Reden ist Gold, Schweigen Schwermetall

PR-Desaster bei Oxfam, British Petroleum, BBC und Volkswagen: Warum das Verschweigen einer Krise für Unternehmen so verheerend ist, das offene Informieren so viel besser.

Als die Plattform Deepwater Horizon explodierte, verschwieg BP viel zu lange die Ursachen. Foto: Reuters

Als die Plattform Deepwater Horizon explodierte, verschwieg BP viel zu lange die Ursachen. Foto: Reuters

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Natürlich hat diese Enthüllung einen politischen Aspekt. Denn es war die konservative englische «Times» von Rupert Murdoch, die als Erste von den sexuellen Übergriffen berichtete, die mehrere Männer der Hilfsorganisation Oxfam im Katastrophengebiet von Haiti begangen hatten, darunter Kaderleute; das war vor sieben Jahren. Trotzdem hat die Zeitung das Richtige getan, diesen Skandal aufzudecken: Dass Helfende die Not ihrer Opfer ausbeuten, ist unerträglich – umso mehr, als es immer wieder vorkommt.

Für die wohltätige Organisation bedeutet die Enthüllung ein Desaster; es hat die grösste Krise in ihrer 76-jährigen Geschichte ausgelöst. Bereits haben über 7000 Gönner ihre Unterstützung zurückgezogen, es werden viel mehr dazukommen. Oxfam wird an der Krise jahrelang leiden. Weit schlimmer: All die Kriegsversehrten, Erdbebenopfer und all die anderen, die Hilfe brauchen, werden noch viel mehr zu leiden haben. Ein paar gierige Männer haben dafür gesorgt, dass Zehntausende ohne Zuwendung bleiben werden.

In der Rechtfertigungsspirale

Fast so schlimm wie das Handeln der Täter war die Reaktion ihrer Organisation. In der Hoffnung, die Vorfälle geheim halten zu können, wurden die Männer zwar entlassen, der Grund wurde aber verschwiegen. Das war ein katastrophaler Entscheid, weil Oxfam seither nicht mehr aus der Rechtfertigungsspirale herauskommt. Die Zentrale in Oxford wird mit Hassmails terrorisiert, die sozialen Medien sind ausser sich, die Medien berichten jeden Tag, übermitteln neue Details.

Hätte die Leitung von Oxfam das Fehlverhalten ihrer Leute kommuniziert, wäre ihr vieles erspart geblieben: Die Ehrlichkeit von Unternehmen bleibt das beste Mittel, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Ist es nicht erstaunlich, wie viele Firmen und Behörden diesen Zusammenhang noch immer nicht verstehen? Und immer noch glauben, ihre Krisen und Fehler folgenlos verheimlichen zu können? Zum Beispiel British Petroleum: Die Ölfirma war von Mitarbeitern und anderen Fachleuten gewarnt worden, dass die Sicherheit auf der Plattform Deepwater Horizon an mehreren Stellen mangelhaft sei – mit potenziell gefährlichen Folgen. Nichts geschah. Am 20. April 2010 explodierte die Plattform nach einem Gasleck, 11 Menschen starben, 17 wurden verletzt. Die Explosion führte im Golf von Mexiko zu einer der schwersten Umweltkatastrophen dieser Art. BP verschwieg die Ursachen. Die Firma musste 18,7 Milliarden Dollar Schadenersatz zahlen.

Zum Beispiel die BBC: Obwohl mehreren Kaderleuten bekannt war, dass der Discjockey Jimmy Savile Hunderte von Kindern während Jahrzehnten schwer belästigt und sogar vergewaltigt hatte, schwieg die BBC, eine Organisation, die für ihren Journalismus immer noch hoch geschätzt wird. Es war die Konkurrenz bei ITV, welche Saviles Missbräuche im Oktober 2012, ein Jahr nach dessen Tod, publik machte.Zum Beispiel Volkswagen und die manipulierten amerikanischen Abgastests, bekannt geworden am 18. September 2015. Nicht nur hatte der Konzern diese Täuschung verschwiegen, es dauerte noch vier Monate, bis sich der Vorstandsvorsitzende von VW in die USA bequemte. «Wir haben nicht gelogen», sagte er vor der Presse – und löste einen weiteren Skandal aus.

Beatrice Tschanz und der Journalismus

Wie man es anders machen kann, verdeutlicht der Unfall einer Swissair-Maschine am 2. September 1998 auf ihrem Flug von New York nach Genf. Nach einem Brand im Cockpit stürzte das Flugzeug beim Notlandeversuch vor Halifax ins Meer, alle 215 Passagiere und die 14 Besatzungsleute starben. Bei der Bewältigung des Unglücks, dem riesigen Bedarf nach Information, Einordnung und Mitgefühl, brillierte die Swissair-Pressechefin Beatrice Tschanz mit ihren Auftritten, mit ihrer Sachlichkeit und Empathie. Warum man die Firma und ihre Sprecherin für ihren Einsatz so lobte? Sie sagte es zehn Jahre später in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» so: «Weil wir offen, transparent, ehrlich und vor allem schnell kommuniziert haben.» Beatrice Tschanz war 18 Jahre lang Journalistin gewesen.

Erstellt: 25.02.2018, 18:55 Uhr

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