SBB planen Einsatz selbstfahrender Züge

Dank automatischer Steuerung der Lokomotiven sollen dichtere Fahrpläne möglich werden. Der Beruf des Lokführers soll aber nicht verschwinden.

Testfahrt eines Schnellzugs mit einem neuen, digitalen Assistenzsystem für Lokführer. Foto: Christian Merz (Keystone)

Testfahrt eines Schnellzugs mit einem neuen, digitalen Assistenzsystem für Lokführer. Foto: Christian Merz (Keystone)

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0.23 Uhr, Nacht auf Dienstag, Bahnhof Bern. Ein Zug fährt los in Richtung Olten. Im Führerstand sitzt ein Lokführer, der über weite Teile der Strecke nicht viel tun muss. Nicht er beschleunigt und bremst den Zug, sondern die Betriebszentrale in Olten. Ferngesteuert erreicht der Zug 160 Kilometer pro Stunde, bremst auf 120 ab, legt einen Nothalt ein und beschleunigt wieder. Der Lokführer könnte eingreifen, nötig ist es nicht.

Eine Stunde zuvor, vor Mitternacht. SBB-Chef Andreas Meyer spricht in Bern vor Journalisten. Auf einer Präsentationsfolie ist die Insel abgebildet, die Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer bewohnen. Lummerland heisst sie, und die Schweiz, sagt Meyer, dürfe kein Lummerland bleiben. Mit der Digitalisierung könnten auf dem bestehenden Schienennetz bis zu 30 Prozent mehr Züge verkehren. Smart Rail 4.0 heisst das Projekt.

Mit Stadler Rail entwickelt

Platz für zusätzliche Züge geben soll es, indem die Zeitabstände zwischen ihnen verkürzt werden. Die Züge fahren also in höherer Kadenz – ohne Einbussen bei der Sicherheit. Möglich werden soll das, indem die Züge alle gemäss den gleichen Vorgaben beschleunigen und bremsen. Heute hat der Lokführer hier einige Freiheiten. An Geschwindigkeitslimiten muss er sich aber jetzt schon halten. Fährt er zu schnell, bremst ihn das Zugsicherungssystem European Train Control System (ETCS) aus.

Bereits heute empfiehlt ihm zudem ein von den SBB entwickeltes System die optimale Fahrstrategie, um möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Hält sich der Lokführer an die Empfehlungen, vermeidet er etwa, dass er vor einem Haltesignal vollständig zum Stehen kommt. Stattdessen verlangsamt er so stark, dass das Signal auf Fahren schaltet, sobald er es erreicht. Der Algorithmus, der den Zug fernsteuert, basiert auf diesen beiden Systemen. An der Entwicklung beteiligt war auch der Thurgauer Bahnhersteller Stadler Rail.

Dessen Chef Peter Spuhler, der gerne auf seine Militärzeit zu sprechen kommt, verzichtete auch diesmal nicht auf einen entsprechenden Hinweis. «Wieder mal eine Nachtübung», sagt er – um dann darzulegen, was seine Absichten bei dem Projekt sind. Stadler Rail will beim automatisierten Fahren eigene, in sich geschlossene Systeme anbieten, um sich aus der Abhängigkeit grosser Konkurrenten zu lösen. Mit einem Auftrag für führerlose U-Bahn-Züge aus Glasgow machte das Unternehmen letztes Jahr einen ersten Schritt. Allerdings war Stadler damals noch Teil eines Konsortiums.

An Bord des Zuges, der ferngesteuert nach Olten fährt, sitzt auch Mani Haller, Lokführerchef des SBB-Personenverkehrs. Heute, sagt Haller, müssten Lokführer nach der letzten Fahrt den Zug oft auf ein abgelegenes Abstellgleis bringen. Von dort müssten sie dann weite Strecken dem Gleis entlang zu Fuss zurückgehen. In einer schönen Vollmondnacht sei das vielleicht angenehm, ansonsten weniger. Er könne sich vorstellen, dass der Zug dereinst automatisch auf das Abstellgleis fahre.

Dass es den Beruf des Lokführers aber weiter geben werde – das betonen sie an diesem Abend alle. SBB-Chef Meyer sagt, er könne sich einen lokführerlosen Betrieb nicht vorstellen. Gerade bei Störungen seien sie unersetzlich. Etwa wenn sich eine Tür nicht schliesse. Ein grosser Teil der Arbeit sei zwar Routine, dieser könne automatisiert werden, sagt ein Lokführer, der mit an Bord ist. Aber es gebe Situationen, in denen der Beruf seine ganze Aufmerksamkeit abverlange. Etwa wenn ein Instrument ausfalle oder bei dichtem Nebel die Signale kaum zu sehen seien.

Vor ein paar Wochen fand ein Gespräch zwischen Vertretern der SBB und Lokführern zur Automatisierung statt. Die SBB wollen Ängsten vorbeugen und die Lokführer in die Weiterentwicklung einbeziehen. Von Ängsten sei bei den Lokführern aber nicht viel zu spüren, sagt ein anderer.

SBB blicken in die Zukunft

Das liegt auch daran, dass bisher nur auf vier Linien überhaupt die Voraussetzungen für automatisiertes Fahren gegeben sind: im Gotthard- und Lötschberg-Basistunnel, auf der Neubaustrecke zwischen Mattstetten BE und Rothrist AG sowie zwischen Wanzwil BE und Solothurn. Erst dort wurde ETCS Level 2 umgesetzt, sodass keine Aussensignale mehr nötig sind, sondern alle Informationen in die Lok übermittelt werden.

Teilautonome Züge werden also nicht demnächst durchs Land rollen. Dennoch blicken die SBB bereits in die Zukunft: Der Beruf des Lokführers werde sich weiterentwickeln, sagte Meyer. Und Lokführer-Chef Haller meinte, er könne sich durchaus vorstellen, dass Lokführer dereinst während der Fahrt den Führerstand verlassen, um mit den Passagieren in Kontakt zu treten. Kundenbetreuung werde dann im Anforderungsprofil wichtiger. Ob Lokführer dann noch ein Traumjob bleibt? Laut Haller wählen viele den Beruf, weil sie Verantwortung und Ruhe suchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2017, 22:28 Uhr

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