Politiker kritisieren Rabatte bei Medikamenten

Der Bund akzeptiert in Preisverhandlungen mit der Pharma immer häufiger Rabattmodelle. Das stösst auf wachsende Kritik.

Die enormen Kosten neuer Krebstherapien fordern das Gesundheitssystem heraus. Foto: Giorgia Müller

Die enormen Kosten neuer Krebstherapien fordern das Gesundheitssystem heraus. Foto: Giorgia Müller

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Die Meldung ging fast unter: Der Krankenkassenverband Santé­suisse hat sich mit Novartis auf eine Lösung geeinigt, die neuartige Gentherapie Kymriah zu vergüten. Der Verband empfiehlt seinen Mitgliedern, pro Behandlung 200'000 Franken zu zahlen, zusätzlich zur Fallpauschale. Sprich, Kymriah wird nicht als Medikament, sondern als Krankenhausbehandlung abgerechnet. Die finale Vergütungslösung steht aber noch aus.

Gerade bei innovativen Therapien ringen Pharmafirmen und das zuständige Bundesamt für Gesundheit (BAG) zum Teil Monate darum, sich auf einen Preis zu einigen. Das BAG steht dabei unter doppeltem Druck: Auf der einen Seite soll es Therapiefortschritte schnell verfügbar machen. Auf der anderen Seite müssen die Preise unter Kontrolle bleiben. Daher einigt sich das BAG mit den Unternehmen immer öfter auf Rabattlösungen, die so eigentlich nicht im Gesetz vorgesehen sind.

«Schaufensterpreise»

Mittlerweile gibt es 21 solcher Rabattmodelle. Das Amt macht sie zwar im Internet öffentlich, doch ist es für Aussenstehende schwer, den Unterschied zwischen Nettopreis und Listenpreis zu verstehen. Kritiker sprechen bei den Listenpreisen daher von «Schaufensterpreisen».

Das Phänomen gibt es in ganz Europa. Das Problem: Damit läuft der Preisfindungsmechanismus für Medikamente ins Leere. Denn sowohl in der Schweiz wie auch in anderen Ländern wie Frankreich spielt dabei der Auslandspreisvergleich eine wichtige Rolle.

Daher gerät die Rabattpraxis in die Kritik der Politik. Nun hat SP-Nationalrat Cédric Wermuth ein Postulat lanciert, das den Bundesrat auffordert, die Auswirkungen der «Schaufensterpreise» zu untersuchen. Ferner solle geprüft werden, wie diese per Gesetzesänderung zu verhindern seien – sprich, der Preisfestsetzungsmechanismus soll auf den Prüfstand.

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Ungewöhnlich: Das Postulat wird von bürgerlichen Politikern unterstützt, wie zum Beispiel Heinz Brand und Ulrich Giezendanner, beide SVP, oder Bruno Pezzatti von der FDP. «Das wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen», sagt Wermuth. «Es geht um höhere Transparenz bei den Medikamentenpreisen, und das ist im finanziellen Interesse aller Versicherten», sagt Nationalrat Brand. «Die Debatte um die Preisfestsetzung läuft noch. Die Motion sehe ich daher als einen Debattenbeitrag», erklärt der Zuger Parlamentarier Pezzatti.

Das Bundesamt für Gesundheit will sich zum Postulat nicht äussern. Grundsätzlich verweist das Amt darauf, dass es in Sachen Schaufensterpreise eher Opfer als Täter sei. Denn «die in der Schweiz für den Auslandspreisvergleich berücksichtigten Preise sind sogenannte Schaufensterpreise», weil das BAG keine Kenntnis davon habe, welche Rabatte ausländische Behörden herausgeholt haben. Die Schweiz dagegen sei in Europa praktisch das einzige Land, das seine Rückvergütungen publiziere.

Preisfindung verbessern

«Die Debatte um Schaufensterpreise geht unserer Ansicht nach am Kern des Problems vorbei», meint Oliver Bleck, der bei Roche Pharma Schweiz für die Preisverhandlungen zuständig ist. Denn bei der ersten Preisfestsetzung würde das BAG beim Auslandspreisvergleich primär Länder wie Deutschland und Dänemark heranziehen. «Dort spielen Rabatte kaum oder nur eine geringe Rolle», sagt er. Zudem würden die Preise turnusmässig vom BAG überprüft und auch gesenkt.

Immerhin scheint der Konsens zwischen Politik, dem Bundesamt, den Krankenversicherern und der Pharmaindustrie zu sein, dass der aktuelle Preisfindungsmechanismus verbesserungsbedürftig ist. Das Grundsatzproblem besteht darin, dass die neuen Therapien wie Kymriah oder Kombinationstherapien gegen Krebs Kosten in sechsstelliger Höhe verursachen. Das stellt das Gesundheitssystem vor grosse Herausforderungen. Roche-Manager Bleck schlägt als Lösung vor, dass die Preise sich stärker nach dem Nutzen richten sollten.

Doch das tönt einfacher, als es ist. Wie genau soll der Nutzen ­gemessen werden? Und welchen Preis sollen die Kassen der ­Industrie für ein Krebsmittel ­vergüten, das ein zusätzliches Lebensjahr verspricht? Die Weltgesundheitsorganisation warnte daher in einer Studie, dass «wertbasierte Preise» von vielen Unsicherheiten geprägt seien und zu «unbezahlbaren Preisen für Krebsmittel führen könnten».

Das Thema gewinnt an Fahrt: So hat SP-Nationalrat Wermuth beobachtet, «wie gross das Unverständnis mit Blick auf die hohen Medikamentenpreise ist».

Erstellt: 29.03.2019, 22:25 Uhr

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