Philip Morris wird für die Branche zum Problem

Nach dem Sponsoring-Skandal drohen strikte Werbeverbote.

Zum Erfolg mit seiner E-Zigarette Iqos verdammt: Philip Morris wendet einen Grossteil seiner Werbemittel dafür auf   Foto: iStock

Zum Erfolg mit seiner E-Zigarette Iqos verdammt: Philip Morris wendet einen Grossteil seiner Werbemittel dafür auf Foto: iStock

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Rauchende Cowboys oder andere zigarettensüchtige Werbefiguren hat die Tabakindustrie längst in die Mottenkiste gepackt. Stattdessen preisen die Multis in neuen Werbekampagnen angeblich weniger schädliche E-Zigaretten als Alternative an. Besonders viel Geld in solches Marketing steckt der Konzern Philip Morris. Dies auch beim viel kritisierten geplanten Sponsoring des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung 2020 in Dubai. Gegen die Bezahlung von 1,8 Millionen Franken darf der Multi im Pavillon eine Bar betreiben und dort seine E-Zigarette bewerben. Damit bringt das Unternehmen die ganze Branche in Schwierigkeiten.

Am 12. und 13. August trifft sich die zuständige Kommission des Ständerats zur Detailberatung des neuen Tabakproduktegesetzes. Dabei geht es auch darum, wie stark die Werbung für E-Zigaretten eingeschränkt werden soll. Die Tabakmultis wollen die Werbetrommel für ihre neuen Produkte natürlich weiterhin kräftig rühren. E-Zigaretten sind ein Wachstumsmarkt, während der Konsum von herkömmlichen Zigaretten abnimmt.

Mit dem Sponsoring-Skandal bekommen die Befürworter eines strengen Werbeverbots Aufwind. «Ich gehe davon aus, dass die millionenschwere Partnerschaft des Bundes mit dem Tabakmulti Philip Morris auch bei Mitgliedern unserer Kommission auf Unverständnis und Ärger stossen wird», sagt FDP-Politiker Joachim Eder, Präsident der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Es sei aber wichtig, die Beratungen von dieser Sache zu trennen.

Minderjährige stehen auf E-Zigaretten

Ob das gelingt, ist fraglich. «Für die Tabakindustrie kommt die Diskussion über das Sponsoring zum Schweizer Pavillon zum dümmsten Zeitpunkt», sagt Kommissionsmitglied Erich Ettlin von der CVP. Ob und wie stark Sponsoring eingeschränkt werden soll, werde in den Beratungen sicherlich unter einem neuen Blickwinkel diskutiert werden.

Dabei geht es längst nicht nur ums Sponsoring von Anlässen. Ärzte und Politiker verschiedener Parteien fordern ein umfassendes Werbe­verbot im neuen Gesetz. In Zeitungen, auf Plakaten und im Radio soll Werbung weder für herkömmliche Zigaretten noch für die elektronischen Varianten erlaubt sein.

Zwar hat das Parlament Ende 2016 ein Bundesgesetz über Tabakprodukte an den Bundesrat zurückgewiesen. Die von Gesundheits­minister Alain Berset vorgesehenen tief greifenden Werbeverbote gingen dem Parlament zu weit.

Doch seither hat sich viel getan. Der Hersteller Juul ist mit seinen in den USA äusserst erfolgreichen E-Zigaretten in den Schweizer Markt eingetreten. Andere Hersteller haben mit ähnlichen Geräten nachgezogen. Laut einer im vergangenen März vom Bundesamt für Gesundheit veröffentlichten Studie konsumieren viele Minderjährige diese Produkte. Gemäss der Schülerbefragung hat jeder zweite Knabe und jedes dritte Mädchen im Alter von 15 Jahren E-Zigaretten ausprobiert.

Bei einem Durchfallen fehlen die Alternativen

Damit wird das Thema für Politiker, die sich gegen strengere Werbebeschränkungen stellen, heikel. Niemand will sich mit rauchenden Minderjährigen die Finger verbrennen. Nun kommt auch noch fragwürdiges Sponsoring hinzu. Die Konkurrenten ärgern sich denn auch über das aggressive Marketing von Philip Morris. Die Stimmung droht gegen die Zigarettenindustrie zu kippen. Die Hoffnungen schwinden, mit E-Zigaretten Werbeverbote umgehen zu können. Laut der Zeitung «24 Heures» haben die Unterstützer der Initiative «Ja zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Tabakwerbung» bereits 120'000 Unterschriften gesammelt. Die Initianten wollen ein «lückenloses» Werbeverbot für Rauchwaren.

Das forsche Vorgehen von Philip Morris hat seinen Grund. Der Konzern, der in der Schweiz 3000 Mitarbeiter zählt, setzt alles auf eine Karte. Die heisst Iqos, eine E-Zigarette, die der Konzern am Schweizer Pavillon der Weltausstellung vermarkten will.

In der Schweiz und global steckt der Konzern einen Grossteil der Werbegelder in Iqos. Investoren beobachten das mit Argusaugen. Gelingt dem Konzern der Durchbruch mit seinem Gerät, das Tabak erhitzt, nicht, fehlt eine Alternative. Bei den tabakfreien Dampfgeräten haben das junge Unternehmen Juul und andere Hersteller die Nase vorn. Auf negative Nachrichten zu Iqos reagieren Anleger empfindlich.

Zurückhaltung beim Marketing ist für Philip Morris keine Alternative. Für die Schweiz gibt sich der Konzern im Vorfeld des Nationalfeiertags denn auch patriotisch. Er bietet diverse Accessoires zu Iqos in der Farbkombination rot-weiss an. «Feiern Sie den 1. August mit Iqos», so der Slogan auf der Website des Unternehmens, dekoriert mit dem Schweizer Kreuz.



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Erstellt: 27.07.2019, 18:46 Uhr

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