So funktioniert das Schweizer Katermittel

Das Präparat von Pharmaziestudent Pedro Schmidt soll die Alkohol-Nachwehen lindern – sogar Coop und Migros haben es im Sortiment.

Wichtig ist, nicht erst am Morgen danach Gegensteuer zu geben, sondern die Regeneration schon früh zu unterstützen. <nobr>Foto: iStock</nobr>

Wichtig ist, nicht erst am Morgen danach Gegensteuer zu geben, sondern die Regeneration schon früh zu unterstützen. Foto: iStock

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Nein, eine Bieridee war es nicht, die Pedro Schmidt zum Unternehmer gemacht hat. Seine Erfolgsgeschichte begann vielmehr mit einem ordentlichen Kater. Der Zürcher hatte mit Kollegen in Köln gefeiert und sich dabei das eine oder andere Glas zu viel genehmigt. Am nächsten Morgen schleppte sich Schmidt in einen Drogeriemarkt in der Hoffnung, dort etwas gegen die Nachwehen des Alkoholkonsums zu erhalten. Doch das Aspirin und die Vitamintabletten, die man ihm dort verkaufte, halfen in dieser Situation kaum.

Selber schuld, hätten sich die meisten gesagt – wer es beim Feiern übertreibt, soll halt dafür büssen am nächsten Tag. Doch Schmidt stand damals kurz vor Abschluss seines Pharmaziestudiums an der ETH Zürich und wunderte sich, dass seine Branche so wenig anzubieten hatte für ein weitverbreitetes Problem. Er begann zu recherchieren, was die Forschung über die Auswirkungen des Alkoholkonsums auf den Körper wusste.

Auch als er nach Studienabschluss im Pharmamarketing tätig war, liess ihn die Idee, selber ein Mittel gegen den Kater zu entwickeln, nicht los. Im Gegenteil: Er sah, dass in der Krebstherapie meist nicht mit einzelnen Medikamenten, sondern mit einer Kombination verschiedenster Wirkstoffe gearbeitet wurde. Das bestärkte ihn in seinem Ansatz, dem vergleichsweise harmlosen Lifestyle-Problem des Katers ähnlich zu begegnen.

Einzelkämpfer im Pharmamarkt

Schmidt entwickelte ein Mittel, das den durch Alkohol verursachten Schäden mit 25 verschiedenen Substanzen entgegenwirkt und nicht lediglich die Kopfschmerzen unterdrückt, sondern auch Leber, Hirn, Verdauung und Muskulatur unterstützt. So helfen Magnesium- und Calciumcarbonat gegen die Übersäuerung des Magens, Glucose und Fructose gegen den gesenkten Blutzuckerspiegel, Betain und Cholin unterstützen die Leber, Riboflavin und Selen stärken die Reparatur- und Entgiftungsfunktion der Hautzellen.

«Es gibt gute Gründe, warum keiner der grossen Pharmakonzerne sich mit etwas Ähnlichem exponiert hat»: Pedro Schmidt, Gründer und Chef der ph. Ltd, entwickelte Kaex basic. Foto: PD

Ende 2015, gut vier Jahre nach dem Kater in Köln, testete Schmidt seinen ersten Prototyp und war von dessen Wirkung überzeugt. Mit seinen gesamten Ersparnissen von 150'000 Franken und weiteren 100'000 Franken, die er von Familie und Freunden erhielt, startete er ins unternehmerische Abenteuer. Er kündete seine Stelle und perfektionierte seine Rezeptur mit der Neugier des Wissenschaftlers. Weitere acht Monate später beantragte er weltweiten Patentschutz für seine Entwicklung.

Während viele seiner Kollegen noch fanden, er sei verrückt, sich als Einzelkämpfer in den Pharmamarkt vorzuwagen, liess sich Schmidt von den positiven Signalen aus dem Markt beflügeln. Die Drogerien und Apotheken nahmen sein Produkt noch so gerne ins Sortiment auf, nach nur zwei Monaten war Kaex basic in 200 Apotheken erhältlich. 2018 gelang mit der Listung bei Coop der nächste Schritt, Schmidts Anti-Kater-Mittel avancierte zur besten Neulancierung im Nahrungsergänzungsmittel-Segment und wird seither in 370 Filialen des Detailhändlers verkauft. Konkurrentin Migros zog wenig später nach.


