Silicon-Valley-Millionäre auf Shopping-Tour in der Printbranche

Jüngstes Beispiel: Laurene Powell Jobs kauft «The Atlantic». Warum hinter dem Engagement mehr als Nostalgie steckt.

Ihr Vermögen wird auf 20 Milliarden Dollar geschätzt: Laurene Powell Jobs. Foto: Gus Ruelas (Reuters)

Ihr Vermögen wird auf 20 Milliarden Dollar geschätzt: Laurene Powell Jobs. Foto: Gus Ruelas (Reuters)

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Als in der vergangenen Woche die Nachricht die Runde machte, dass Laurene Powell Jobs, die Witwe von Steve Jobs, Mehrheitseignerin der Zeitschrift «The Atlantic» werden würde, elektrisierte das zwar nicht ganz so viele Leute wie die «One more thing»-Überraschungen ihres verstorbenen Mannes. Trotzdem war das Interesse der Medienbranche geweckt: Schon wieder kauft ein Silicon-Valley-Mäzen ein bekanntes Medium, und dann noch den geliebten Atlantic! Was dabei etwas unterging, waren zwei Aspekte. Zum einen, dass Powell und das amerikanische Magazin – zumindest im Geiste – längst verbunden sind: Ihre Firma Emerson Collective ist nach dem Schriftsteller Ralph Waldo Emerson benannt, der vor 160 Jahren zu den Gründern des Magazins gehörte. Zum anderen, dass «The Atlantic» im Moment so erfolgreich ist wie nie in seiner Geschichte. Einen Gönner hat er nicht nötig. Warum also jetzt dieser Verkauf?

Die jüngere Erfolgsgeschichte des Atlantic ist erst ein paar Jahre alt. Noch vor zehn Jahren sah es so aus, als sei das Heft, das zehnmal im Jahr erscheint, für den digitalen Wandel nicht besser gerüstet als viele andere Printprodukte, die zusehen mussten, wie Leser und Anzeigenkunden ins Netz abwanderten, ohne dem mit eigenen Angeboten viel entgegenzusetzen. «Unsere Homepage bestand aus Kleber, Bindfaden und den Tränen der Autoren», sagt Chefredakteur Jeffrey Goldberg. In den ersten zehn Jahren nach dem Kauf 1999 soll der bisherige Eigentümer, Unternehmer David Bradley, 100 Millionen Dollar Verlust gemacht haben.

Der erfolgreichste Artikel

Heute trägt das Printheft mit seiner Auflage von etwa 530'000 Exemplaren nur noch ein Fünftel zum Einkommen bei – aber der als linksliberal geltende Atlantic ist im Digitalen, mit Veranstaltungen und Beratungsangeboten, wieder profitabel. Der vergangene Mai war für die Webseite theatlantic.com ein Rekordmonat: Mehr als 42 Millionen Leser besuchten die Seite, so viele wie nie zuvor. Was Bob Cohn, den Präsidenten des Magazins, besonders freut: «Der Artikel, der das Internet besonders gefesselt hat, enthält keines der Wörter Trump, Russland oder covfefe.»

Der Text, den er meint, ist «My Family's Slave», die Titelgeschichte der Juni-Ausgabe. Darin erzählt der inzwischen verstorbene Autor Alex Tizon aus einer sehr persönlichen Perspektive die Geschichte von Lola, die 18 war, als Tizons Mutter sie auf den Philippinen als Sklavin von ihrem Vater geschenkt bekam, und die bis zu ihrem Tod mit 86 Jahren bei der inzwischen in die USA emigrierten Familie blieb. Der Text ist 8300 Wörter lang, es dauert 34 Minuten, ihn zu lesen – damit steht er exemplarisch für die erstaunliche Erfolgsgeschichte des Atlantic, der die Leser auch im Netz gerade mit solchen besonders langen Stücken begeistert. Eine andere Titelgeschichte, «What ISIS really wants», war nach einer Analyse des Dienstleisters Chartbeat in den USA sogar der meistgelesene Artikel des ganzen Jahres 2015.

Die Kinder haben kein Interesse

Der nächste Wachstumsschritt soll die Expansion nach Europa sein, im März eröffnete der Atlantic ein Büro in London. Schon jetzt lebt jeder vierte Leser des Magazins ausserhalb der USA. 70 Prozent der Werbeeinnahmen im Netz kommen beim Atlantic aus «Sponsored Content», aus redaktionell gestalteten Videos und Artikeln, die von Firmen bezahlt werden.

