«Reich werden und das Geld behalten ist hier selten das Ziel»

Für den Ökonomen Eilif Trondsen gehört das Zerstören alter Strukturen zur Grundhaltung im Silicon Valley. Diese Kraft gilt aber nicht als negativ.

Offen nicht nur für Technologiefragen: Apple-Mitarbeiter am Gay-Pride-Festival in San Francisco. Foto: Noah Berger (Reuters)

Offen nicht nur für Technologiefragen: Apple-Mitarbeiter am Gay-Pride-Festival in San Francisco. Foto: Noah Berger (Reuters)

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Sagen Sie uns, was das Geheimnis des Silicon Valley ausmacht ...
Die Menschen sind sehr offen. Sie wollen sich austauschen, über Ideen und Erfindungen sprechen. Das macht diesen Ort zu einer einzigartigen Forschergemeinde. Es gibt mehr als 300 Netzwerkgruppen und über 200 Organisationen aus dem Ausland, die die Verbindung zwischen ihrer Heimat und dem Silicon Valley fördern – aus der Schweiz, Skandinavien, Irland. Täglich kann man einen Anlass besuchen, Wissen aufsaugen, und man bekommt Tipps, mit wem man sich austauschen soll.

Im Silicon Valley wird also viel genetzwerkt. Wann wird gearbeitet?
Ist die Forschermentalität überhaupt kopierbar?
Nein, weil dahinter eine besondere Haltung steckt. Die Entwickler versuchen, etwas Bestehendes wie eine Software besser zu machen, sie weiterzuentwickeln, zu perfektionieren. Eine Erfindung geht so in die nächste über, was schliesslich eine Art Innovationsspirale ergibt, die sich ständig dreht und sich selbst nährt. Es geschieht immer häufiger, dass sich junge Leute selbstständig machen, die bei bekannten Firmen arbeiten. Von Tesla sind kürzlich zahlreiche gute Entwickler abgesprungen und versuchen nun, eigene Elektroautos zu bauen. Was auf diese Weise entsteht, zerstört alte Strukturen. Diese disruptive Kraft führt auch zu einer Zersplitterung der Wirtschaft in immer kleinere Nischen und Märkte. Die Welle an immer neuen und noch spezifischeren Apps ist das beste Beispiel dafür.

Heisst «Innovation» in Europa nicht das Gleiche?
Irgendwann gibt es vielleicht nichts mehr zu verbessern – das Ende der innovativen Spirale ist erreicht. Wann ist das Silicon Valley am Ende?
Ich bin schon 35 Jahre hier – und die Leute haben das Ende der Wirtschaftsregion mehr als einmal prophezeit. Geschehen ist stets das Gegenteil: Das Silicon Valley hat sich neu erfunden. Deshalb glaube ich, dass es auch nach Facebook und Google weiterbesteht. Kaum kriselt es hier, entsteht etwas Neues.

Was kommt nach Facebook, Uber und Airbnb?
Schwierig zu sagen. Vielleicht ist es eine Errungenschaft aus dem Bereich der Drohnen, Roboter oder der intelligenten Medizin: Man schluckt eine Pille, und diese meldet einer iWatch aus dem Magen heraus, was einem fehlt.

Ziemlich unwahrscheinlich, dass so ein Medikament in den USA schnell realisiert würde. Die Zulassung ist strikter als in Europa.
Das stimmt. Sie ist streng. Würde eine solche Pille in China entwickelt, käme sie schneller auf den Markt. Allerdings würde man dann ein Fragezeichen hinter die Qualität setzen. Im Silicon Valley bringen die Unternehmer ein Produkt sehr rasch auf den Markt, auch wenn es noch nicht ganz fertig ist. Doch wird es fortwährend verfeinert und verbessert. Diese Qualität hat Apple zum führenden Unternehmen der Region gemacht.

Das Silicon Valley ist international. Am Google-Hauptsitz wähnt man sich bisweilen in China oder Indien. Wie prägen Asiaten den Wirtschaftsraum?
Die meisten sind Secondos. Ihre Eltern sind in die USA eingewandert und betrachten Bildung als etwas sehr Wertvolles. Sie opfern fast alles, damit ihre Kinder an einer Spitzenuniversität wie Stanford studieren können. Wollen allerdings Studenten mit einem Visum hier bleiben, kämpfen sie mit Problemen, da die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eine höchst restriktive Praxis eingeführt haben. Das ist schade. Ich finde es schlecht, dass wir diese intelligenten Leute ausbilden und dann wegschicken. Es wäre besser, sie würden ihr Wissen in den USA nützen.

«Unternehmer bringen hier ein Produkt sehr rasch auf den Markt, auch wenn es noch nicht ganz fertig ist.»

Wer finanziert die Dutzenden von Start-ups, die jedes Jahr entstehen?
Seit den 60er-Jahren waren es überwiegend Venture-Capital-Firmen, die Jungunternehmen finanzierten. Nach der Finanzkrise ist ihre Risikobereitschaft gesunken. Mehr als 300 dieser Gesellschaften sind verschwunden. Sie sind vorsichtiger geworden.

Wer füllt die Lücke?
In den letzten zwei, drei Jahren nehmen immer mehr «Angels» diesen Platz ein. Das sind Einzelpersonen, die mit einem Unternehmen Erfolg hatten und nun einen Teil der verdienten Millionen ihrerseits in neue Ideen und Start-up-Unternehmen stecken. Bekannt sind die Paypal- und die Twitter-Mafia. Ehemalige dieser Firmen sind es, die zahlreiche Firmengründungen finanzieren.

