Polizei macht Razzia bei abgetauchtem Stammzellen-Broker

Er machte mit besorgten Eltern ein Milliardengeschäft – und verschwand. Das Verfahren ist eröffnet.

Cryo-Save gewinnt und lagert aus der Nabelschnur gewonnene Stammzellen. Foto: Alamy Stock Photo

Cryo-Save gewinnt und lagert aus der Nabelschnur gewonnene Stammzellen. Foto: Alamy Stock Photo

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Das Milliardengeschäft lief bis Sommer dieses Jahres. Von Pfäffikon SZ und vom Genfer Vorort Plan-les-Ouates aus schloss das Stammzellenunternehmen Cryo-Save AG Verträge ab mit 250'000 Familien aus ganz Europa. Geregelt wurde darin die Aufarbeitung und Einlagerung für 25 Jahre von Blutstammzellen Neugeborener. Bis zu 4000 Franken Lagergebühren kassierte das Unternehmen für jede nach der Geburt eines Kindes ­abgelieferte Nabelschnurblutprobe.

Der in Genf wohnhafte Franzose Frédéric Amar machte ­gutes Geld mit dem Zukunftsglauben vieler Eltern. Mit den Stammzellen – so die Hoffnung – könnten künftig eventuelle Krankheiten ihrer Kinder geheilt werden. Das Geschäft mit der «biologischen Lebensversicherung» boomte vor allem in südlichen Ländern. Zu überdurchschnittlich vielen Vertragsabschlüssen kam es in Griechenland und Portugal. Dafür legten die Familien ihr Geld zusammen. Laut Firmenangaben wurde ein Teil der international gesammelten Proben in Labors in Genf, Deutschland, Belgien, Holland und Dubai eingelagert.

Untersuchung eröffnet

Jetzt ist das mit cleverem Marketing betriebene Geschäft ein Fall für die Justiz. In einer koordinierten Aktion haben die Gesundheits­behörden des Bundes diese Woche Hausdurchsuchungen unter anderem in den Räumen der Firma vorgenommen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Arzneimittelbehörde Swissmedic haben Untersuchungen eröffnet, wie gestern mitgeteilt wurde. An den strafrechtlichen Ermittlungen sind auch die Genfer Staatsanwaltschaft sowie das Bundesamt für Polizei beteiligt.

Laut den Behörden liegen Hinweise vor, dass Cryo-Save gegen das Transplantationsgesetz verstossen hat. Konkret sollen ­Melde- und Mitwirkungspflichten verletzt worden sein. Die Firma verfügte in der Schweiz seit 2016 über die notwendige Bewilligung zur Ein- und Ausfuhr und zur Lagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut. Für Nabelschnurblutbanken gelten in der Schweiz Meldepflichten, es gibt Anforderungen hinsichtlich der Lagerqualität und der Sicherheit der Einlagerungen. Ende August hat nun das BAG Cryo-Save von der Liste der Bewilligungsinhaber gestrichen. Der Zusammenbruch des Stammzellenbrokers kündigte sich indessen bereits im Juli über Nacht an. Die Angestellten hatten die in einer unscheinbaren ­Parterrewohnung in Pfäffikon betriebene Europazentrale verlassen, nachdem Lohnzahlungen ausgeblieben waren. Anscheinend eilig wurden ­Rechner und Akten abtransportiert. Die Anrufe von ­besorgten Eltern, die sich nach dem Verbleib der Stammzellen ihrer Kinder erkundigen wollten, liefen ins Leere.

«Die Geburt eines Kindes ist eine einmalige ­Gelegenheit, Stammzellen zu retten.»Werbeslogan von der Website der Cryo-Save AG

Bereits vorher geschlossen wurden die meisten der zehn Europafilialen in ­Griechenland, Italien, Ungarn oder Spanien. In mehreren Ländern organisierten sich wütende Eltern in Facebook-Foren. «Ich weiss nicht, wo die Stammzellen unseres Sohnes sind», sagt eine Mutter aus Italien. Ein Schweizer Kunde warnt: «Vorsicht vor dieser Firma. Extrem unseriös!»

Bereits im Frühjahr ­informierte Cryo-Save die Schweizer Behörden darüber, dass hierzulande eingelagerte Blutzellen zu einer Partnerfirma nach Warschau um­gelagert würden. Viele beunruhigte Kunden der Stammzellenfirma erfuhren erst vor einem Monat davon – durch eine Mitteilung der Schweizer Behörden.

«Es gibt keine Schliessung»

Obwohl die Firmenzentrale in der Schweiz längst leer geräumt war, schrieb Chef Amar in einem Whatsapp-Chat mit der «Sonntags­Zeitung» Ende August: «Es gibt keine Schliessung von ­Cryo-Save». Die Stammzellen seien «einwandfrei» gelagert. Schuldig blieb Amar eine Antwort auf die ­Frage, wie er die Lagerung der Stammzellen trotz offensichtlichen Liqui­ditätsproblemen über die kommenden Jahrzehnte garantieren will.

Cryo-Save gehört zur in Holland an der Börse kotierten Esperite-Gruppe. Letztes Jahr geriet diese in Schwierigkeiten, der Kurs der ­Aktie stürzte ab. Neben dem Geschäft mit Nabelschnurblut setzte Amar auch auf Entwicklungen im Bereich der Pränataldiagnostik, also auf Tests, die Fehlbildungen oder Störungen bei Ungeborenen aufdecken ­können.

Laut Unterlagen, die in den Panama Papers auftauchen, un­terhielt der Pharmazeut 2014 in Panama Briefkastenfirmen. Auf die Frage nach weiteren Offshorefirmen antwortete Amar nur vage: «Hier gibt es nichts wirklich Interessantes.» Inzwischen reagiert der Unternehmenschef, für den die Unschuldsvermutung gilt, nicht mehr auf schriftliche Anfragen.

Erstellt: 13.09.2019, 21:34 Uhr

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