«Der Ober sticht den Unter»: Warum Gisel gehen musste

Der Raiffeisen-Chef stellte seinen Abgang als freiwillig dar – doch es war ein interner Machtkampf, der Gisel den Job kostete.

Die Chronik zum Raiffeisen-Skandal. (Video: Tamedia/SDA/Keystone)

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Es war ein aussichtsloser Kampf. Raiffeisen-Chef Patrik Gisel versuchte in den vergangenen Monaten viel, um sich von seinem Vorgänger Pierin Vincenz zu distanzieren. Das gelang ihm nicht. Die Nähe zu seinem ehemaligen Chef wurde ihm nun zum Verhängnis und kostet ihn das Amt. Gisel war wegen der Affäre um das Geschäftsgebaren von Vincenz in der Öffentlichkeit wiederholt kritisiert worden. Dieser soll bei Firmenübernahmen der Kreditkartengesellschaft Aduno und der Beteiligungsgesellschaft Investnet ein Doppelspiel gespielt und persönlich abkassiert haben. Er sass deswegen während rund 15 Wochen in Untersuchungshaft. Die Behörden ermitteln, Vincenz bestreitet alle Vorwürfe.

Gisel war jahrelang Vincenz’ rechte Hand. Zusammen bauten sie Raiffeisen zur drittgrössten Bankengruppe der Schweiz auf. Von den Machenschaften seines Chefs soll er aber bis zum Schluss nichts gewusst haben. Das beteuerte er immer wieder. Der Verdacht, dass das nicht so gewesen sein könnte, sorgte aber für beständige Unruhe und schlechte Presse. Daran störten sich viele Genossenschafter, und nicht nur sie.

Die Affäre sorgte auch dafür, dass Raiffeisen in den vergangenen Monaten den Verwaltungsrat neu bestellte. Das führte letztlich zu Gisels Abgang. Die altgedienten Kräfte waren noch auf seiner Seite; sie glaubten daran, dass er mit der Bank einen Neuanfang schaffen kann. Doch die neuen Verwaltungsräte hielten ihm nicht mehr die Treue. Die Gewichte haben sich in den vergangenen Monaten deutlich verschoben, sagen mehrere unabhängige Quellen. Dies erfolgte in zwei Schritten: Am 8. März gab Raiffeisen den überstürzten Abgang von Verwaltungsratspräsident Johannes ­Rüegg-Stürm bekannt, an der Delegiertenversammlung vom 16. Juni traten zwei Verwaltungsräte vorzeitig zurück. Neu ins Gremium gewählt wurden ein von der Finma beglaubigter Wirtschaftsprüfer und ein Unternehmer.

Dieser Personalwechsel war match­entscheidend, wie die Quellen sagen: Während der Verwaltungsrat in seiner früheren Zusammensetzung unter Präsident Johannes Rüegg-Stürm Gisel zu schützen versuchte, war das für die neuen Mitglieder nicht mehr wichtig. Sie wollten einen Neuanfang, auch auf dem Chefposten. «In den vergangenen Wochen sind im Verwaltungsrat neue Kräfteverhältnisse entstanden», sagt ein Insider. In mehreren Gesprächen sei Gisel in der Folge signalisiert worden, dass der Verwaltungsrat nicht mehr hinter ihm stehe.

Heftige interne Kritik an Gisel

Ausschlaggebend war offenbar der vollständige Untersuchungsbericht der Finanzmarktaufsicht (Finma). Diesen wollte die Raiffeisen-Spitze ursprünglich geheim halten, was sich aber nicht lange halten liess. Seit kurzem können ihn die Präsidenten und Leiter der 255 regionalen Raiffeisenbanken lesen. Der Inhalt ist brisant: Vincenz und Gisel hatten zweimal die Kompetenzen überschritten, als sie der Finanzgesellschaft Leonteq und deren Chef Kredite von mehr als einer halben Milliarde gewährten, dieses offensichtliche Klumpenrisiko jedoch nicht vorschriftsgemäss dem Verwaltungsrat meldeten. Diese Passagen im Finma-Bericht führten gemäss einem Beobachter zu heftiger interner Kritik an Gisel, einerseits von Vertretern der regionalen Genossenschaften, anderseits von Mitarbeitern an mehreren internen Informationsveranstaltungen.

Gisel spürte den Vertrauensverlust bei Verwaltungsrat, Regionalfürsten und Mitarbeitern und trat ab. In der Medienmitteilung von gestern stellte er dies als freiwilligen Schritt dar. «Mit meinem Rücktritt möchte ich die öffentliche Debatte um meine Person und die Bank beruhigen und die Reputation von Raiffeisen schützen», so Gisel. Doch der erwähnte Insider sagt, in Wahrheit habe Gisel den Rückhalt verloren. «Es ist wie beim Jassen: Der Ober sticht den Unter.» Sprich: Der Verwaltungsrat machte Druck, und Gisel gab nach.

