Eine Zeitung, die vom Schwingfest-Boom lebt

Entgegen dem Trend im Printjournalismus steigert das Schwingerblatt «Schlussgang» die Auflage von Jahr zu Jahr.

Der Schwingsport wird immer beliebter: Am nächsten Wochenende am Eidgenössischen in Zug werden bis zu 350'000 Zuschauer erwartet. Foto: Eddy Risch (Keystone)

Der Schwingsport wird immer beliebter: Am nächsten Wochenende am Eidgenössischen in Zug werden bis zu 350'000 Zuschauer erwartet. Foto: Eddy Risch (Keystone)

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Allerhand Leute rieten Beat Reichenbach von seiner Idee ab, eine eigene Zeitung nur über den Schwingsport herauszugeben. «Zu klein sei die Fangemeinde, und zu kompliziert wäre es, über Schwingen zu schreiben, warnte man mich», sagt Reichenbach. Schliesslich sei Schwingen ja eine Randsportart, die nur hartgesottene Fans verstehen. «Ich habe es trotzdem gewagt», sagt der Luzerner. Dabei war er alles andere als ein Kenner der Szene, selber hatte er damals, vor 15 Jahren, noch nie ein Schwingfest besucht.

Kurz vor dem Eidgenössischen in Luzern im August 2004 kam die erste Ausgabe der Fachzeitung «Schlussgang» heraus. Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können. Das Jahr gilt im Schwingsport nämlich als der Beginn einer neuen Ära. Das Festareal des Eidgenössischen auf der Luzerner Allmend bot erstmals eine grosse Partymeile, zur Abendunterhaltung legte ein DJ auf. Mit 200'000 Personen kamen fast doppelt so viele Besucher, als es drei Jahre zuvor in Nyon VD waren. Nächstes Wochenende am Eidgenössischen in Zug werden gar bis zu 350'000 Personen erwartet – darunter auch viele Frauen und Promis aus Wirtschaft, Sport und Gesellschaft.

300 Ausgaben und mehr als 110'000 Leser – Die Schwingerzeitung «Schlussgang» ist beliebt. Foto: Raisa Durandi

Diese Woche erschien die 300. Ausgabe des «Schlussgangs». Die Zeitung hat sich in der Schwingerszene etabliert. Sie zählt mehr als 12'000 zahlende Abonnenten und mehr als 110'000 Leser, wie Reichenbach sagt. Die Zahlen stiegen kontinuierlich, sagt Reichenbach: «In diesem Jahr verzeichnen wir mit 1800 neuen Abonnenten einen stärkeren Zulauf als in früheren Jahren.» Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass der Schwingerverband seine eigene Verbandszeitung heuer eingestellt hat.

In den ersten Jahren ohne Lohn

«Der Zuwachs an Leserinnen und Lesern bestätigt, dass wir einen guten Job machen», sagt «Schlussgang»-Chefredaktor Manuel Röösli. Das sei keine Selbstverständlichkeit, denn in der Schwingergemeinde wurde das Fachmagazin einst nicht überall freudig aufgenommen. Das brauche man nicht, hiess es vonseiten der Traditionalisten. «Und kritische Texte, wie man sie beispielsweise von Matchberichten zu Fussballspielen her kennt, war man sich im Schwingsport nicht gewohnt», sagt Röösli.

«Der Zuwachs an Leserinnen und Lesern bestätigt, dass wir einen guten Job machen.»Manuel Röösli, «Schlussgang»-Chefredaktor

Beat Reichenbach erinnert sich noch gut an die Rückmeldungen nach den ersten Ausgaben. «Die Kritiken waren teils vernichtend», sagt er. Kenner störten sich an falschen Formulierungen oder nicht korrekt angeschriebenen Fotos. «Hinzu kam, dass die Suche nach regelmässigen Inserenten eine grosse Herausforderung war.»

Dabei hat Reichenbach damals alles auf die Karte «Schlussgang» gesetzt und seinen Job als Projektleiter beim Verlag der «Luzerner Zeitung» gekündigt. Mit 20'000 Franken Startkapital legte er los und gründete seinen Verlag. «In den ersten Jahren zahlte ich mir keinen Lohn aus, lebte vom Ersparten und einem kleinen Nebenjob», sagt der Verleger.

Erweiterung als Multimedia-Produkt

Man habe in die Verbesserung der Berichterstattung investiert, sagt Manuel Röösli. Schwingen symbolisiere Werte wie Tradition, Stärke und stehe für Swissness. «Die Werbeindustrie ist uns auch deshalb gutgesinnt.» Banken, Versicherungen, Grossverteiler und auch kleinere Firmen wie lokale Bauunternehmungen, Restaurants oder Metzgereien – sie alle suchen die Nähe zum Schwingsport und inserieren im «Schlussgang». Besonders gut läufts in diesem Jahr. «Dank dem Eidgenössischen haben wir ein Drittel mehr Einnahmen», sagt Verleger Reichenbach. Die aktuelle Sonderausgabe ist denn auch prall gefüllt mit Inseraten. Kein Wunder – wegen des Grossanlasses wurde sie 35'000-mal gedruckt.

Zahlen zu Umsatz und Gewinn gibt Reichenbach keine bekannt. Nur so viel verrät der 54-Jährige: «Es reicht zum Bezahlen aller Auslagen und der Löhne von 13 Mitarbeitenden. Am Schluss bleibt eine schöne Summe für weitere Investitionen.» Reichenbach hat den «Schlussgang» mittlerweile zum Multimedia-Produkt ausgebaut. Neben einer Homepage mit Wettkampfresultaten gibt es eine Smartphone-App, auch auf Facebook und Instagram ist die Schwingerzeitung präsent – und pro Jahr überträgt der Verlag drei Kantonalschwingfeste als Livestream.

Beat Reichenbach freut sich. In der Medienwelt nimmt man den Erfolg der einstmals belächelten Fachzeitung heute wahr. «Ein grösserer Verlag kam mit einem Übernahmeangebot auf mich zu», sagt der Unternehmer. Er wolle aber nicht verkaufen. «Denn der ‹Schlussgang› ist mein Kind, und wir haben noch viel vor mit ihm», wie der Verleger sagt.

Erstellt: 22.08.2019, 14:48 Uhr

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