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Riesiges Netzwerk von Steuerhinterziehern enthüllt

Jahrzehnte verschoben Vermögende ihr Geld in Steueroasen. Ein Journalistennetzwerk bekam einen riesigen Datenberg über deren Machenschaften zugespielt und wertete diesen aus. Allein in der Schweiz sind 300 Personen betroffen.

Der georgische Premier Bidzina Ivanishvili besitzt laut dem «Guardian» eine via Panama installierte Offshore-Firma namens Bosherston Overseas Corp.
Der georgische Premier Bidzina Ivanishvili besitzt laut dem «Guardian» eine via Panama installierte Offshore-Firma namens Bosherston Overseas Corp.
Reuters
Der verstorbene Playboy Gunter Sachs soll Vermögen in Steueroasen versteckt haben. Es handle sich unter anderem um zwei Firmen und fünf Trusts auf den Cook-Inseln.
Der verstorbene Playboy Gunter Sachs soll Vermögen in Steueroasen versteckt haben. Es handle sich unter anderem um zwei Firmen und fünf Trusts auf den Cook-Inseln.
AFP
Die Dokumente zeigen auch, wie 2006 die Credit-Suisse-Tochter Clariden Leu Druck auf Trustnet ausübte, dass die Eigentümer völlig im Dunkeln bleiben müssten.
Die Dokumente zeigen auch, wie 2006 die Credit-Suisse-Tochter Clariden Leu Druck auf Trustnet ausübte, dass die Eigentümer völlig im Dunkeln bleiben müssten.
Keystone
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Heute legt ein internationales Netzwerk von Journalisten eine weltumspannende Recherche offen. Seit mehreren Monaten haben über 50 Medien, darunter die «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche», Zugriff auf über 2,5 Millionen Originaldokumente, die im Detail belegen, wie Vermögende weltweit ihr Geld in Steueroasen verschieben. Allein in der Schweiz sind 300 Privatpersonen und 70 Gesellschaften betroffen.

Die Dokumente stammen von zwei Firmen; die eine befindet sich in Singapur, die andere auf den Britischen Jungferninseln in der Karibik. Beide sind auf die Errichtung von Offshore-Gesellschaften spezialisiert. Sie gehören zu den grössten Anbietern weltweit. Sie bieten höchste Diskretion, die Eigentümer der meist komplexen internationalen Firmenkonstruktionen bleiben anonym, die Geldflüsse geheim.

Grösstes Datenleck der Geschichte

Dank einer anonym zugespielten Postsendung hat die Geheimnistuerei nun wenigstens zum Teil ein Ende. Das internationale Konsortium für investigativen Journalismus (ICIJ) in Washington erhielt eine Harddisk, die zuvor ohne Absender per Post an einer australischen Adresse im Briefkasten landete.

Seit Monaten analysieren über 80 Journalisten in 46 Ländern diesen Datenberg, der rund 260 Gigabyte digitalisierte Mails, Kontounterlagen, Passkopien und andere Urkunden dieser beiden Firmen umfasst – Dokumente im Umfang von einer halben Million Bücher von der Grösse der Bibel oder des Koran. Das Datenvolumen ist 160-mal grösser als die im Jahr 2010 von Wikileaks publizierten diplomatischen Depeschen und wohl ein Vielfaches der Daten aller Bank-CDs, die Datendiebe an Steuerämter in Deutschland und Frankreich verkauften. Die Offshore-Leaks-Dokumente, welche nun bisher strengstens gehütete Informationen offenlegen, sind damit das grösste Datenleck der Wirtschaftsgeschichte.

Offshore-Gesellschaften in Singapur und auf den Jungferninseln

Bei den beiden Firmen handelt es sich um die Commonwealth Trust Limited in Tortola auf den Britischen Jungferninseln und die Portcullis Trustnet, die von Singapur aus in dreizehn Ländern aktiv ist, darunter den Steuerparadiesen auf Cook Islands, Cayman Islands und Samoa. Sie gehören zu den grössten Anbietern für Geschäfte in Steuerparadiesen.

Die Dokumente enthüllen die Namen von circa 122'000 Gesellschaften und Trusts und von 12'000 Finanzintermediären. Sie enthalten 130'000 Einträge von Personen in über 140 Ländern, die solche Firmen verwalten, von ihnen profitieren oder sich hinter ihnen verstecken. Ein Teil der Offshore-Gesellschaften wurden zweifellos errichtet, damit die Kunden Vermögenswerte vor dem Fiskus geheim halten können.

Heute präsentieren mehrere Dutzend Medien weltweit erste Ergebnisse der Datenanalysen. Unter ihnen Journalisten von «The Washington Post», BBC, «The Guardian», «Le Monde» sowie der «Süddeutschen Zeitung». In der Schweiz haben François Pilet von «Le Matin Dimanche» und Oliver Zihlmann, Titus Plattner und Catherine Boss von der «SonntagsZeitung» seit Dezember an der Analyse der Daten gearbeitet.

300 Personen in der Schweiz betroffen

In der Schweiz sind rund 300 Personen und 70 Gesellschaften von Offshore-Leaks betroffen. Sie geschäften mehrheitlich in Genf, Zürich, Lugano oder Zug. Die Dokumente zeigen detailliert, wie 20 Schweizer Banken und zahlreiche Treuhänder und Anwälte Tausende von Gesellschaften in den genannten Steueroasen eröffnet haben – vor allem für ausländische, aber auch Schweizer Kunden, die dank solchen Firmenkonstrukten anonym bleiben. Damit verunmöglichen sie es den Steuerbehörden weltweit, die Vermögen aufzuspüren.