Ein Nachfolger steht noch nicht bereit: Raiffeisen-Chef Patrik Gisel. Foto: Mario Heller

Gisel verlässt die Bank nicht per sofort; er führt sie noch bis Ende Jahr. Anders lief es bei der Aargauer Kantonalbank: Auch bei ihr gab es jüngst einen ungeplanten Chefwechsel, weil Bankchef Pascal Koradi für seine Rolle im Postauto-Skandal in die Kritik geraten war. Der Verwaltungsrat liess sich Zeit, sichtete Kandidaten und entwarf einen Plan B. Als die Verwicklung Koradis öffentlich wieder zum Thema wurde, fackelte der Verwaltungsrat nicht lange und wechselte ihn aus. Bei Raiffeisen gibt es offenbar keinen Plan B. Es steht kein fähiger Kandidat zur Einwechslung bereit. Sie ist auf Gisels Know-how angewiesen.

Die Bank ist nun in einer ungemütlichen Lage. Sie ist auf der Suche nach einem neuen Verwaltungsratspräsidenten, der Verwaltungsrat wird neu aufgestellt, und nun ist auch noch der Chefposten vakant. Dieses Führungsvakuum könnte die Finma auf den Plan rufen. Bei ihr heisst es dazu: kein Kommentar. Doch es ist kein Geheimnis, dass sich die Behörde mit der Bank derzeit besonders eng austauscht. Sie hat aber offenbar keinen Druck ausgeübt, dass der Chefwechsel erfolgt. Auch dazu will sich ein Sprecher nicht äussern.

Diverse Namen im Spiel

Im kürzlich abgeschlossenen Schlussbericht der Finma heisst es, die Mängel bei Raiffeisen seien «gravierend» gewesen, es gebe aber keine aufsichtsrechtlichen Probleme für die aktuelle Chefetage der Bank – also auch nicht für Gisel. Die Behörde wird aber erst entscheiden, ob sie Verfahren gegen Einzelpersonen eröffnet, wenn der interne Untersuchungsbericht der Bank vorliegt. Der ehemalige Swiss-Life-Präsident Bruno Gehrig leitet derzeit die interne Aufarbeitung der Ära Vincenz.

Analyse: «Das ist ein Signal für den Neuanfang»

Wird der Rücktritt des Raiffeisen-Chefs die Situation der Bank endlich beruhigen? Die Analyse im Video.

Interimspräsident Pascal Gantenbein will sich im November den Raiffeisen-Delegierten zur Wahl stellen, um das Amt dauerhaft zu übernehmen. Es soll noch weitere, externe Kandidaten geben. Hans-Ulrich Meister, der Präsident des Baukonzerns Implenia und einstige Topbanker der Credit Suisse, soll Interesse haben. Genannt wurde auch Alexandre Zeller, Präsident der Credit Suisse Schweiz. Er ist aber bei den Genossenschaftern wohl schwer vermittelbar, zudem müsste er eine Gehaltseinbusse von fast 1 Million Franken hinnehmen. Auch der einstige UBS-Schweiz-Chef Lukas Gähwiler wurde schon ins Spiel gebracht. Doch er scheint sich als Mann für besondere Aufgaben bei der UBS wohlzufühlen. Ein Wechsel scheint da äusserst unwahrscheinlich. Antoinette Hunziker-Ebneter, die Präsidentin der Berner Kantonalbank, sei schon auf dem Zettel von Headhuntern aufgetaucht, heisst es aus der Branche. Sie würde mit ihrer kritischen Haltung gegenüber hohen Boni gut zur Raiffeisen-Kultur passen.

Raiffeisen befinde sich in einer schwierigen Lage, sagt Headhunter und Unternehmensberater Björn Johansson. Der künftige Chef müsse wissen, wer Präsident werde – und umgekehrt. «Es ist eine gefährliche Situation, wenn man beide gleichzeitig bestimmen muss», sagt Johansson. Zwischen Chef und Verwaltungsratspräsident müsse ein Grundvertrauen bestehen. Das sei nicht möglich, wenn sie sich nicht kennten.

Weil Gisel schon eine Weile angezählt war, hat sich der Verwaltungsrat wohl bereits erste Gedanken um seine potenziellen Nachfolger gemacht. «Es gibt sicher schon Ideen, wer sein Nachfolger sein könnte, aber es wurden wohl noch keine konkreten Gespräche geführt», sagt Johansson. In der Schweiz gibt es seiner Ansicht nach nur rund ein Dutzend Kandidaten, die für den Job infrage kommen. Es müsse ein Schweizer mit Führungserfahrung auf höchster Ebene sein, der das Bankgeschäft bestens versteht. Zudem sei es wichtig, dass er sich im Risikomanagement auskenne, einer der wichtigsten Aufgaben bei Raiffeisen. Zudem sei es zur Bewältigung der Krise wichtig, dass es sich um eine glaubwürdige Person mit makellosem Lebenslauf handle.

