Schweizer Firmen entdecken das dritte Geschlecht

Neben UBS, Roche und Georg Fischer schreiben immer mehr andere Unternehmen ihre Stellen geschlechtsneutral aus.

Mit einem «d» in Jobinseraten wollen Firmen auch Transgender-Personen ansprechen: Pride Parade. (Foto: Reuters)

Mit einem «d» in Jobinseraten wollen Firmen auch Transgender-Personen ansprechen: Pride Parade. (Foto: Reuters)

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Auf der Suche nach einem Mitarbeiter für den Bereich Datenschutz wendet sich das Schweizer Industrieunternehmen Georg Fischer nicht nur an Männer und Frauen. Der Hersteller von Rohrleitungssystemen und Eisengussteilen schreibt die Stelle geschlechtsneutral aus mit dem Kürzel «m/w/d». D steht für divers und spricht damit auch intersexuelle Menschen an, die sich in keinem der beiden Geschlechter wiederfinden.

Das Schaffhauser Unternehmen macht das seit einigen Monaten bei vielen Inseraten so. In den internen Verhaltensregeln sei ein «Verbot jeglicher Diskriminierung» festgehalten, begründet das ein Sprecher.

Immer mehr Schweizer Unternehmen beschäftigen sich mit dem Thema und gehen bei Stellen­inseraten über die Bücher. Laut einer Sprecherin des Stellenportals Jobs.ch gab es im Januar noch rund 190 entsprechend ausgeschriebene Inserate. Im Juli waren es bereits 820. Auch grosse Schweizer Konzerne haben ihre Praxis geändert, etwa der Pharmakonzern Roche: «Wir haben die Kategorie ‹d› in unsere Stellenanzeigen mit aufgenommen, da es Personen gibt, die sich weder als männlich noch als weiblich bezeichnen», sagt ein Sprecher. Dies gelte seit Januar für alle Stellen in Deutschland. Aber auch in Onlineinseraten für die Schweiz werde die Bezeichnung verwendet.

Geschlechtsneutrale Inserate in Deutschland Standard

Die Grossbank UBS hat ebenfalls schon reagiert. «Die UBS wendet diese Zusätze in einzelnen Ländern bereits an und prüft derzeit eine globale Umsetzung», sagt eine Sprecherin. In der Schweiz benützt die Bank den Zusatz bislang noch nicht.

In Deutschland werden geschlechtsneutrale Inserate zum Standard. Das Bundesverfassungsgericht hat dort in einem Urteil festgehalten, dass ein drittes Geschlecht existiert. Wenn Firmen in ihren Inseraten nur weibliche oder männliche Kandidaten ansprechen, laufen sie Gefahr, Menschen des dritten Geschlechts zu benachteiligen.

 «Es genügt nicht, wenn man mit Zusätzen wie m/w/d versucht, sich als moderner Arbeitgeber darzustellen.»Matthias Mölleney, Personalexperte

In der Schweiz gebe es aus rechtlicher Sicht keine Notwendigkeit für diese Form von Stellenanzeigen, sagt Roger Rudolph, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Zürich. Oft tauchen aber Onlineinserate von Schweizer Portalen auf deutschen Websites für Stellensuchende wieder auf. In diesen Fällen sei die Rechtslage unklar, so Rudolph. Dies, weil möglicherweise nicht Schweizer, sondern ausländisches Recht zur Anwendung komme.

Ein Blick auf Stelleninserate zeigt, dass die unterschiedlichsten Schweizer Unternehmen das dritte Geschlecht bei der Suche nach geeigneten Kandidaten erwähnen. Die auf einachsige Landwirtschaftsmaschinen spezialisierte Rapid sucht so eine «Mitarbeiterin Empfang m/w/d», der zur Fenaco gehörende Fleischverarbeiter Ernst Sutter einen «Abteilungsleiter Transport m/w/d». Noch sei der Zusatz bei der Fenaco nicht Standard. Man könne sich aber vorstellen, in Zukunft geschlechtsneutrale Zusätze bei Stelleninseraten aufzuführen, sagt Personalchef Christian Widmann.

Georg Fischer hat dies schon beschlossen. Man beabsichtige, mittelfristig alle Stellenanzeigen geschlechtsneutral auszuschreiben.

Personalexperte Matthias Mölleney hält geschlechtsneutrale Stellenausschreibungen in der Schweiz für begrüssenswert. «Es genügt allerdings nicht, wenn man die Jobbezeichnung geschlechtsneutral formuliert oder mit Zusätzen wie m/w/d versucht, sich als moderner Arbeitgeber darzustellen.» Entscheidend sei, dass sich alle Geschlechter im Text des Inserats gleichermassen angesprochen fühlten. Wenn Unternehmen in den Anforderungen vor allem Eigenschaften erwähnen, die eher Männern zu­geschrieben werden, sei eine geschlechtsneutrale Ergänzung «bestenfalls eine trendige Fassade».



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Erstellt: 03.08.2019, 20:27 Uhr

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