Es ist aber kein Geheimnis, dass die Macht von Google und Facebook auf dem Anzeigenmarkt für werbefinanzierte Medien Unsicherheit bedeutet. Dass Bradley die Firma Atlantic Media, die hinter dem Magazin steckt, verkaufen wollte, war schon seit einer ganzen Weile bekannt. Bradley geht auf die 70 zu, seine Kinder haben kein Interesse am Mediengeschäft. Im März hatte er das Bürogebäude im Watergate-Komplex in Washington, D. C., verkauft, in dem die Redaktion sitzt. Für Atlantic Media wolle er «einen Käufer finden, der die Firma genau so sehr liebt, wie ich sie geliebt habe», sagte er damals der «Washington Post» – der anderen berühmten Medienmarke, die mit Tech-Vermögen gekauft wurde. In einem ersten Schritt wird Bradley nun Powells Firma einen Mehrheitsanteil am Magazin für einen unbekannten Preis überschreiben. In wenigen Jahren soll der Rest folgen.

Netzwerk für Podcasts

Powells Vermögen wird auf über 20 Milliarden Dollar geschätzt. Ihre Firma wolle sicherstellen, «dass der Atlantic seine wichtige Rolle in schwierigen Zeiten weiter erfüllen» könne, teilt sie mit. Schon im Mai sagte sie bei einem ihrer seltenen öffentlichen Auftritte, dass Tech-Firmen die Verantwortung dafür trügen, dass seriöse Informationen im Dauerrauschen von Fake-News auch künftig noch durchdringen können. Dazu passt, dass Emerson Collective bereits an mehreren Medienhäusern beteiligt ist. 2004 mit einem Fokus auf Bildung, Immigration und soziale Gerechtigkeit gegründet, hält die Firma Anteile an der Recherche-Plattform Pro Publica und auch an der Seite The Marshall Project, die über die Strafjustiz in den USA berichtet – nicht als Stiftung, sondern als ein durchaus auch an Gewinn interessiertes Unternehmen. Bei der Nachrichtenwebsite Axios sitzen Powell und Bradley schon jetzt gemeinsam am Investorentisch. Und erst am Dienstag gab Emerson Collective bekannt, dass es künftig auch Gimlet Media unterstützt, ein Netzwerk für anspruchsvolle Podcasts.

Apple-CEO Tim Cook und Laurene Powell bei der Met-Gala (2. Mai 2016). Foto: Lucas Jackson (Reuters)

Mit dem Erwerb der Mehrheit am Atlantic reiht sich Laurene Powell Jobs ein in eine immer länger werdende Liste an Silicon-Valley-Unternehmern, die ihre Milliarden in Medien investieren. Ebay-Gründer Pierre Omidyar gehört First Look Media mit der Seite The Intercept, Facebook-Mitgründer Chris Hughes übernahm 2012 das liberale Magazin The New Republic. Der berühmteste Vertreter ist Amazon-Gründer Jeff Bezos mit seiner «Washington Post».

Video: Der Coup von Bezos im Jahr 2013

Amazon-Gründer kaufte sich das Traditionsblatt in der US-Hauptstadt.

Nicht alle diese Unternehmungen sind von Dauer: Hughes hielt den New Republic keine vier Jahre. Befürchtungen, die Milliardäre könnten ihren Redaktionen nicht nur geschäftlich, sondern auch inhaltlich reinreden, haben sich bis jetzt aber offenbar nicht bewahrheitet. Die Washington Post zum Beispiel veröffentlichte am vergangenen Wochenende auf der Aufschlagsseite des Wirtschaftsteils einen Beitrag zu der kritischen Frage, ob Amazon langsam zu gross wird (Antwort: Noch nicht, aber es ist auf dem Weg dahin).

Als nächstes die «New York Times»?

Auch Powells publizistische Ambitionen könnten noch ein ganzes Stück weiter reichen. Bei dem Auftritt im Mai wurde sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, die «New York Times» zu kaufen. Sie antwortete: «Steht die denn zum Verkauf?» Es klang nur halb wie ein Witz. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 03.08.2017, 09:52 Uhr

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