Raiffeisen-interne Kandidaten dürften kaum eine Chance haben. Michael Auer, Leiter des Geschäfts mit Privat- und Anlagekunden, hat wie Gisel das Problem, schon zu lange in der Geschäftsleitung zu sein. Informatikchef Rolf Olmesdahl hat einen schweren Stand, weil die neue Software von Raiffeisen viele Probleme hat. Für die neueren Geschäftsleitungsmitglieder Christian Poerschke und Urs Gauch komme der Schritt noch zu früh, meint ein Kenner der Bank. Er sagt auch, es sei ausgeschlossen, dass ein Leiter einer regionalen Raiffeisenbank auf den Chefposten der Zentrale geholt wird. Denn selbst die grössten Regionalgenossenschaften seien gemessen an der Mitarbeiterzahl im Verhältnis zur Zentrale zu klein.

Da bleibt nur ein externer Kandidat. Diesen Wunsch hegen auch einflussreiche Genossenschafter. Der neue Raiffeisen-Chef müsse die genossenschaftliche Struktur verstehen und das Kleinkundengeschäft kennen. Eignen würde sich daher der Chef einer grösseren Kantonalbank, etwa Roland Ledergerber von der St. Galler Kantonalbank. Er habe das richtige Alter und die Erfahrung, so ein Kenner. Ebenfalls denkbar wäre Stefan Loacker, der einstige Präsident des Versicherers Helvetia. Mit diesem war Raiffeisen geschäftlich verbunden, Loacker kennt die Bank daher gut.

Erstellt: 19.07.2018, 07:09 Uhr

Stationen der Affäre Vincenz

30. Januar 2015 – Pierin Vincenz kündigt seinen Abschied als Raiffeisen-Chef für Frühling 2016 an. Er war seit 1999 der Kopf der Bank und formte sie zum drittgrössten Geldhaus der Schweiz. Sein Nachfolger Patrik Gisel übernimmt im Oktober 2015 – früher als geplant. Weiterhin bei Raiffeisen tätig bleibt Nadja Ceregato, die Ehefrau von Pierin Vincenz. Sie ist Chefjuristin der Bank.

5. November 2017 – Die Finanzmarktaufsicht des Bundes Finma nimmt Vincenz ins Visier. Die Finma hat ein Verfahren gegen den Ex-Raiffeisen-Chef eingeleitet. Es geht um die Handhabung von Interessenkonflikten. Am 18. Dezember tritt Vincenz unter Druck als Präsident der Versicherung Helvetia zurück. Die Finma stellt darauf das Verfahren gegen ihn ein.

26. Februar 2018 – Raiffeisen trennt sich von Investnet und übernimmt KMU Capital. Die Beteiligungsgesellschaften spielen in der Affäre Vincenz eine wichtige Rolle. Nur zwei Tage später eröffnet die Zürcher Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Vincenz. Zudem reicht Raiffeisen Strafanzeige gegen ihn ein. Vincenz muss in Untersuchungshaft. Aus dieser kommt er erst Mitte Juni wieder frei.

27. April 2018 – Die Vincenz-Affäre sorgt für einen radikalen Umbau im Verwaltungsrat der Genossenschaftsbank. Dem Gremium wird eine Teilschuld daran gegeben, dass Ex-Chef Vincenz ohne eine griffige Aufsicht heikle Geschäfte abwickeln konnte. Die Bank gibt bekannt, dass bis 2020 neun der elf Verwaltungsratsmitglieder zurück­treten werden.

24. Mai 2018 – Raiffeisen-Chef Patrik Gisel gibt überraschend den Verkauf der Privatbank Notenstein La Roche an die Bank Vontobel für 700 Millionen Franken bekannt. Die ehemalige Bank Wegelin wurde 2012 noch unter der Leitung von Vincenz gekauft und galt als Prestige­projekt des Bündners. Gisel als sein damaliger Stellvertreter stellte sich stets hinter den Entscheid.

14. Juni 2018 – Die Finanzmarktaufsicht Finma gibt bekannt, dass es bei Raiffeisen zu schwerwiegenden Mängeln in der Unternehmensführung gekommen war. Die Aufsichtsbehörde wählt in ihrer Medienmitteilung ungewohnt scharfe Worte. Erhebliche Interessenkonflikte, schwere Verletzungen der Aufsicht, ungenügende Risikokontrolle, lautet das Fazit.

16. Juni 2018 – An der Delegierten­versammlung in Lugano, die hinter verschlossenen Türen stattfindet, üben Regionalvertreter Kritik an Verwaltungsrat und Geschäftsleitung. Rita Fuhrer und Angelo Jelmini müssen auf Druck der Delegierten per sofort auf ihr Verwaltungsratsmandat verzichten. Pascal Gantenbein gibt seine Kandidatur als VR-Präsident bekannt.

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