«Ich kann mir Strafzinsen nicht vorstellen»

Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident Guy Lachappelle will Privatkunden vor Negativzinsen verschonen.

Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle sucht neue Genossenschafter in den Städten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle sucht neue Genossenschafter in den Städten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Bei Raiffeisen hatte früher Ex-Chef Pierin Vincenz allein das Sagen. Das soll nie mehr möglich sein. Daher beschloss die Delegiertenversammlung, zwei neue Organe zu schaffen. Aber wird so die Gruppe nicht noch komplizierter?
Nein, die Zusammenarbeit wird agiler und schneller. Die Gremien sind jetzt von der Basis legitimiert, und sie sind transparent. Dank ihnen stehen wir permanent mit unseren Kunden, den Genossenschaften, im Austausch. Dadurch arbeiten wir künftig zielgerichteter.

Das Hauptproblem löst das nicht: Raiffeisen Schweiz ist zwar rechtlich die Tochter der Raiffeisenbanken. Faktisch steuert aber Raiffeisen Schweiz die Gruppe. Gerät die Zentrale nicht noch stärker in eine Zwickmühle?
Nein – das gemeinsame Dach darüber ist die Strategie der Gruppe. Die Arbeit daran hat schon begonnen. Im ersten Semester des neuen Jahres wird die Strategie verabschiedet. Danach geht es dann nur noch um Fragen der Umsetzung.

Der Raiffeisenbanken-Rat, das neue Gremium der regionalen Genossenschaften, hat keine Weisungsbefugnis. Warum sollte die Zentrale darauf hören?
Mit dem neuen Gremium hat der Austausch eine feste Form. Die Genossenschaften können Einfluss nehmen, und Raiffeisen Schweiz wird auf sie hören. Denn wenn sie an ihren Kunden vorbeiproduziert, dann läuft etwas falsch.

Die Finma will, dass Raiffeisen Schweiz die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft prüft. Was ist das Ergebnis?
Es wird sich nichts ändern. Die Finma hat akzeptiert, dass unser Genossenschaftsmodell gegenüber einer AG Vorteile hat.

«Wir können uns keine Fehlbesetzungen leisten.»

Raiffeisen Schweiz betreibt in grossen Städten eigene Niederlassungen und macht so den eigenen Mitgliedsbanken Konkurrenz. Nun sollen diese Stadtniederlassungen abgetrennt werden. Aber wie?
Ich würde mir wünschen, dass die Kunden dort zu Genossenschaftern werden. Das wollen auch die davon betroffenen Niederlassungen. Die Frage ist aber: Gibt es noch andere Szenarien, wenn uns das nicht gelingt?

Sie wollen in Basel oder Zürich neue Genossenschafter suchen?
Ja, das ist eine Möglichkeit. Bei allen anderen Raiffeisenbanken sind die Kunden Genossenschafter, sobald sie einen Kredit von uns haben. Wir haben in der Niederlassung in Thalwil ZH bereits getestet, wie gross das Interesse der Kunden wäre, zu Genossenschaftern zu werden. Es ist sehr gross.

Bis wann wird ein Entscheid zur Ausgliederung fallen?
Ich gehe davon aus, dass die wichtigsten Vorbereitungen 2020 abgeschlossen sind.

Die neuen Genossenschaften brauchen Kapital. Reichen dafür die Anteilsscheine aus?
Nein, sie werden nur einen Teil des Kapitals beisteuern. Raiffeisen Schweiz wird ihnen ein Grundkapital mitgeben. Ohne das ginge es nicht. Wir diskutieren derzeit noch darüber, wie gross das sein soll.

Die Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz ist noch nicht komplett besetzt. Sind Sie trotzdem zufrieden mit Chef Heinz Huber?
Ich bin sehr zufrieden. Schneller geht es immer, aber nicht sorgfältiger. Herr Huber hat im Januar 2019 angefangen und seither die Geschäftsleitung neu zusammengestellt. Wir können uns als systemrelevante Bank keine Fehlbesetzungen leisten.

Der Umbau wurde durch die Affäre um Pierin Vincenz ausgelöst. Wie ist der Stand der Dinge im Verfahren gegen den Ex-Chef?
Wir haben keinen Einfluss darauf. Ich bin davon ausgegangen, dass die Anklage in diesem Jahr erhoben wird. Nun wird es wohl nächstes Jahr.

«Bei Negativzinsen auf Sparkonti ist die Gefahr gross, dass die Sparer ihr Geld von den Banken holen.»

Bleibt die Decharge für die alte Führung aufgeschoben, solange das Verfahren läuft?
Ja, wir wollen zuerst alle Fakten kennen.

