Sie gamen den ganzen Tag – und erhalten einen Lohn dafür

Fünf Profi-Gamer trainieren «League of Legends» – und meditieren. Bezahlt werden sie von Postfinance. Was ist der Zweck dieses Projekts?

Die Postfinance stellt ihnen einen Raum zur Verfügung: Mitglieder des ersten vollprofessionellen Schweizer E-Sports-Teams. Foto: Raphael Moser

Die Postfinance stellt ihnen einen Raum zur Verfügung: Mitglieder des ersten vollprofessionellen Schweizer E-Sports-Teams. Foto: Raphael Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manchmal drücken sich Neugierige die Nase platt an der Glasfront im Berner Postparc. Sie wollen wissen, was sich auf den Sofas oder am grossen Tisch im loftartigen Raum abspielt. «Postfinance Helix» steht an der Eingangstür. Daneben prangt das Symbol einer Helix, einer sich doppelt windenden Spirale. Man fragt sich, ob Postfinance hier einen neuen Shop betreibt. Allerdings fehlt das klassische Post-Gelb. Der Firmenname schwimmt in einem grellen Grün, das zu flimmern scheint wie auf einem Computerbildschirm.

Der Raum im Postparc ist nicht öffentlich. Insider wissen aber, dass hier seit Anfang Januar das erste vollprofessionelle E-Sports-Team der Schweiz trainiert. Und dass man ihm via Instagram, Twitter oder die Homepage Postfinancehelix.ch bei seinen Aktivitäten und Schlachten am Bildschirm über die Schultern blicken kann. Fünf junge E-Sportler, im landläufigen Sinn Gamer, trainieren hier «League of Legends». Das Strategiespiel, in dem zwei Fünfer-Teams um die Eroberung einer Festung kämpfen, ist die Königin der Computerspiele. Weltweit spielen es monatlich über 100 Millionen Personen.

826 Bewerber für fünf Plätze

«Mit unserem Postfinance-Helix-Team wollen wir die nationale ‹Swisscom Hero League› gewinnen und uns für die European Masters im November qualifizieren», sagt Ladina von Allmen, Projektleiterin des E-Sports-Experiments bei Postfinance. Nicht weniger als 826 junge Männer und Frauen hätten sich im letzten Jahr für das Team beworben und dann ein vierstufiges Bewerbungsprozedere durchlaufen, erzählt sie. Die fünf ausgewählten Topspieler sind so etwas wie ein All-Stars-Team der Schweizer «League-of-Legends»-Szene.

«E-Sports ist eine Wachstumsbranche, die den normalen Sport überholen wird.»«Polo» Marco Buchholz, Postfinance-Helix-Team

Sie trinken gesunden Kräutertee statt Cola, haben zum Mittag eben Salat statt ölige Chips gegessen, und sie relaxen nun auf den Sofas oder den blauen Gamersesseln, die aus dem Cockpit des Raumschiffs Enterprise stammen könnten. Ladina von Allmen stellt die Cracks, die Postfinance für ein Jahr unter Vertrag genommen hat, samt ihren Gamer-Übernamen vor. «Polo» Marco Buchholz (23) ist Informatiker aus Solothurn. «Koala» Dennis Berg (26) ist Systemtechniker aus Dietikon ZH. «Greenfire» Nikola Dimovic (21) aus Ostermundigen hat eine Informatiklehre absolviert. «Pride» Mahdi Nasserzadeh (21) aus Eglisau ZH hat Applikationsentwicklung gelernt. Und «Vango» Antoine Tinguely (22) ist Logistiker aus Freiburg.

Eloquente Spitzensportler

Die fünf erfüllen sich einen Traum: ein Jahr lang voll auf das Gamen setzen wie auf einen Beruf. Vorher plagte sie immer wieder das schlechte Gewissen, mit extensivem Gamekonsum ihre Lehre und Ausbildung zu gefährden. Dem Klischee des pickelgesichtigen Nerds, der sich am Bildschirm die Nacht um die Ohren schlägt, entsprechen die fünf nicht. Eloquent präsentieren sie sich als Spitzensportler.

«Es ist ein Klischee, dass Gamer nur am PC sitzen.»«Greenfire» Nikola Dimovic, Postfinance-Helix-Team

«Weil ‹League of Legends› eine enorme Tiefe und Komplexität hat, hört das Besserwerden bei diesem Spiel nie auf», erklärt Dennis Berg seine Faszination. «Im normalen Sport ist das Bessersein eindimensional, der Schnellere gewinnt einfach. Bei ‹League of Legends› aber gibt es enorm viele Möglichkeiten, den Gegner zu übertreffen», verdeutlicht Marco Buchholz. «E-Sports ist eine Wachstumsbranche, die den normalen Sport überholen wird», ist er überzeugt.