Wieso gehen sie dieses Risiko ein, wenn sie schon mal richtig viel Geld verdient haben? Sie könnten auch das Leben geniessen.
Das stimmt. In Europa bauen die einen Schlösser, wenn sie reich werden. Hier helfen sie lieber, Firmen aufzubauen. Reich werden und das Geld behalten ist im Silicon Valley selten das Ziel. Das beste Beispiel dafür ist Elon Musk. Er verdiente mit seiner Internetfirma Milliarden, hat das Luxuselektroauto Tesla neu positioniert und lässt seine Ingenieure nun an Raketen tüfteln. Zwischendurch hat er beinahe sein ganzes Vermögen verloren. So risikofreudig sind auch andere Neumillionäre.

Es schärft aber auch das Bild, das man von Jungmillionären hat: Sie halten sich für den Nabel der Welt, obwohl sie nur eine Social-Media-App entwickelt haben, die morgen schon vergessen ist.
Einige Jungunternehmer sind tatsächlich zu stark auf neue Social-Media-Apps fokussiert. Ich wünschte mir, sie würden ihre Energie mehr für das Lösen grosser sozialer Probleme verwenden: etwa Kaliforniens Wassermangel, die alternde Gesellschaft, die Umweltverschmutzung, die Entwicklung neuer Medikamente.

Zwei Elite-Universitäten haben die perfekte Nähe zum Silicon Valley: Stanford, eine Spitzenhochschule für Ökonomen, und Berkeley, führend in Sozialwissenschaften. Wie sehen Sie den Beitrag der Unis zur Innovationsspirale?
Zwischen beiden gibt es fliessende Übergänge. Professoren und Professorinnen sind mit der Wirtschaft gut vernetzt. Häufig öffnen sie den Studenten die Türen zu den richtigen Firmen und den Kapitalgebern. Doch fordert die Dynamik im Silicon Valley zunehmend auch die Schulen heraus. So versucht Stanford zurzeit, seine Lehrgänge dem Wirtschaftsumfeld anzupassen. Die Universität will testen, wie flexibles, lebenslanges Lernen möglich wird. Eine interessante Idee ist die Vorstellung einer Lernschlaufe: Das heisst, Studenten stellen sich ihren Lehrgang über sechs Jahre selbst zusammen.

Gibt es Hoffnung für Europa, für die Schweiz, irgendwann doch die besten Teile des Silicon Valley zu übernehmen?
Es gibt Ansätze. In Finnland hat sich die Haltung zum Unternehmertum verändert. Funktionieren die geplanten Innovationsparks in der Schweiz, könnte es ebenfalls in diese Richtung gehen. Es gibt aber auch Länder, die sich distanzieren: Vor einiger Zeit reiste eine hochrangige Delegation aus England an – und kam zum Schluss: So etwas wie das Silicon Valley wollen sie überhaupt nicht. Es bringt zu viele Millionäre hervor. Die Delegation fürchtete, das würde den sozialen Frieden in der Heimat zerstören.

Zerstören und Aufbrechen ist bedrohlich, aber nicht im Silicon Valley. Warum?
Die Bereitschaft zum Scheitern ist gross und Teil des Selbstverständnisses. Es ist keine Schande, nicht auf Anhieb Erfolg zu haben. Die mit Abstand wichtigste ­Eigenschaft der Unternehmer und somit auch des Silicon Valley ist die Widerstandskraft. Das Nichtnachlassen trotz Rückschlägen zeichnet die Entwickler aus und gibt ihnen das Selbstbewusstsein, doch einmal Erfolg zu haben.

Unglaublich oft. In einem Start-up ist die Einsatzbereitschaft hoch – 24 Stunden an 7 Tagen, wenn es sein muss. Die vielen Länder, die im Silicon Valley präsent sind, schaffen es offenbar nicht, diesen Geist in ihre Heimat zu überführen.

Nein. In Europa, auch in der Schweiz, konzentrieren sich die Behörden darauf, nur grundlegend neue Erfindungen zu fördern. Das Gewicht in Europa liegt auf der Forschung und Entwicklung in Unternehmen. Doch daraus entstehen keine disruptiven Kräfte, die das Alte, Bestehende auflösen. Deshalb auch steht das Taxiunternehmen Uber in Europa so gross in den Schlagzeilen. Im Silicon Valley wird «disruptiv» nicht negativ gewertet. Das Wort bedeutet viel mehr, dass man versucht, etwas anders anzupacken als gewohnt, und es besser, einfacher und billiger zu machen. Uber liegt die Idee zugrunde, dem Kunden das Taxifahren mittels einer App zu erleichtern.

Erstellt: 11.07.2015, 05:11 Uhr

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Eilif TrondsenBildungsexperte für Digitales
Vor 35 Jahren ist Eilif Trondsen zum ersten Mal ins Silicon Valley gereist – und geblieben. Seither beobachtet der gebürtige Norweger die Entwicklung der kalifornischen Wirtschaftsregion. Er leitet das Unternehmen Strategic Business Insights, das mit der Stanford-Universität verbunden ist und IT-Firmen im Silicon Valley berät. Sein besonderes Interesse gilt der Rolle der Aus- und Weiterbildung im digitalen Zeitalter und der Frage, ob Europa die Unternehmenskultur des Silicon Valley übernehmen kann oder will. (wn/meg)

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