«Der 15-Minuten-Takt wird künftig Realität sein»

Die SBB drohten vor lauter Problemen das grosse Ganze aus den Augen zu verlieren, sagt Verkehrsexperte Matthias Finger.

Die Anforderungen an die SBB werden weiter steigen. Foto: Reto Oeschger

Die Anforderungen an die SBB werden weiter steigen. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch bis maximal Ende nächsten Jahres wird Andreas Meyer Chef der SBB sein. Danach wird seinen Posten nach mehr als 13 Jahren jemand anderes übernehmen. Was den Nachfolger oder die Nachfolgerin erwartet, ist herausfordernd. Zurzeit brennen gleich etliche Themen unter den Nägeln der Bahnnation Schweiz: Sicherheit, Pünktlichkeit, Lokführermangel und neue Züge, die dringend auf die Schienen sollten.

Doch die neue Führung muss sich nicht nur mit dem täglichen Geschäft auseinandersetzen und einen stabilen Betrieb gewährleisten. Sie muss auch in der Lage sein, weiter voraus zu planen. Und eine Vision zu entwickeln, wie sich die SBB für die Zukunft positionieren wollen. Denn die Mobilität in der Schweiz wird weiter anwachsen.

«Es fehlt die Vision»

Welche Rolle die SBB in der Schweizer Mobilität von morgen einnehmen sollten, ist für Matthias Finger klar: «Die SBB müssen die Systemführerschaft innehaben.» Finger ist Professor am Westschweizer Pendent der ETH, der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL). Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Mobilität in der Schweiz. Er befürchtet zurzeit, dass die SBB im Mikromanagement versinken und das grosse Ganze aus den Augen verlieren. Das hänge mit der Position der Verwaltung zusammen, die zu viel Kontrolle ausübe. «Nur die SBB sind in der Lage, in Zukunft das Rückgrat der öffentlichen Mobilität in der Schweiz zu sein», sagt Finger. Es gehe nicht darum, dass die SBB alles kontrollieren oder alles selber machen, sagt er.

Die Bundesbahnen sollen denn auch durch eine unabhängige Instanz kontrolliert werden, so die Idee von Finger. Man habe es in den letzten Jahren verpasst, den Ausbau des öffentlichen Verkehrs auf eine grundsätzlichere Ebene zu heben. Denn: «Es fehlt die Vision.» An der Finanzierbarkeit von Projekten liege es in der Schweiz nicht. Auch ist der Ausbau des öffentlichen Verkehrs weitgehend unbestritten in Politik und Gesellschaft.

«Nur die SBB sind in der Lage, in Zukunft das Rückgrat der öffentlichen Mobilität in der Schweiz zu sein»Matthias Finger, Verkehrsexperte

Finger zeichnet ein Szenario der Mobilität in der Schweiz, das folgendermassen aussieht: die Schweiz als riesige Agglomeration mit künftig bis zu 10 Millionen Einwohnern. Das alleine führt automatisch zu mehr Verkehr – und diesen könnten die SBB kaum stemmen. «Die Bundesbahnen kommen an ihr Limit», sagt Finger. Dabei geht es nicht nur um Rollmaterial, sondern vielmehr um die Infrastruktur in Form des Gleisnetzes.

Dieses Netz ist schon sehr dicht. Ein grosser Ausbau sei dabei denn auch nicht möglich, sagt Finger. «Das System kann nur optimiert, nicht komplett umgebaut werden. Man muss vor allem die Flaschenhals-Situationen lösen», so Finger. Ihm schweben etwa Durchmesserlinien in Bern oder Olten vor, die den Verkehr flüssiger machen sollten. Denn das grosse Problem entstehe dort, wo Ost-West- und Nord-Süd-Verbindungen zusammentreffen.

15-Minuten-Takt für Städte werde kommen, sagt Finger

Bereits ist das nächste Bahnausbauprogramm mit dem sogenannten Ausbauschritt 2035 gesprochen. 13 Milliarden Franken hat das Parlament dafür gesprochen. Das Paket umfasst etliche einzelne Massnahmen und Projekte. Finger sagt: «Wenn die Politik einen Ausbau wie den letzten plant, dann wird das Geld nicht dort eingesetzt, wo es wirklich gebraucht wird. Der Bahnausbau muss entideologisiert und entpolitisiert werden.» Für das Gesamtsystem sei es viel wichtiger, wenn die grossen Achsen funktionierten. Und nicht, wenn beispielsweise im Bündnerland ein zusätzlicher Tunnel gebaut werde, sagt Finger.

Behält Finger recht, dann dürfen sich Pendler freuen auf die Mobilitätszukunft in der Schweiz. Neben einem ausgebauten Gleisnetz sollen sie auch von einem dichteren Fahrplan profitieren können. Er ist überzeugt, dass der 15-Minuten-Takt zwischen den grossen Städten künftig Realität sein wird. «Dafür brauchen wir die Digitalisierung», sagt Finger. Es geht darum, dass mehr Züge in engerer Abfolge als heute unterwegs sein können.

Doch für Finger ist klar: Ein reiner Ausbau des Gleisnetzes reicht nicht aus, um einen drohenden Kollaps in den Griff zu bekommen. «Es funktioniert nur dann, wenn man grösser denkt und Strassen-, Gleis-, Langsamverkehr zusammen mit Raumplanung angeht.» Dabei müsse man sich als Gesellschaft auch die Frage stellen, ob immer mehr Mobilität überhaupt notwendig ist. Oder ob es nicht Lösungen gäbe, wie das Pendeln zwischen zu Hause und der Arbeitsstelle verringert werden könne.

Erstellt: 06.09.2019, 15:50 Uhr

Artikel zum Thema

Das sind die Kandidaten für den SBB-Chefposten

Andreas Meyer tritt als Chef der Bundesbahnen ab. Was sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin mitbringen muss, ist bereits definiert. Mehr...

«Mir noch den Lohn kürzen lassen fand ich nicht angemessen»

Interview Was hat zum überraschenden Rücktritt des SBB-Chefs geführt? Andreas Meyer äussert sich zu den Spekulationen – und verrät seine Pläne. Mehr...

Interne SBB-Weisung: Wagen mit defekten Türen bleiben im Einsatz

Die SBB lassen Züge auch mit Schäden an «sicherheitsrelevanten Komponenten» weiter fahren. Das hätte auch für den Unfallzug von Baden gegolten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...