Profitieren vom Pioniergeist der andern

Jeder Umbruch birgt Chancen. Shopify liefert fast schlüsselfertige Onlineshops.

Der Shopify-Gründer Tobias Lütke und seine Familie hatten beim Börsengang gute Gründe zu strahlen. Foto: Justin Lane (Keystone)

Der Shopify-Gründer Tobias Lütke und seine Familie hatten beim Börsengang gute Gründe zu strahlen. Foto: Justin Lane (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine junge Familie, lässige Kleider, hellgrüne Baseballkappen mit Firmenlogo: Der 34-jährige Unternehmer Tobias Lütke hat gelernt, wie man einen medienwirksamen Auftritt macht. Als seine kanadische Firma Shopify am 21. Mai 2015 ihren ersten Handelstag an der New Yorker Börse feierte, posierte er mit Ehefrau und Söhnen für die Kameras. Die Lütkes hatten allen Grund zu strahlen: Die Shopify-Aktien verkauften sich über alle Erwartungen gut.

Lütke, ein introvertierter Computerprogrammierer, der vor 13 Jahren der Liebe wegen von Koblenz nach Kanada auswanderte, gilt als Wunderkind der kanadischen Hightechszene. Er und sein Geschäftspartner Daniel Weinand, ebenfalls gebürtiger Deutscher, brachten ein erstaunliches Produkt auf den Markt – gerade als Onlineläden anfingen, so richtig abzuheben.

Die Idee dazu kam Lütke per Zufall: Der jungenhafte schmale Mann mit den intensiven blauen Augen wollte Snowboards übers Internet verkaufen. Da er alle bestehenden Programme für den Onlinevertrieb entweder viel zu kompliziert oder viel zu teuer fand, machte er einfach seine eigene Software – und verkaufte einfach das anstelle der Snowboards. 2006 war die Internetplattform Shopify geboren – eine Firma, die lange nur aus einem Büro über einem Internetcafé in Kanadas Hauptstadt Ottawa bestand.

Zur richtigen Zeit am Markt

Die Finanzkrise 2008 bremste den Aufstieg des jungen Unternehmens nicht. Im Gegenteil: Viele der Stellenlosen versuchten ein Onlinegeschäft aufzubauen. Die Shopify-Plattform nahm ihnen alle wichtigen Funktionen ab – vom Verkauf übers Inventar bis zur Buchhaltung. Vor allem kleine Internetanbieter profitierten enorm von der neuen Lösung. Heute benutzen über 162'000 Kunden die ­Shopify-Plattform, für deren Gebrauch sie eine monatliche Gebühr zahlen – diese liegt im Schnitt unter 100 Franken. Auch bei Verkäufen im Geschäft oder übers Handy kommt die Software zum Einsatz.

«Shopify hat es mit einer leicht anzuwendenden Plattform so viel einfacher gemacht, ein Internetladen zu werden», sagt Robin Smith von Virtual Logistics, einer Firma in der Provinz Ontario, die Firmen hilft, Daten und Applikationen in unterschiedliche Systeme zu integrieren. «Shopify übernimmt sogar das Hosting für die Kunden», so Smith. Das bedeutet weniger Kosten und Administration, weil man nicht in all die Hardware investieren oder Experten herbeiziehen muss. «Die damit gebauten Websites sind übersichtlich, gradlinig und leicht zu navigieren.»

Shopify stiess zur richtigen Zeit in einen Markt, der nur auf eine anwenderfreundliche und flexible Lösung wartete, sagt der US-Detailhandelsexperte Doug Stevens: «Die Firma fing gerade damit an, als die Detailhändler den Onlineverkauf nicht mehr ignorieren konnten.» Vorher hätten viele Ladenbesitzer den Internethandel nur als Nebensache betrachtet.

Immer noch in den roten Zahlen

Das hat sich geändert. Laut Stevens, dem Gründer der Website Retail ­Prophet, expandieren Onlineverkäufe heute viel stärker als jene in Läden aus Mauern und Gestellen: «In Nordamerika wachsen Onlinegeschäfte bis zu 20 Prozent jährlich.» Das ist viel gegenüber herkömmlichen Läden, die zwischen 1 und 10 Prozent zulegen. Mit Shopify können laut Stevens vor allem auch kleine Anbieter von diesem Trend pro­fitieren: «Shopify», sagt Stevens, «gibt den Verkäufern die Fähigkeit, ihre Dienstleistungen und Produkte für den globalen Markt ins Internet zu bringen.»

