Pitbulls der Demokratie

Rechte Verleger rühmen sich seit neuestem offen ihrer Käuflichkeit. Dahinter steht mehr als nur finanzielles Kalkül: ein anderes Staatsmodell.

Der Hund – die beste Beschreibung eines Journalisten. Foto: Michael Brian (Alarmy)

Der Hund – die beste Beschreibung eines Journalisten. Foto: Michael Brian (Alarmy)

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Das Rezept für guten Journalismus? Es gibt einige. Nur etwas ist unverzichtbar. Egal, ob in einer harten Recherche, in einem atemberaubend frechen Kommentar, bei riesigen Aktenbergen, guter Journalismus hat immer eine Zutat: Mut.

Das hat seinen Grund. Denn Journalismus hat zwei Verpflichtungen: die dem Verleger gegenüber, Geld zu verdienen. Und die der Öffentlichkeit gegenüber, aufzudecken, was fault.

Nicht umsonst war die freie Presse das erste Anliegen der Liberalen, die diesen Staat mit zahlreichen Machtbrechungen gründeten. Denn Macht korrumpiert, immer, in jedem System. Und sie wird nie freiwillig abgegeben. Also braucht man Aussenseiter mit Zähnen. Die wichtigste Definition von Journalisten ist: Wachhunde der Demokratie.

Nur wo liegt die Macht? Etwas vom Verblüffenden in diesem Beruf ist, wen man fürchten muss. Man kann heute gefahrlos Dinge schreiben, für die man früher sein Leben riskiert hätte. Etwa, dass der Papst ein Ketzer ist. Der Bundesrat ein Club von Landesverrätern. Oder die Armee ein Trachtenverein.

Das Schlimmste, was droht, sind ein paar verärgerte Anrufe. Aber wehe, man schreibt, dass der Staubsauger der Firma XY sein Geld nicht wert ist. Dann drohen Anwälte. Und ihre Drohungen sind nicht leer: Die Schadenersatzzahlungen für unlauteren Wettbewerb sind brutal. In der Praxis geniesst ein Brotaufstrich mehr Schutz als der Papst. Das ist ein Zeichen, wo heute ein Gutteil der Macht sitzt: nicht auf der Kanzel, sondern in den Konzernzentralen.

Natürlich nicht zuletzt bei Firmen, die Anzeigen schalten. Wenig wird im Schweizer Journalismus so enthusiastisch begrüsst wie Antifaltencremes, meist in der Nähe des Inserats. Und es ist fraglich, ob all die Uhrenbeilagen wirklich wegen der Leser erscheinen. Oder warum die Chefs von Migros und Coop so häufig interviewt werden, als wären sie die Chefintellektuellen des Landes.

Das ginge noch. Solange die Korruption in den Ghettos der Lifestyle-Beilagen bleibt. Und ansonsten der Job gemacht wird.

Doch das wird zweifelhaft. Die Pionierrolle übernahm der «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel, als er sagte: «Die Wirtschaft wird durch den Wettbewerb kontrolliert. Als Journalist kann ich mir nicht anmassen, Unternehmen zu kritisieren. Kritische Unternehmensberichterstattung ist nicht Sache des Journalismus.»

Köppel blendete damit aus ideologischen Gründen die Hälfte der Welt aus. Als hätte nicht die UBS beinahe die Schweizer Wirtschaft verwüstet. Als wären Konzerne wie Glencore, die kaum Steuern bezahlen, nicht politische Bomben: weil dann nur noch die Mittelklasse zahlt. Oder als wären Firmen mit ihrem Lobbying nicht politische Akteure erster Klasse.

Nun gehen seine Verbündeten weiter. Köppels ehemaliger Vize, der «Basler Zeitung»-Verleger Markus Somm, sagte kürzlich, er empfehle allen Unternehmern: «Wenn ihr nicht zufrieden seid mit den Medien, dann müsst ihr aufhören, Inserate zu schalten.» Und er versprach: «Wenn die Migros bei mir ein Inserat schaltet, muss sie sich nicht blöde heruntermachen lassen.»

Eine Aussage, die der Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument unterstützte: «Als Verleger kann man nicht den Helden spielen und dabei einen Grosskunden verärgern.»

Das ist neu in der Schweizer Mediengeschichte: das stolze Bekenntnis der eigenen Käuflichkeit. Und es bedeutet mehr als nur einen Rollenwechsel des Journalismus: einen offenen Angriff auf die Republik.

Köppel und Somm sind bereits eng mit SVP-Chef Christoph Blocher liiert. Das hat die Folge, dass jeder Gegner Blochers in die Doppelzange genommen wird: von der Presse und der grössten Partei des Landes. Das ist ein Einschüchterungsinstrument erster Klasse, auch parteiintern.

Und nun also kann man sich als Konzern in das politisch-mediale Kartell einkaufen. Eine Machtballung, die das exakte Gegenteil dessen ist, was die Gründer der Schweiz beabsichtigten.

Köppel, Somm, gedeckt von Lebrument, bauen hier als Embryo das, was voll entwickelt das Wesen jedes autoritären Staates ist – die Einheit von Politik, Wirtschaft und Presse. Die Wachhunde der Öffentlichkeit werden zu privat gehaltenen Hunden: zu Pitbulls der Demokratie.

Erstellt: 26.04.2016, 18:43 Uhr

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