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Schweizer Firma gehört zu Europas Top-CO2-Schleudern

Neue Daten zeigen, wie viel CO2 Fracht- und Passagierschiffe in der EU ausstossen – es ist viel mehr als gedacht.

Die Genfer Gesellschaft MSC (Mediterranean Shipping Company) ist in die unrühmliche EU-Liste der Top-CO2-Emittenten aufgestiegen – hinter Kohlekraftwerken und noch vor der Fluggesellschaft Ryanair. Bild: Keystone
Die Genfer Gesellschaft MSC (Mediterranean Shipping Company) ist in die unrühmliche EU-Liste der Top-CO2-Emittenten aufgestiegen – hinter Kohlekraftwerken und noch vor der Fluggesellschaft Ryanair. Bild: Keystone

In der Klimadebatte ist die Fliegerei das grosse Feindbild, in Europa sind Kohlekraftwerke zudem die grössten CO2-Verursacher. Auch auf der Liste der grössten Klimasünder der europäischen Dachorganisation Transport and Environment (T&E) gehören die sieben Spitzenpositionen der Kohleindustrie, gefolgt aber nicht etwa von einer Airline, sondern von einer Schifffahrtsgesellschaft.

Das Genfer Unternehmen MSC (Mediterranean Shipping Company) belastet demnach das Klima stärker als beispielsweise die Billigairline Ryanair, welche auf Platz 10 landet, hinter einem weiteren Kohlekraftwerk. MSC ist die zweitgrösste Containerreederei der Welt und bietet auch Kreuz- und Fährfahrten an. «Die Schifffahrtsgesellschaft, die unsere Weihnachtsgeschenke transportiert, gehört zu den zehn grössten Umweltverschmutzern der EU», schreibt T&E provokativ zu der am Montag veröffentlichten Studie.

Liste der zehn europäischen Top-CO2-Emittenten (in Millionen Tonnen) gemäss den Berechnungen von T&E. Grafik: T&E
Liste der zehn europäischen Top-CO2-Emittenten (in Millionen Tonnen) gemäss den Berechnungen von T&E. Grafik: T&E

Die europäische Umweltorganisation will damit auf ein Thema aufmerksam machen, das in der Klimadebatte oft nur am Rand vorkomme, aber für einen grossen Teil des Warenverkehrs verantwortlich ist. Dabei geht es nicht nur um Weihnachtsgeschenke, sondern auch um Rohstoffe und Lebensmittel, wie Avocados und Bananen, die per Schiff in die EU transportiert werden.

Weil seit 2018 alle grösseren Schiffe in der EU ihren CO2-Ausstoss melden müssen, konnte nun erstmals in einer Studie erhoben werden, wie hoch der Ausstoss tatsächlich ist. T&E hat die Rohdaten ausgewertet und analysiert. Der europäische Thinktank ist ein Zusammenschluss von Umweltverbänden und besteht aus 51 nicht staatlichen Organisationen aus 23 Ländern – dazu gehört auch der Schweizer VCS (Verkehrs-Club der Schweiz).

Im Sommer hat T&E bereits mit seiner Studie «One Corporation to Pollute Them All» für Furore gesorgt, als der Gesamtausstoss aller Kreuzfahrtschiffe in Europa untersucht wurde (47 Luxusliner pusten mehr Dreck in die Luft als 260 Millionen Autos, lesen Sie hier mehr über die Emissionen von Kreuzfahrtschiffen und dem europäischen Privatverkehr).

25 Prozent kommen von MSC

Unter allen Frachtschiffgesellschaften ist die in Genf ansässige MSC mit rund 11 Millionen Tonnen ausgestossenem CO2 an der Spitze. Mit ihren 362 Schiffen ist MSC für genau ein Viertel des Ausstosses in der EU verantwortlich. Dahinter folgen APM-Maersk (Dänemark), CMA CGM (Frankreich) und Hapag-Lloyd (Deutschland).

Insgesamt haben die Containerschiffe in der EU rund 59 Millionen Tonnen CO2 ausgestossen. Das beinhaltet auch den Transport von Gütern in oder aus der EU in andere Länder und Regionen. Containerschiffe bringen den grössten Teil der Handelswaren für Konsumenten – beispielsweise elektronische Produkte wie iPhones, Kleidung, Möbel oder Lebensmittel. Innerhalb der EU machen diese Transporte 42 Prozent des CO2-Ausstosses aus.

Das Wachstum in der Containerschifffahrt ist dabei ungebremst. In ihrem Jahresbericht geht die UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung trotz der wirtschaftlichen Spannungen zwischen den USA, Europa und China von weiter steigenden Zahlen aus. Alleine seit 2000 hat sich das Frachtvolumen mehr als verdreifacht, von rund 600 Millionen Tonnen auf über 1,8 Milliarden Tonnen.

Neben Containern (hellblau) nimmt weltweit auch der Schiffshandel mit anderen Gütern wie Aluminium (grün), Kohle und Getreide (rot) sowie Öl und Gas (dunkelblau) zu (Angaben in Millionen Tonnen). Quelle: UNO (UNCTAD)
Neben Containern (hellblau) nimmt weltweit auch der Schiffshandel mit anderen Gütern wie Aluminium (grün), Kohle und Getreide (rot) sowie Öl und Gas (dunkelblau) zu (Angaben in Millionen Tonnen). Quelle: UNO (UNCTAD)

Hinter den Containertransporten folgen auf der europäischen T&E-Liste die Massengutfrachter, die rund 53 Millionen Tonnen CO2 ausstossen und beispielsweise Kohle, Getreide oder Rohöl transportieren. Das macht etwas mehr als 38 Prozent der Schifffahrts-Emissionen in der EU aus.

