Damit Epileptiker und Krebskranke nicht vergeblich warten

In der Schweiz sind wichtige Medikamente knapp. Jetzt fordern Apotheker ein Exportverbot, um die inländische Versorgung zu sichern.

Zahlreiche Medikamente werden knapp, Apotheker befürchten Versorgungsengpässe. Foto: LumiNola, iStock

Zahlreiche Medikamente werden knapp, Apotheker befürchten Versorgungsengpässe. Foto: LumiNola, iStock

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Weltweit nehmen die Engpässe bei wichtigen Arzneimitteln immer weiter zu. Mit der steigenden Not wird der Verteilungskampf eröffnet: In einigen EU-Staaten ist Grosshändlern der Export von Medikamenten verboten, wenn diese im eigenen Land knapp sind.

In der Schweiz prescht der Verband der Apotheker vor und ist der erste, der hier ein Exportverbot bei Engpässen fordert. Switzerland first soll die Devise sein. «Wir brauchen eine gesetzliche Grundlage, um im Fall von Engpässen Exportverbote zu verhängen», fordert Fabian ­Vaucher, der Präsident des Apothekerverbands Pharmasuisse.

Bislang galt ein Exportverbot für die Schweiz nur als eine Option unter anderen. Das Bundesamt für Gesundheit schliesst zwar ein solches nicht aus. Aber eine Forderung ist es nicht. Es diskutiert derzeit eine ganze Liste von Massnahmen gegen die chronischen Lieferengpässe, sie reicht von der Herstellung und Lagerhaltung bis hin zur Vergütung.

Auch für die Apotheker ist der Ausfuhrstopp nur das letzte Mittel – aber für sie ist es jetzt an der Zeit, dieses vorzusehen: «Wir müssen die Grundlagen für Exportbeschränkungen schaffen und sie als Ultima Ratio verhängen, wenn es zum Schutz der einheimischen Versorgung notwendig ist», so Vaucher. Als eine Art Notstandsrecht sollen sie im Notfall verfügt werden.

Ist das Panikmache? Und eine Taktik, um in der Diskussion um die Medikamentenpreise zu punkten? Schliesslich verdienen auch Apotheken an teuren Medikamenten mehr als an günstigen.

711 Mittel sind nicht lieferbar

Diskutiert wird der Kampf um Medikamente aber etwa auch in Österreich. Dort prüft die Regierung ein ebensolches punktuelles Verbot von Parallelexporten, wenn es nachweislich Lieferengpässe für ein Medikament gibt. Mit insgesamt 3200 hat die Zahl der nicht lieferbaren Therapien dieses Jahr in der Schweiz eine Rekordzahl verzeichnet. Letzten Freitag waren 711 Mittel nicht lieferbar, das sind zehn Prozent mehr, als noch vor einer Woche gefehlt hatten. Auch lebensnotwendige Medikamente sind nicht verfügbar. Betroffen sind Krebspatienten, Epileptiker oder Parkinsonkranke. Aber auch gängige Antibiotika oder Impfungen fehlen. Anlass zur Panik besteht so durchaus.

Grund für den Mangel ist, dass die Wirkstoffe für Medikamente aus Asien kommen, wo es oft Qualitätsprobleme gibt. Zudem werden gerade in China jetzt Tausende Fabriken wegen des Umweltschutzes geschlossen. Die Pharmakonzerne im Westen halten dabei noch immer ihre Lager aus Kostengründen tief, sodass sich Lieferprobleme bei den für ihre Produktion benötigten Wirkstoffen sofort auf den Markt durchschlagen.

Das von Pharmasuisse geforderte Exportverbot würde also nichts an den Ursachen ändern. Könnte es aber wenigstens für eine erste, schnelle Abhilfe sorgen? Die Forderung will die Lagerhaltung von importierten Medikamenten sicherstellen. Denn Zwischenhändler können wegen des weltweiten Mangels die Therapien an die Meistbietenden verkaufen – egal, wohin.

Anfragen aus dem Iran

Enea Martinelli, Chefapotheker der Spitäler in Frutigen, Meiringen und Interlaken, berichtet, dass er immer wieder aus dem Mittleren Osten, etwa dem Iran, Anfragen erhält, ob er von Engpässen betroffene Medikamente liefern könne.

Auch der grösste Schweizer Zwischenhändler Galenica erhält Anfragen aus dem Mittleren Osten. Und in letzter Zeit häufen sich Anfragen aus dem Ausland für den Bezug von grösseren Mengen an Medikamenten. Geliefert werde aber nur, wenn diese Medikamente in der Schweiz nicht knapp sind. «Für uns steht die Versorgung der Schweiz klar im Fokus», sagt ein Sprecher. Es geht jedoch auch um die stark ausgebauten Pflichtlager. Der Bundesrat hat die Liste der Medikamente, die vorgehalten werden müssen, deutlich erweitert. Von diesen Vorräten könnten jedoch andere Länder profitieren, so Martinelli. «Wir riskieren, dass diese Medikamente exportiert werden, wenn sie woanders knapp sind, und wir haben dann nichts davon.»

Der Krankenkassenverband Santésuisse argumentiert dagegen in die entgegengesetzte Richtung: Ein Exportverbot hält er nicht für nötig, sondern vielmehr müsste das Verbot von Parallelimporten fallen gelassen werden, betont der Verbandssprecher. Gerade wegen der Lieferengpässe müsse der freie Handel mit Medikamenten über die Grenzen ermöglicht werden. Santésuisse geht es dabei auch darum, dass die Medikamente im Ausland meist günstiger sind, wovon die Kassen profitieren würden.

Erstellt: 16.12.2019, 08:49 Uhr

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