«Es ist ein Klischee, dass Gamer nur am PC sitzen. Wir haben hier ein umfassendes Programm, zu dem gesunde Ernährung, körperliches Training, Atemtechniken und Meditation gehören», sagt Nikola Dimovic. «Ich habe früher 15 Stunden am Tag Games gespielt und dachte erst, es ist Zeitverschwendung, sich mit Atemtechnik und Ernährung herumzuschlagen», gesteht Antoine Tinguely. Nun spiele er bloss fünf Stunden am Tag, habe einen geregelten Tagesplan von 9.30 bis 18 Uhr, esse keinen ungesunden Fastfood mehr, habe aber mehr Energie und werde immer besser.

Atemtechniken und Meditation gehören zum Programm: Die Gamer beim Yoga. Foto: postfinancehelix/instagram

Ein Personal Trainer koche für die Jungs und gestalte ihre Trainingseinheiten, erklärt Ladina von Allmen. Die Berner Gamer-Agentur MYI-Entertainment hat das Projekt mitgestaltet, Postfinance finanziert es. An die Spitze soll das Helix-Team schliesslich Headcoach «NicoThePico» bringen. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der 27-jährige Norweger Nicholas Korsgard, der schon mehrere Spitzenteams aufgebaut hat. «In der Szene hat er einen grossen Namen, im Fussball hätte er etwa das Format von Thomas Tuchel, Trainer von Paris Saint-Germain», vergleicht Mahdi Nasserzadeh cool.

Ein Experiment für ein Jahr

Postfinance lässt sich ihr E-Sports-Engagement etwas kosten, obwohl der Gewinn der Post-Tochterfirma 2018 markant eingebrochen ist und sie Stellen streicht. Der «Blick» schrieb von einem Jahresbudget von 400'000 Franken für das Helix-Team. Postfinance-Sprecher Johannes Möri, der seine Cracks an diesem Nachmittag im Postparc besucht, will keine genauen Zahlen nennen. «Postfinance-Helix ist ein Experiment und ein Innovationsprojekt, das nicht aus einem neuen Topf, sondern aus bestehenden internen Budgets gespeist wird», betont er. Die Räumlichkeiten im Postparc etwa, die Postfinance gehören, werden dem Helix-Team für eine Zwischennutzung zur Verfügung gestellt. Ob der einjährige Versuch weitergeführt werde, sei offen.

«Wir wollen junge, digital affine Menschen erreichen.»Johannes Möri, Postfinance-Sprecher

Warum steigt das Finanzinstitut der Post überhaupt in die E-Sports-Szene ein? «Wir wollen junge, digital affine Menschen erreichen», sagt Möri. Postfinance hat verstanden, dass diese nicht auf traditionelle Werbung reagieren, man muss sie vielmehr auf digitalen Kanälen und Plattformen wie Instagram oder Twitter ansprechen. «Lieber ungeschnittene, authentische Livebilder als perfekt ausgeleuchtete Werbefotos», sagt Möri.

Und so filmt denn David Jakob (24), der die Abenteuer der Truppe als Social-Media-Manager dokumentiert, die Begegnung der jungen Helix-Stars mit dem älteren Journalisten dieser Zeitung und postet sie gleich als Story auf Instagram.

Lukrative Zielgruppe

Die Gamer sind eine interessante Zielgruppe. Rund eine Million soll es von ihnen in der Schweiz geben, sie sind zwischen 16 und 35 Jahre alt, gut ausgebildet und oft auf dem Game-Streaming-Portal Twitch unterwegs. Und der E-Sports-Markt wächst, wie es «Polo» Marco Buchholz prophezeit hat. Weltweit 200 Millionen Fans verfolgten auf Streamingportalen im letzten November das Weltmeisterschaftsfinale von «League of Legends» in Südkorea. Es war das bisher höchstbeachtete E-Sports-Ereignis, die Zuschauerzahl übertraf schon jene der Super Bowl in den USA. Noch liegt der Fussball-WM-Final von Moskau 2018 mit 1 Milliarde TV-Zuschauern vorne, aber E-Sports holt auf.