Weitere rund 14 Prozent gehen zulasten des Passagierverkehrs, das entspricht rund 20 Millionen Tonnen CO2 für Kreuzfahrten oder Fährschiffe. Dabei sind allerdings nicht sämtliche Passagiertransporte eingerechnet. Die EU verpflichtet nur grössere Schiffe (ab einer Bruttoraumzahl von 5000) dazu, den Kraftstoffverbrauch und den CO2-Ausstoss zu melden.

Die grossen Kreuzfahrt- und Fährschiffe in der EU emittieren 20 Millionen Tonnen CO2. Zum Vergleich: Die gesamte Schweiz stiess 2017 rund 47 Millionen Tonnen CO2 aus (ohne Flug- und Schiffsverkehr). Foto: Keystone
Die grossen Kreuzfahrt- und Fährschiffe in der EU emittieren 20 Millionen Tonnen CO2. Zum Vergleich: Die gesamte Schweiz stiess 2017 rund 47 Millionen Tonnen CO2 aus (ohne Flug- und Schiffsverkehr). Foto: Keystone

Insgesamt hat die Schifffahrt damit 139 Millionen Tonnen CO2 ausgestossen – 7 Millionen gehen auf das Konto von «anderen Schiffen». Zum Vergleich: Gemäss dem aktuellen Luftfahrt-Umweltbericht (EAER) der EU produzierte die gesamte Luftfahrt in der EU im Jahr 2017 rund 163 Millionen Tonnen CO2.

Mehr als doppelt so viel CO2

Die im Schiffsverkehr erhobenen Daten zeigen gemäss der Studie von Transport and Environment zudem, dass mehr CO2 ausgestossen wird als theoretisch angegeben. Mit Ausnahme der chinesischen Cosco Group und der Firma ONE aus Singapur rechnen alle Containerreedereien mit zu tiefen Werten für ihre Schiffe. Der eigentliche CO2-Ausstoss pro Frachttonne liegt demnach höher als angenommen, auch weil gemäss internationalem Standard stets nur mit einer 70-prozentigen Auslastung der Schiffe gerechnet wird.

Die meisten Containerschiffe stossen mehr CO2 aus, als dies von den Reedereien angegeben wird. Foto: Keystone
Die meisten Containerschiffe stossen mehr CO2 aus, als dies von den Reedereien angegeben wird. Foto: Keystone

Auch im Passagierverkehr liegt der Ausstoss höher, als Kreuzfahrtgesellschaften dies angeben. Die beiden grössten, Carnival und Royal Caribbean, geben an, dass pro Passagier und Kilometer zwischen 116 und 125 Gramm CO2 ausgestossen werden.

Das wären weniger als beispielsweise die 2019 neu zugelassenen Personenwagen, die im Schnitt 140 Gramm CO2 pro Kilometer emittieren (lesen Sie hier, weshalb sich die Klimabilanz der Neuwagen in der Schweiz trotz Elektro-Boom verschlechtert).

Riesige Kreuzfahrtschiffe sind für europäische Städte wie Venedig ein Graus. Für Passagiere gilt jedoch: Je grösser das Schiff, desto kleiner der persönliche CO2-Ausstoss. Foto: Keystone
Riesige Kreuzfahrtschiffe sind für europäische Städte wie Venedig ein Graus. Für Passagiere gilt jedoch: Je grösser das Schiff, desto kleiner der persönliche CO2-Ausstoss. Foto: Keystone

Eigentlich ein schönes Argument für die Kreuzfahrtbranche, nur ist es gemäss der europäischen T&E-Studie aber auch kreuzfalsch. So liegt der reale Ausstoss der Schiffe viel höher, als von den Gesellschaften angegeben: Laut T&E beträgt der Ausstoss pro Passagierkilometer rund 280 Gramm CO2, mehr als doppelt so viel wie vermutet.

20 Prozent für Transport von Öl, Kohle und Gas

Die europäische Organisation fordert in der Studie unter anderem, dass Frachtschiffe besteuert werden sollen, via Kraftstoff oder CO2. Beides sei derzeit nicht der Fall. Europa subventioniere damit indirekt die Abhängigkeit von der Ölindustrie und verlangsame den Wechsel zu einer CO2-neutralen Wirtschaft. Das zeigt sich insbesondere bei den Massenguttransporten. Rund 20 Prozent des CO2-Ausstosses der Schiffe in der EU kommen aus dem Transport von Rohöl, Kohle und Flüssigerdgas.

Die Studie von Transport and Environment empfiehlt, dass der Schiffsverkehr in den Europäischen Emissionshandel integriert werden soll. Bei diesem sind Fluggesellschaften beispielsweise bereits dabei. Mit dem Geld, dass dadurch zusammenkommt, sollen klimafreundliche Antriebe und Treibstoffe gefördert werden. Zudem sollen CO2-Standards gesetzt werden, welche für alle Schiffe gelten, die in die EU fahren.

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