Schockwellen nach dem Aufprall

Der festgenommene Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz muss vor den Haftrichter. Sein Nachfolger will Fragen dazu abklemmen. An der Basis sorgt man sich vor allem um den Ruf der Bank.

Pierin Vincenz hat als Chef von 1999 bis 2015 Raiffeisen zu dem gemacht, was sie heute ist. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Pierin Vincenz hat als Chef von 1999 bis 2015 Raiffeisen zu dem gemacht, was sie heute ist. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Nein, nein, keine Fragen zu Pierin Vincenz. «Der Fokus liegt auf den Geschäftszahlen 2017 der Raiffeisen-Gruppe. Wir bitten Sie, dies zu respektieren – vielen Dank für Ihr Verständnis.»

Dies teilten Raiffeisen-Sprecher offiziell mit. Am Freitag tritt Chef Patrik Gisel vor die Medien, zuerst in St. Gallen, dann in Zürich, um über das letzte Jahr Bericht zu erstatten. Über jenen Mann, der die Raiffeisen zu dem gemacht hat, was sie heute ist, will die Bankenspitze nicht reden. Der Gegensatz ist offenkundig: Während Gisel im Luxushotel Park ­Hyatt über die aktuellen Gewinne spricht, befindet sich sein Vorgänger und Förderer wenige Kilometer entfernt in einer Zelle. Das Zwangsmassnahmengericht muss nun entscheiden, ob Untersuchungshaft anzuordnen sei. Das bedeutet: Die Staatsanwälte, die am Dienstag Vincenz und vier seiner Geschäftspartner festnahmen, gehen von einem dringenden Tatverdacht aus, und sie sehen zusätzlich eine Verdunkelungsgefahr.

Identisch ist die Situation bei Beat ­Stocker, einem Vincenz-Geschäftspartner und früheren Chef des Kreditkarten-Dienstleisters Aduno, an dem Raiffeisen beteiligt ist. Die Ermittler werfen beiden Managern ungetreue Geschäftsbesorgung vor. Der Verdacht: Sie sollen bei Raiffeisen- und Aduno-Transaktionen auf Käufer- und Verkäuferseite involviert gewesen sein und mitverdient haben. Die Strafverfolger ermitteln gegen drei weitere Beschuldigte; diese konnten aber inzwischen nach Hause gehen. Auf Anfragen reagierten die drei nicht. Vincenz selbst hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

«Dringend Schaden vermeiden»

Die Nachricht der Festnahmen gab landesweit zu reden – Raiffeisen, das ist für viele die Bank aus dem Dorf, wo man die Hypothek hat. Ein Bollwerk des Vertrauens, organisiert in über 250 Genossenschaften, wo man den Leitern an der Versammlung in der Turnhalle zuhört, bevor es Schinken und Kartoffelsalat gibt.

So überrascht es nicht, dass nun Raiffeisen-Vertreter, die trotz des Vincenz-Trubels mit Namen hinstehen, sich in erster Linie Sorgen machen, dass der Fall den Ruf der Bank ankratzen könnte: «Wir müssen dringend weiteren Reputationsschaden vermeiden», sagt zum Beispiel Heinz Egli, Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Thunersee und früherer Präsident des Berner Regionalverbandes. Das sei man den 2 Millionen Raiffeisen-Mitgliedern schuldig.


Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser zu Pierin Vincenz

Was den ehemaligen Raiffeisen-Chef nun erwartet.


Der Vorwurf der Bereicherung, der im Raum steht, wirkt bei einer genossenschaftlichen Organisation besonders schwer. Die Bankengruppe ist schliesslich im späten 19. Jahrhundert als Gegenbewegung zu den privaten Banken entstanden. Pfarrer Johann Traber gründete die erste Schweizer Raiffeisenkasse 1899 in Bichelsee TG. Er importierte die Idee aus Deutschland, wo Namensgeber Friedrich Wilhelm Raiffeisen um 1850 die ersten Kreditgenossenschaften als Selbsthilfeorganisation für Bauern gründete. Eine eigene Bank sollte sie vor den Zinswucherern schützen. Solidarität als Leitgedanke war zentral.

«Vincenz hat viel Gutes getan»

Pierin Vincenz war der Mann, der dieses «Prinzip Raiffeisen» erneuerte; grösser, einfluss- und erfolgreicher sollte die Bank werden. Während seiner Amtszeit von 1999 bis 2015 wuchs die Bilanzsumme von 71 auf 205 Milliarden Franken – über 280 Prozent mehr.

Für diese Leistung zollen ihm viele an der Basis Respekt. So sagt Michael Iten, Präsident des Zuger Verbands der Raiffeisenbanken: «Man darf nicht vergessen, dass Pierin Vincenz sehr viel ­Gutes getan hat für die Raiffeisen-Gruppe. Mit ihm und seiner Strategie, die vom Verwaltungsrat getragen wurde, war die Bank sehr erfolgreich.» Der Anwalt warnt davor, zu früh zu aggressive Schlüsse zu ziehen: «Stand jetzt, sehe ich keinen Franken Schaden für Raiffeisen Schweiz und sowieso nicht für eine einzelne Raiffeisenbank.» Natürlich müsse man aber abwarten, was die Untersuchungen ergäben.

Dem aktuellen Chef, der von der Presse kritisiert wurde, er habe in der Causa Vincenz zu spät und zu schwach durchgegriffen, stärkt Iten den Rücken: «Wir haben volles Vertrauen in Patrik ­Gisel.» Er sei überzeugt, dass die Basis voll hinter der aktuellen Geschäftsleitung stehe. Ähnlich sagt es Heinz Egli: «Es ist gut, dass jetzt Gisel konsequent handelt und die Justiz einschaltet.» Ob die Untersuchungen zu spät eingeleitet worden seien, lasse sich aus der Ferne nur schwer beurteilen.

Der Fall Ceregato

Mehrere Raiffeisen-Regionalvertreter betonen, man werde nun in der Causa Vincenz genau hinschauen – und falls nötig intervenieren. Das Augenmerk gilt nebst den Beteiligungsdeals auch einer heiklen Personalie: Nadia Ceregato, die Gattin des Ex-Raiffeisen-Chefs. Die Juristin arbeitete lange im Bereich Legal & Compliance bei Raiffeisen und wurde nach Vincenz’ Abgang sogar Leiterin der Abteilung. Stets stand die Frage im Raum, inwieweit die Partnerin die Geschäfte von Vincenz neutral prüfen könne. Im vergangenen Herbst verliess Ceregato die Bank für ein Sabbatical. Geplant war, dass sie im Laufe des Jahres zur Bank zurückkehren würde. Die Frage ist: Gilt das noch?

Vertreter der Bank haben in Aussicht gestellt, darauf an der heutigen Medienkonferenz zu antworten. Womit auch klar ist: Nur um die aktuellen Gewinnzahlen geht es bei Raiffeisen heute nicht.

Erstellt: 02.03.2018, 07:00 Uhr

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