Die UBS allein ist via Portcullis Trustnet in über 2900 Gesellschaften in einem Dutzend Steueroasen involviert. Credit Suisse in über 700. Die Dokumente zeigen beispielsweise auch, wie 2006 die Credit-Suisse-Tochter Clariden Leu Druck auf Trustnet machte. Die Bank verlangte, dass die Offshore-Gesellschaften so gegründet werden, dass die Eigentümer völlig im Dunkeln bleiben. Selbst dem Chef des Rechtsdienstes von Trustnet ging dies zu weit, doch er wurde im eigenen Haus überstimmt und musste die Clariden-Leu-Regeln akzeptieren. Ob dies heute von der Credit Suisse, die Clariden Leu übernommen hat, weiter so gehandhabt wird, will die Bank nicht sagen. Sie lässt lediglich verlauten, sie respektierte die Gesetze aller Länder, in denen sie Geschäfte tätige.

Die Dokumente enthüllen eine Reihe brisanter Schweizer Einzelfälle. Die Daten zeigen etwa, dass hinter diversen Scheinfirmen das Schweizer Konto des Sohnes eines pakistanischen Ministers steht. Hinter einem Genfer Finanzberater, der eine Gesellschaft auf den Britischen Jungferninseln repräsentiert, steht eine Freundin von Mutter Theresa.

Und als Frontmann für eine Offshore-Firma eines internationalen Rohstoffkonzerns zeichnet ein Schweizer Treuhänder verantwortlich, gegen den die Bundesanwaltschaft wegen Geldwäscherei ermittelt. Ein anderer Schweizer vertritt einen berühmten Hollywood-Schauspieler, der ein geheimes Konto in Lausanne hat. Die «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche» werden einige dieser und weitere Einzelfälle in den Ausgaben vom 7. und 14. April dokumentieren.

Der Fall Sachs

Ein Beispiel für einen Schweizer Fall ist Opel-Erbe und Starfotograf Gunter Sachs, der sich am 7. Mai 2011 in der Schweiz das Leben nahm. Die Analyse der Daten zeigt, dass Portcullis Trustnet für Sachs zwischen dem 15. September 1993 und dem 10. April 2007 zwei Gesellschaften und fünf Trusts gegründet hat: die Gesellschaften Triton Limited und Tantris Limited und die fünf Trusts namens Parkland Oak, Moon Crystal, Espan Water, Sequoia und Triton Trust.

Der Fotograf war in seinen drei letzten Lebensjahren von 2008 bis 2011 in Gstaad in der Gemeinde Saanen steuerpflichtig. Recherchen der «SonntagsZeitung» in Zusammenarbeit mit der «Süddeutschen Zeitung» zeigen, dass diese Trusts und Firmen in der Steuererklärung von Gunter Sachs namentlich nicht auftauchen.

Die Analyse des Firmennetzwerkes führt zu weiteren Gesellschaften von Sachs, unter anderem in Panama und Luxemburg, die ebenfalls nicht alle in seinen Steuererklärungen aufgeführt sind – zwei Firmen mit über 9 Millionen Franken Kapital und weitere Millionenvermögen in Schweizer Immobilien.

Keine Einkommenssteuern bezahlt

Recherchen in Genf ergaben, dass die Sachs-Vermögen zum Teil über die Firma Galaxar AG kontrolliert wurden. Ehemalige Angestellte und Personen, die Sachs nahestanden, beschreiben die Geschäfte als florierend. Zwar zahlte Sachs in der Schweiz 2,7 Millionen Franken Vermögenssteuer, aber offenbar keinen Rappen Einkommenssteuern, wie eingesehene Dokumente zeigen. Da er 1976 die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hatte, konnte er keine Pauschalbesteuerung für sich in Anspruch nehmen.

Die Recherche hat ergeben, dass Gunter Sachs in den letzten Jahren seines Lebens im Kanton Bern in der Steuererklärung 470 Millionen Franken deklariert hat. Ehemalige Mitarbeiter der Galaxar lassen aber durchblicken, dass es erheblich mehr sein dürfte.

Unklar ist beispielsweise, ob der Verkauf eines Teils seiner Kunstwerke in der Höhe von rund 62 Millionen Franken im Mai 2012 korrekt deklariert wurde. Denn wenige Wochen später wurde der Wert der ganzen Sammlung für das Erbschaftsinventar zuhanden der Steuerbehörde nur mit 48 Millionen Franken veranschlagt.

Finanzkonstruktionen von Lenz & Staehelin realisiert

Die Finanzkonstruktionen von Gunter Sachs, die von den Cook Islands über Luxemburg und die Britischen Jungferninseln bis nach Panama reichen, wurden teils mithilfe von Lenz & Staehelin realisiert, der grössten Anwaltskanzlei der Schweiz mit über 150 Anwälten und Filialen in Zürich, Genf und Lausanne.

Einer der Partner der Kanzlei, Peter Hafter, war der Vertrauensanwalt von Sachs. «Die Trusts sind nicht aus steuertechnischen Gründen errichtet worden, sondern um die Erbfolge zu regeln», sagt Hafter. «Alle Vermögenswerte, die Herrn Gunter Sachs im Zeitpunkt seines Todes gehörten, sind in den bei den zuständigen Steuerbehörden eingereichten Erbschaftssteuererklärungen per Todestag aufgeführt», so der Anwalt.

Nicht die Trusts, sondern die durch sie gehaltenen Aktiven seien in der Steuererklärung aufgeführt, sagt Hafter. Die Trusts selbst hätten – «als blosse Hülsen» – keinen selbstständigen Wert und bräuchten daher nicht deklariert zu werden, sagt er.

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