Schweiz bringt weltgrösstes Crowdfunding hervor

Eine Baarer Firma, die weder Manager, Angestellte noch Büros hat, ist bei den Anlegern ein grosser Renner.

Anleger wetten darauf, dass sich dieser junge Mann seiner Sache sicher ist: Ethereum-Gründer Vitalik Buterin. Foto: J. Phillips (Getty)

Anleger wetten darauf, dass sich dieser junge Mann seiner Sache sicher ist: Ethereum-Gründer Vitalik Buterin. Foto: J. Phillips (Getty)

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So manche Gründer von gewöhnlichen Unternehmen haben grösste Mühe, von ihrer Bank einen Kredit zur Realisierung ihres Traums zu erhalten. In Strömen fliesst das Geld dagegen manchmal, sobald die Gründer Schlagworte der Internetwirtschaft wie Crowdfunding, digitales Geld oder führerlose Organisation ins Spiel bringen. Anders ist kaum zu erklären, warum Tausende von Kleinanlegern aus aller Welt seit Ende April umgerechnet über 150 Millionen Dollar in ein digitales Anlagevehikel namens «Dao» investiert haben. Dao ist also heute schon mit Abstand das grösste je im Netz finanzierte Projekt. Entthront wurde das Weltraumspiel «Star Citizen», das mit 113 Millionen Dollar Einlagen bisher den Spitzenplatz hielt. Beobachter rechnen, dass Dao bis zum Ablauf der Finan­zierungs­runde am 28. Mai womöglich 200 Millionen Dollar und mehr zusammenbringt.

Die Gründer sagen, der Firmenname Dao stehe für Dezentrale Autonome Organisation. Als wichtigste Eigenschaft ihrer Schöpfung heben sie hervor, diese komme ohne Manager, Mitarbeiter und Verwaltungsräte aus, da sie aus einem Computerprogramm bestehe, das den Firmenzweck autonom ausführe. «Dao ist revolutionär», heisst es auf daohub.org. Dass die Vision vom automatisierten Anlagevehikel, das als eigenständig funktionierendes Programm im Internet lebt, ziemlich überzogen klingt, hat dem ehrgeizigen Vorhaben bislang nicht ­geschadet.

Digitalgeld aus Baar ZG

Der Ansturm von Investoren hängt nicht nur mit der Technologie der neuen Finanzierungs­plattform im Netz zusammen. Den Ausschlag dürfte letztlich das Vertrauen in die Macher gegeben haben, die hinter der Technik stehen. Letztlich ist der dreistellige Millionenbetrag eine grosse Wette, dass eine Gruppe von Internetpionieren rund um Vitalik Buterin weiss, was sie tut. Der 22-jährige Programmierer ist Erfinder und Gründer der Plattform Ethereum mit Sitz in Baar ZG, dem grössten Konkurrenten der Digital­währung Bitcoin. Ethereum hat eigenes Digitalgeld, den Ether, geschaffen. Heute sind Ether im Wert von über einer Milliarde Dollar im Umlauf – die Baarer stiegen in weniger als einem Jahr zur Nummer zwei hinter Bitcoin auf.

Dao geschaffen hat ein Trio: Christoph Jentzsch, früher Cheftester bei Ethereum, sein Bruder Simon, der zuvor Softwareprojekte von Grosskonzernen leitete, und Stephan Tual, Ex-Informatiker von Firmen wie Visa und BP. Dass Investoren sich ihre Finanzierung statt bei der Bank vermehrt im Netz holen, ist nicht neu.

Bahnbrechend am Projekt Dao ist, wie über Investitionen abgestimmt wird. Investoren erhalten für ihr Geld sogenannte Daos, mit denen sie vorgeschlagene Investitionsprojekte absegnen oder ablehnen können. Je mehr Daos, desto grösser die Stimmkraft. Minimal müssen 20 Prozent der im Umlauf befindlichen Daos an einer Abstimmung teilnehmen. Grünes Licht erhält, wessen Projekt über 50 Prozent Ja-Stimmen erhält.

Gesteuert wird die Abstimmung von einer Software, die in die Plattform von Ethereum integriert wird. Noch ist das Programm wenig mehr als ein Stimmenzähler, der Anspruch von der autonomen Firma also überzogen. Denn abgestimmt wird nur über Projekte, die von zehn «Kuratoren» grünes Licht erhalten, darunter Buterin und weitere acht Vertreter von Ethereum, nur einer ist halbwegs unabhängig.

Zwei Projekte zur Auswahl

Zur Auswahl stehen derzeit nur zwei Projekte. Mobotiq, der Prototyp eines Elektroautos, das für Autovermieter gedacht ist. Und Slockit, die Firma der Dao-Erfinder, die für die Weiterentwicklung ihrer Plattform Geld sucht – was Kritiker als Interessenkonflikt sehen. Wobei es den Anlegern freisteht, einfach Nein zu sagen. Eingebaut wurde zudem ein Sicherheitsventil für unzufriedene Anleger. Diese können eine Abspaltung durchsetzen, es entsteht ein zusätz­liches Dao-Vehikel mit ihrem Geld drin. Wer ganz raus will, kann über ein nicht ganz einfaches Prozedere seine Daos in Ether umwandeln und anderweitig verwenden.

Als Plattform muss sich Dao gegen rasch wachsende herkömmliche Crowd­funding-Firmen wie Kickstarter, Indiegogo und Rockethub behaupten, wo Anleger bereits Zehntausende von Firmengründern mit Milliarden von Dollars finanziert haben. Jede dieser Firmen beschäftigt Dutzende von Spezialisten, die den Jungfirmen helfen, sich ins beste Licht zu rücken. Diese Crowdfunder sind also ganz gewöhnliche Firmen mit Angestellten und Büros. Da so mancher Gründer Mühe mit dem Gedanken hat, sich über einen Softwaremechanismus finanzieren zu lassen, bauen die Dao-Gründer ihnen eine Brücke namens DaoLink, eine GmbH mit Sitz im Kanton Neuenburg. So kommt die Finanzierung am Schluss über eine Firma mit Adresse und Angestellten. Die Herkunft des Geldes lässt sich so den Behörden leichter erklären als ein rein digitales Geschäft.

Noch ist Dao also eine Art Risikokapitalfonds. Das wahre Potenzial der Dao-Plattform besteht in der Offenheit von Ethereum als Marktplatz für die Abwicklung einer Vielfalt von Transaktionen im Internet der Dinge. Also für das Auto, das sich über Dao selbst vermietet. Oder es wird genutzt von Sensoren, welche die mit ihnen generierten Daten selbstständig zu Geld machen. Ein Trading-Algorithmus, der über die Plattform stetig in die eigene Optimierung investiert, kann Dao nutzen. Oder Computer, die ungenutzte Kapazität vermieten. All dies automatisiert, nach Regeln, die für jedes Projekt massgeschneidert erstellt wurden, damit das Ganze nachher ohne Menschen läuft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2016, 23:25 Uhr

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