Schwere Managementfehler führen zu Kahlschlag im Aargau

1400 Jobs bei General Electric weg: Was zum Abbau beim Schweizer Ableger des US-Riesen führte.

Grosse Maschinenteile, grosser Abbau: Im Produktions- und Servicewerk von General Electric im aargauischen Birr.

Grosse Maschinenteile, grosser Abbau: Im Produktions- und Servicewerk von General Electric im aargauischen Birr. Bild: GAETAN BALLY/Keystone

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Hiobsbotschaft für die 4500 Schweizer Angestellten des US-Industriegiganten General Electric (GE). Dieser gab heute Vormittag bekannt, dass er an den drei Aargauer Standorten Baden, Birr und Oberentfelden 1400 Stellen streicht. Es ist bereits der zweite Kahlschlag in ähnlich grossem Ausmass: Anfang vergangenen Jahres kündigte der Konzern an, er streiche in der Schweiz fast 1300 Stellen. Weitere 100 Jobs wurden Anfang dieses Jahres gestrichen. Betroffen war bei allen drei Abbauschritten die Energiesparte. Diese entwickelt und produziert Generatoren und Turbinen, die in Atom-, Wasser- und Kohlekraftwerken sowie Gaskombianlagen zum Einsatz kommen.

Die Arbeitnehmerorganisation Angestellte Schweiz geisselte den neusten Entscheid gestern als «auf amerikanische Art absolut verantwortungslos». Die Gewerkschaft Unia warf der GE-Führung vor, sie stelle «einmal mehr das Interesse von profitgierigen Aktionären über dasjenige der Arbeitnehmenden». Die Gewerkschaft Syna urteilte, es gebe keine zwingende wirtschaftliche Notwendigkeit für einen derartigen Radikalabbau. «Die Interessen der Arbeitnehmenden müssen endlich den kurzfristigen Gewinngelüsten der GE-Aktionäre vorgehen.»

Unternehmensleitung reagierte passiv

Das mag zutreffen, ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Die Hauptschuld für die Stellenstreichungen und den Kahlschlag trägt nicht der US-Konzern, sondern die französische Alstom, von der GE das Energiegeschäft 2015 abgekauft hatte. Schon 2011 war das Alstom-Energiegeschäft im Niedergang. Die Unternehmensleitung reagierte jedoch passiv.

Das belegt ein Papier, das ein Alstom-Insider aufgrund vertraulicher Unterlagen im Auftrag einer vom Aargauer Regierungsrat Anfang 2016 eingesetzten Taskforce verfasst hat. In dem Papier, das die «SonntagsZeitung» im vergangenen Jahr enthüllt hat, heisst es: «Aufgrund der Jahresresultate 2011 und 2012 hätte im Kraftwerksbereich dringend eine grössere Restrukturierung durchgeführt werden müssen, um die Kapazitäten wieder den Realitäten anzupassen und die damit verbundenen Kostenunterdeckungen abzubauen. Diese dringend notwendige Restrukturierung wurde jedoch nicht durchgeführt, und damit hat sich die Ertragslage in den folgenden Jahren nochmals deutlich verschlechtert.»

«Am Markt nicht mehr konkurrenzfähig»

Der Autor, der die internen Abläufe bei Alstom bestens kennt, wirft dem französischen Konzern vor, er habe Produkte verkauft, «die am Markt nicht mehr konkurrenzfähig waren», vor allem die Gasturbinen. «In wesentlichen Technologieentwicklungen hatte es Alstom in den letzten fünf bis zehn Jahren versäumt, die Produktesortimente nachhaltig konkurrenzfähig zu halten und am Markt mit guten, kosteneffizienten Produkten eine starke Position zu halten. Neu entwickelte Produkte kamen zu spät oder waren bereits bei der Einführung kostenmässig nicht mehr konkurrenzfähig.»

Ab 2011 fand laut dem Insider ein starker Einbruch im Neuanlagenbereich statt, vor allem bei Kohlekraftwerken, Gaskombianlagen und Atomkraftwerken. Das habe auch im Servicegeschäft zu einem Nullwachstum geführt. Bei Wasserkraftwerken habe Alstom ebenfalls unter einer klaren Volumeneinbusse gelitten. Einzig im Bereich der erneuerbaren Energien sei das Umsatzvolumen klar gestiegen, aber aufgrund der Wettbewerbssituation zu deutlich tieferen Preisen. Diese Situation im Weltmarkt habe sich in Europa noch in wesentlich verstärktem Ausmass gezeigt.

Alstom beschönigte die Lage

Gegenüber ihren Angestellten und nach aussen beschönigte Alstom die Lage jedoch. So sagte Konzernleitungsmitglied Philippe Cochet, Chef der grössten Sparte für thermische Kraftwerke, Ende 2012 in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag»: Alstom habe «einen grossen Auftragsbestand», der «zu einem starken Umsatzwachstum» führen werde. Es gebe «einen grossen Bedarf nach Servicedienstleistungen» und «einen grossen Bedarf nach Gas- und Kohlekraftwerken in vielen Teilen der Welt». Einzig in Europa sei die Nachfrage tief. Die Auslastung in der Schweiz sei dennoch gut, die Angestellten müssten trotz des starken Frankens keine Angst um ihre Stelle haben.

Einer der besten Kenner des Energiegeschäfts von Alstom und GE in der Schweiz ist Max Chopard, ehemaliger Aargauer SP-Nationalrat und Unia-Gewerkschafter. Er kritisiert die frühere Alstom-Spitze für ihre Fehlentscheidungen scharf. Schon Ende der Neunzigerjahre habe sich abgezeichnet, dass die Energiezukunft weg von Gas- und Kohlekraftwerken gehe, hin zu erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind. Fortschrittliche Konzerne wie ABB hätten dies frühzeitig erkannt und mit voller Kraft entsprechende Technologien entwickelt. «Alstom hat diese Entwicklung verschlafen. Das rächt sich jetzt.»

Die offizielle Mitteilung von GE stützt dieses Urteil. Der US-Konzern begründete gestern den radikalen Stellenabbau mit der schwierigen Marktsituation im Turbinengeschäft. Die zunehmende Zahl von Windkraft- und Solaranlagen, die Verbesserungen bei der Energieeffizienz, der Preisdruck im Strommarkt und die stärkere weltweite Konkurrenz setze dem Energiegeschäft zu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 15:48 Uhr

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