Kann sich Postfinance bei den Fans überhaupt als Marke und Geldgeber einprägen, oder kümmern sich die bloss um die Gamekünste der Helix-Cracks? «Wir erhalten viele positive Rückmeldungen. Und die Gamegemeinde weiss, dass man ‹League of Legends› nur dank eines Geldgebers wie Postfinance auf dem professionellen Niveau unseres Helix-Teams spielen kann», glaubt Möri.

Die Gamer als Werbebotschafter

Postfinance legt offen, dass ihre fünf E-Sports-Profis je 2500 Franken im Monat verdienen. In ihren Einjahres-Verträgen erklären sich die fünf mit regelmässigen Social-Media-Auftritten einverstanden. Im Postparc ist ihnen aber nicht rund um die Uhr eine Kamera auf den Fersen. «Wir respektieren die Privatsphäre unserer E-Sportler, sie wohnen deshalb auch privat und nicht in einer Spieler-WG», sagt die Projektleiterin Ladina von Allmen.

Natürlich will die Postfinance auch einen Pay Back für ihr Engagement in der Gamer-Welt. Die Helix-Spieler haben sich bereit erklärt, als Werbebotschafter aufzutreten. In der nahen Schanzenpost-Filiale führten sie vor der Kamera den neuen Paketlieferdienst in ein Schliessfach vor. Im Laufe des Jahres werden sie für Junge auch berichten, wie sie mit ihrem Einkommen und allfälligen Preisgeldern verantwortungsvoll umgehen und wie sie Schulden vermeiden.

Die Postfinance paart mit dem Helix-Projekt Geschäft und Pädagogik. «Wir betreiben auch Suchtprophylaxe», sagt Ladina von Allmen, «wir zeigen Eltern und ihren Kindern, dass beim Gamen weniger mehr ist, dass es Abwechslung braucht und man nicht Profi wird, wenn man dauernd hinter der verschlossenen Zimmertür am PC sitzt.»

Die Helix-Cracks nehmen es locker, auch als Werbebotschafter und Volkserzieher aufzutreten. Marco Buchholz sieht es so: «Die Postfinance ermöglicht es mir, full time auf das Gamen zu setzen, und ich finde es cool, dass sie dieses Pionierprojekt lanciert hat und den Weg der Digitalisierung geht.» Für Mahdi Nasserzadeh zählt vor allem, dass Postfinance sich für E-Sports engagiere. Auf Social Media aufzutreten, fällt den jungen Digitalvirtuosen ohnehin nicht schwer, und es mehrt ihr Renommee als E-Sportler. «Es ist ein Geben und Nehmen», sagt Postfinance-Sprecher Möri.

200 Klicks pro Minute

Die Helix-Spieler kurbeln jetzt die Storen runter, damit kein Sonnenlicht auf die Bildschirme fällt. Auf ihren Raumschiff-Enterprise-Sesseln machen sie sich vor den Bildschirmen bereit. Sie messen sich nun in einem Freundschaftsspiel mit einem ausländischen Top-Team. Es wird still. Man hört nur noch ihre knappen englischen Insiderdialoge, mit denen sie sich über ihre Headsets absprechen. Als Laie versteht man bloss: «run, run, run» – renn, renn renn. Adrenalin und Konzentration ist jetzt alles. Auf den Bildschirmen wuseln 140 Fantasiegestalten herum und attackieren von allen Seiten die von den Helix-Cracks gesteuerten Figuren.

In der Minute feuern sie bis zu 200 Klicks ab, um anzugreifen, abzuwehren – und um nicht allzu schnell ein neues Leben anzubrauchen. «Breathe» – atme –, «Relax Shoulders» – entspanne die Schultern –, «Care less» – ärgere dich weniger – , steht auf Post-its aus dem Mentaltraining. Die Merkzettel kleben an der Betonwand direkt über den PC-Bildschirmen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 27.03.2019, 20:52 Uhr

Artikel zum Thema

Berufswunsch: Profi-Gamer

Was haben Mesut Özil und der TCS gemeinsam? Beide setzen auf E-Sport. Welche Perspektiven die Disziplin in der Schweiz bietet, zeigen neue Zahlen. Mehr...

«Also bitte, da sind wir doch längst weiter»

Interview Die grösste Schweizer Gameshow beginnt. Zwei Entwicklerinnen über Subventionen, dumme Spiele und den Sexismus ihrer Branche. Mehr...

Jetzt der Raketenwerfer, Papi!

Video «Fortnite» ist ein Shooter-Game, das sich wie ein Virus unter Kindern ausbreitet. Erlauben oder verbieten? Unser Autor hat erst einmal mitgespielt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...