Und wie steht es um den Rechtsstreit mit Investnet? Dort geht es für die Bank um Millionen.
Dazu kann ich nichts sagen. Bekannt ist, dass wir die Verträge anfechten, weil wir uns getäuscht sehen.

Wie geht es weiter mit den Beteiligungen von Raiffeisen Schweiz?
Raiffeisen hat das finanzielle Engagement im Bereich Beteiligungen bereits mehr als halbiert. Wir werden diesen Kurs weiterführen. Wir haben aber auch den Auftrag, eine Beteiligungs- und Kooperationsstrategie zu entwerfen. Anders als früher wollen wir dabei nicht Raiffeisen Schweiz diversifizieren, sondern wir wollen neue Geschäfte entwickeln, von denen dann alle unsere Raiffeisenbanken profitieren werden.

Also wären dafür auch Zukäufe von Beteiligungen wieder möglich?
Ja, wenn es in die vorgegebene Strategie passt. Aber nicht, wenn es einfach nur darum geht, grösser zu werden.

Raiffeisen ist stark abhängig vom Hypothekengeschäft. Wie wollen Sie das ändern?
Jede fünfte Hypothek in der Schweiz ist von uns. Das ist ein Schatz, aus dem wir mehr machen sollten. Das ist auch ein Thema der Gruppenstrategie.

Was planen Sie?
Zu Beginn des nächsten Jahres werden wir mit einem Grundsatzpapier auf die Banken zugehen. Darin sind die Diversifikation und die digitale Transformation ein wichtiges Thema. Ein Vorschlag darin ist, dass sich Raiffeisen künftig ganz des Themas Wohnen annimmt. Wir könnten neben Finanzierungen auch Beratungen und Absicherungsgeschäfte anbieten.

Ins Versicherungsgeschäft drängen schon UBS und Credit Suisse. Zieht Raiffeisen nach?
Heute ist es durch Technik einfacher, Produkte zu kombinieren. Ich glaube, in diesem Thema steckt ein grosses Ertragspotenzial. Wir müssen es daher prüfen.

Konkurrenten verlangen von Privatkunden Negativzinsen. Wann kommt das bei Ihnen?
Ich kann mir das nicht vorstellen. Wenn bei Sparkonti Negativzinsen eingeführt werden, ist die Gefahr gross, dass es zu einem Bank Run kommt – also dass die Sparer ihr Geld von den Banken holen.

Bis zu welchem Betrag belastet Raiffeisen keinen Negativzins?
Bei uns gibt es keine Schwelle für Privatkunden. Aber wir achten darauf, dass Kunden nicht einfach ihr Geld von anderen Banken mit Negativzinsen zu uns bringen.

Erstellt: 17.11.2019, 23:23 Uhr

Der Reformer

Guy Lachappelle ist seit einem Jahr Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz. Er ist der neue starke Mann der Gruppe und treibt die Reformen der drittgrössten Bankengruppe massgeblich voran. Mitgliedsbanken loben, dass er dabei die Basis mitnimmt. Zuvor hatte der 58-Jährige die Basler Kantonalbank geführt. (ali)

Prinzip «One bank, one vote» kommt

Die Raiffeisen-Gruppe hat auf ihrer Delegiertenversammlung weitere Konsequenzen aus der Affäre um ihren Ex-Chef Pierin Vincenz gezogen. Dieser wird verdächtigt, sich bei Beteiligungsgeschäften bereichert zu haben, ohne dass die Kontrollen gegriffen hätten. Damit Raiff­eisen Schweiz enger geführt wird, wurden zwei neue Gremien geschaffen: Der neue Raiffeisen-Bankrat soll dem Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz auf die Finger schauen. Der neue Rat wird von Vertretern der Mitgliedsbanken besetzt. Ein zweites Gremium soll die praktische Arbeit zwischen Raiffeisen Schweiz und den Mitgliedsbanken verbessern. Weisungsbefugnisse haben die neuen Gremien aber nicht.

Ferner haben die Delegierten beschlossen, die Stimmrechte neu zu gewichten. In Zukunft hat jede Raiffeisenbank bei der Generalversammlung eine Stimme – egal wie gross eine einzelne Bank ist. Vorher wurden die Stimmen nach Grösse gewichtet. Neu ist auch, dass die Generalversammlung über die Vergütung des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz abstimmen darf.

Die Arbeiten an der Strategie der Gruppe gehen weiter: Raiffeisen Schweiz betreibt derzeit eigene Bankniederlassungen, etwa in Zürich oder Bern. Damit macht die Zentrale den Mitgliedsbanken aber Konkurrenz. Daher sollen die Stadtniederlassungen aus Raiffeisen Schweiz herausgelöst werden. (ali)

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