Das verändert die Konsumwelt. Früher haben die Läden diktiert, zu welchen Waren die Kunden Zugang erhalten, sagt Stevens. Heute verfügen die Käufer über ein «Universum der Möglichkeiten» – über das Internet. «Das hat die Machtverhältnisse verschoben», sagt der Amerikaner: «Der Kunde sitzt nun am Kontrollhebel.»

Im globalen Internethandel, dessen Verkäufe im Jahr 2015 mehr als 1,7 Billionen Dollar erreichen sollen, wird Shopify ein riesiges Wachstumspotenzial zugeschrieben. Der Umsatz der Firma, der 2014 bei 78 Millionen Franken lag, hatte sich in den letzten zwei Jahren jeweils verdoppelt. Heute ist Shopify an der Börse umgerechnet 270 Millionen Franken wert. Die kanadische Zeitung «The Globe and Mail» kürte Lütke zum Chef des Jahres 2014. Das Unternehmen ist kürzlich in den neusten Büroturm ­Ottawas umgezogen und wird von Investoren als Juwel der kanadischen High­tech­branche gehandelt.

Rote Zahlen, trotz Wachstum

Bei der ganzen Euphorie darf man indes nicht übersehen, dass Shopify trotz wachsender Umsätze immer noch rote Zahlen schreibt. Das Unternehmen steht auch unter Druck, in einem sich rasant verändernden Markt innovativ zu bleiben und den Ton anzugeben.

Bis jetzt gelingt das ganz gut: Neuerdings spannt Shopify mit dem Internetportal Pinterest zusammen, einer Art Onlinepinnwand, auf der vor allem Frauen Produkte, Rezepte oder Bilder aus dem Internet markieren und zu Sammlungen gruppieren, die sie später wieder ansehen können. Die Nutzerinnen durchstöbern dabei gegenseitig ihre Sammlungen – oder die professioneller Anbieter. Dank Shopify kann man ein Produkt sogar direkt aus Pinterest heraus kaufen – über einen blauen Buy-Knopf. Dadurch ist es für Shopify-Webshopbetreiber möglich geworden, ihre Artikel auch auf Pinterest anzubieten. Eine ähnliche Zusammenarbeit ist auch mit Facebook vereinbart worden.

Tobias Lütke, heute Chef von 500 Angestellten, ist überzeugt, dass er seine goldene Nische gefunden hat, wie er in einem Interview sagt: «Ich glaube, dass kleine Läden zu den Bereichen gehören, wo Kapitalismus wirklich wunderbar funktioniert.» Trotzdem radelt Lütke ­jeden Tag auf seinem Occasionsvelo ins Büro, in Kapuzenpulli, Jeans und ­Latschen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2015, 04:20 Uhr

Artikel zum Thema

Geschäftsmodelle vor dem Aus

Musik, Reisen, Medien – keine anderen Branchen wurden in den letzten Jahren derart durchgeschüttelt von der Digitalisierung. Und es ist noch nicht vorbei. Mehr...

Schweizer Horchposten in Kalifornien

Swisscom ist seit 1997 im Silicon Valley stationiert und beobachtet die Szene mit kritischen Augen. Mehr...

Am Anfang einer gewaltigen Revolution

Neue Technologien schaffen ungeahnten Fortschritt – machen künftig aber auch gut qualifizierte Jobs überflüssig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Sweet Home So richten Sie geschickter ein

Tingler Neuer Name, neues Glück

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

«Mehr Freizeit wird zum Innovationsmotor»

Bruno Giussani, Direktor der Innovationskonferenz TED, sagt, die Digitalisierung verschärfe die Ungleichheit. Eine Lösung sei das bedingungslose Grundeinkommen. Mehr...

«Ein Entwicklungsschub in der Medizin»

Interview Gideon N. Levy, Experte für Produktionstechnologie, sieht ein grosses Potenzial für das 3-D-Druckverfahren. Mehr...

Druck dir deine Welt

Kleider, Schuhe und Autos kamen schon aus dem 3-D-Drucker. Der Hype hat aber auch Grenzen. Mehr...