehen muss: «Weiterbildung ist wichtig, um im Arbeitsmarkt zu verbleiben.»

Im Jahr 2007 wurden in der Schweiz gemäss Schätzung 5,3 Milliarden Franken für Weiterbildung ausgegeben, aktuellere Schätzungen existieren nicht. Aber trotz des rasanten Technologiewandels der letzten Jahre geht Stefan C. Wolter, Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern, davon aus, dass die Ausgaben seither nicht gestiegen sind und seine damalige Schätzung auch heute noch zutrifft. Travailsuisse und Arbeitgeberverband können sich vorstellen, dass die Ausgaben gar gesunken sind. Klar ist: Im Ausland wurde das Ausbildungsniveau stärker gehoben als in der Schweiz, wie Thomas Geiser sagt, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen. Das gilt selbst für Drittweltländer.

Noch hat der Fachkräftemangel nur einen Teil aller Branchen erfasst, noch können es sich manche Unternehmen leisten, die Weiterbildung zu vernachlässigen – das Problem hat am Ende der Angestellte. Weil das Matching nicht mehr stimmt. Wenn diese Firmen aber nicht auch beginnen, mehr in die Weiterbildung zu investieren, werden sie vom Fachkräftemangel kalt erwischt. Und haben dann auch ein Problem.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2016, 20:11 Uhr

Artikel zum Thema

Muss der Chef die Weiterbildung bezahlen?

Recht & Konsum Wer beruflich weiterkommen will, muss dazulernen. Dazu gibt es aber ein paar wichtige Fragen. Mehr...

Ein Kurs allein ist noch keine Weiterbildung

Angestellte sollen ein Leben lang dazulernen. Doch das ist nicht so einfach. Pflichtübungen bringen nichts. Mehr...

Quereinsteiger klagen über «harte Ausbildung»

Mit Umsteigern aus anderen Berufen bekämpft der Kanton Zürich den Lehrermangel. Doch viele Kandidaten steigen schon vor dem Einstieg wieder aus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Erotik zu dritt

Es ist eine der heissesten Fantasien: die Erotik zu dritt. Wo man als Single oder Paar den passenden Partnern für den flotten Dreier findet? Am besten über eine Plattform wie The Casual Lounge.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Umgekippt: Der 128 Meter hohe Radio- und Telefonmast «La Barillette» der Swisscom liegt in Cheserex am Boden, nachdem 8 Kilogramm Sprengstoff zwei seiner Standfüsse zerstört haben. (24.Mai 2018)
(Bild: Valentin Flauraud/Laurent Gillieron/Laurent Darbe) Mehr...