Sein Treuebekenntnis hielt nur drei Monate

Der neue Chef Heinz Huber soll die skandalgeschüttelte Raiffeisen beruhigen. Auch bei seinem Aufstieg gab es schon Nebengeräusche.

Tritt die Nachfolge von Patrik Gisel bei der Raiffeisen an: Heinz Huber.

Tritt die Nachfolge von Patrik Gisel bei der Raiffeisen an: Heinz Huber. Bild: TKB

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Nach vielen Spekulationen wurde nun einer zum Raiffeisen-Chef ernannt, dessen Name im Vorfeld nie genannt wurde: Heinz Huber. Ab Januar 2019 übernimmt der jetzige CEO der Thurgauer Kantonalbank bei der skandalgeschüttelten Raiffeisen. Wie schon der neue VR-Präsident Guy Lachappelle kommt auch Huber von einer Kantonalbank.

Die Personalie kommt überraschend. Noch im August hatte der 54-Jährige selbst zur «Thurgauer Zeitung» gesagt: Ambitionen auf den Chefposten bei Raiffeisen Schweiz habe er nicht. Er bleibe der TKB treu. Heute lässt sich Huber zitieren: Das Geschäftsmodell von Raiffeisen habe ihn seit je fasziniert. «Die genossenschaftlichen Werte, insbesondere die Nähe zu den Kunden und die unternehmerische Verantwortung, lebe ich schon heute.»

Von Kantonalbank zum systemrelevanten Institut

Kritische Stimmen aus Finanzkreisen fragen sich, ob die Erfahrung bei einer kleinen Kantonalbank Huber befähigt, ein systemrelevantes Finanzinstitut zu managen. Das Regionalinstitut hat 30 Filialen, 700 Mitarbeiter und eine Bilanzsumme von über 22 Milliarden Franken. Raiffeisen Schweiz ist zehnmal so gross. 2014 wagte die TKB den Gang an die Schweizer Börse.

Für Huber ist es inhaltlich ein Wechsel zur Konkurrenz: Sowohl die TKB als auch die Raiffeisen sind im Hypothekengeschäft tätig. Im Thurgau ist die TKB unbestrittene Marktführerin, die Raiffeisen ihre härteste Konkurrentin.

Huber hinterlässt eine profitable Bank. Im ersten Halbjahr 2018 steigerte die TKB ihre Einnahmen in allen Bereichen. Auch die Kosten habe die Bank absolut im Griff, sagte Huber im August. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis verbesserte sich auf 47,7 Prozent. Der Kurs des TKB-Partizipationsscheins hat seit dem Börsengang 2014 kontinuierlich zugelegt – insgesamt um knapp 60 Prozent.

Das Geschäft zu diversifizieren, ist Huber in den letzten Jahren allerdings nicht gelungen. Ein Löwenanteil der Erträge stammt immer noch aus dem Zinsdifferenzgeschäft. In diesem Kerngeschäft nahm der Bruttoerfolg im ersten Halbjahr 2018 um 1,5 Prozent auf 124,2 Millionen Franken zu.

Als Beleg der Stärke der TKB nennt Huber das Geschäft mit Firmenkunden und Gewerblern – seine ehemalige Einheit. 6 von 10 Thurgauer Unternehmen seien Kunden der TKB, sagte er Anfang Jahr dem «St. Galler Tagblatt». Trotz eines Marktanteils von 60 bis 70 Prozent in diesem Segment habe man im letzten Jahr über 200 neue Geschäftskunden gewonnen.

Machtkampf an der Spitze

Ob Huber die Raiffeisen in ruhigere Fahrwasser lenken kann, bleibt abzuwarten. Zweifel daran dürften Berichte von Hubers Anfängen als Chef bei der Thurgauer Kantonalbank nähren. Denn davon bleibt vor allem eines: Gerüchte um einen Machtkampf an der Spitze. Am 10. November 2014 hatte die TKB bekannt gegeben, Hubers Vorgänger Peter Hinder verlasse die Bank «auf eigenen Wunsch». Experten vermuteten Unstimmigkeiten zwischen dem Bankchef und dem Bankratspräsidenten René Bock dahinter. Eine andere, dem Bankrat nahestehende Quelle liess gegenüber dem «St. Galler Tagblatt» verlauten, Heinz Huber habe bei Bankratspräsident Bock interveniert.

Huber, damals Vize Hinders und Leiter des Firmenkundengeschäfts, wurde unmittelbar nach dessen Abgang zum neuen Bankchef ernannt. Eine Quelle vermutete, zwischen Huber und Hinder sei ein Machtkampf entbrannt. Eine weitere Quelle äusserte Vorbehalte gegenüber dieser Einschätzung, sprach aber auch von «Differenzen auf oberster Führungsebene», die sich über die Zeit aufgebaut und verstärkt hätten. «Die Chemie an der TKB-Spitze hat nicht mehr gestimmt», zitiert das «St. Galler Tagblatt».

Hubers Ernennung zum Chef beendete bei der TKB allerdings auch eine Zeit der Unruhe: Huber war der fünfte Bankleiter bei der TKB in acht Jahren. Seither blieben Wechsel an der Spitze aus.

Huber machte 1981 eine Banklehre bei der UBS und belegte dort verschiedene Positionen im Kreditgeschäft. 1996 wechselte er zur Credit Suisse, wo er in Stabs- und Führungsfunktionen im Bereich Recovery tätig war. Seit 2001 sass er in der Geschäftsleitung von Kofax, einem US-Unternehmen, das Unternehmenssoftware anbietet. 2005 gründete er das IT-Unternehmen Syndoc und stieg dann 2007 wieder bei der Thurgauer Kantonalbank ins Banking ein.

Die Baustellen für Huber

Bei der Raiffeisen kommen auf Huber einige Baustellen zu. Als eine der grössten Banken der Schweiz muss die Raiffeisen nach dem Skandal um den langjährigen Chef Pierin Vincenz in ruhige Fahrwasser zurückgelenkt werden. Zum einen muss die Geschäftsleitung neu aufgestellt werden. Einige Führungskräfte waren bereits unter Vincenz tätig und dürften deshalb für einen Neuanfang nicht mehr infrage kommen.

Zum anderen gilt es, das Geschäftsmodell neu aufzustellen. Auch bei der Raiffeisen ist die Diversifizierung über das Hypothekargeschäft hinaus noch nicht gelungen. Ausserdem verlangt die Finanzmarktaufsicht Finma von der Bankzentrale, eine Umwandlung von der Genossenschaft in eine AG zu prüfen. So soll die Bank im Fall einer existenziellen Krise leichter zu retten sein. Weiter führt die Raiffeisen derzeit eine neue Informatik ein. Beim Projekt harzte es lange, es ist deutlich teurer geworden als geplant.

Erstellt: 20.11.2018, 12:16 Uhr

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