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Vier Jahre nach der Gründung beschäftigt das Start-up zehn Angestellte. Pedro Schmidt besitzt nach drei Finanzierungsrunden, die total 5,7 Millionen Franken eingebracht haben, noch 40 Prozent des von ihm gegründeten Unternehmens. Sein Vater, der früher im Siemens-Konzern den Einkauf verantwortete, und seine Schwester sind ebenfalls mit an Bord.

Schmidt, der anfänglich wenig von Betriebswirtschaft verstand, spricht inzwischen wie ein erfahrener Manager: In den nächsten drei Jahren, sagt der 36-Jährige, werde sich der Umsatz – konservativ geschätzt – auf knapp 50 Millionen Franken erhöhen und der Unternehmenswert damit auf 150 Millionen Franken ansteigen. Gelinge die bevorstehende Lancierung des Produkts in Deutschland, sei die Firma bestens positioniert für eine Übernahme.

Dem Ruin näher als dem Erfolg

Schmidts Geschichte klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Auf Nachfrage räumt der Unternehmer denn auch ein, die letzten vier Jahre seien eine ständige Achterbahnfahrt gewesen und insgesamt habe es mehr Krisen als schöne Phasen gegeben.

«Noch vor 20 Monaten wusste ich nicht, wie ich die Rechnungen der Firma und meine privaten Ausgaben zahlen sollte», erinnert er sich. Da sei er dem Ruin wesentlich näher gestanden als dem Erfolg, habe Mitarbeiter entlassen müssen und sich «wie der einsamste Mensch auf der Welt» gefühlt. Zwei Wochen bevor er die Notbremse hätte ziehen müssen, traf schliesslich die Zusage des ersten professionellen Investors ein. Solche Momente erlebe jedes Start-up, auch wenn die meisten ungern darüber redeten, sagt Schmidt.

Es geht nicht darum, den Alkoholkonsum zu verharmlosen.

Zu den Schattenseiten gehörte auch, dass ein kontroverses Produkt wie Kaex basic stark polarisiere. «Es gibt gute Gründe, warum keiner der grossen Pharmakonzerne sich mit etwas Ähnlichem exponiert hat», sagt Schmidt. Zwar seien die positiven Rückmeldungen deutlich in der Überzahl und die überdurchschnittlich hohe Wiederverkaufsrate spreche für sich, doch er habe auch negative Reaktionen und einige Anfeindungen erlebt.

Ihm gehe es aber keinesfalls darum, den Alkoholkonsum zu verharmlosen und den Eindruck zu erwecken, man könne übermässig Alkohol trinken ohne Konsequenzen. Es sei aber nicht zeitgemäss, ausschliesslich mit abenteuerlichen Hausmitteln wie Rollmops oder simplen Schmerzmitteln zu experimentieren, wenn man zu viel getrunken habe.

Das Standardprodukt Kaex basic wurde laut Schmidt nicht für Rauschtrinker entwickelt, sondern für Kunden, «die trotz drei, vier Bier oder Gläsern Wein am Vorabend konzentriert arbeiten und Sport treiben wollen». Der Alkoholabbau könne damit nicht beschleunigt, die unangenehmen Nebenwirkungen aber stark gemildert werden. Wichtig sei, nicht erst am nächsten Morgen Gegensteuer zu geben, sondern schon vor dem Zu-Bett-Gehen die Regeneration zu unterstützen.

Neue Entwicklung für Frauen

Deshalb empfiehlt Schmidt, sein Mittel in drei Tranchen anzuwenden: direkt nach dem Alkoholkonsum, am Morgen nach dem Aufstehen und drei Stunden später.In den nächsten Monaten will Schmidt zusätzlich ein Schmerzmittel auf den Markt bringen für Katermomente, denen mit natürlichen Biomolekülen nicht beizukommen ist.

Parallel dazu läuft die Entwicklung eines Produkts, das bei Menstruationsbeschwerden den Schmerz lindern soll. Mit Erstaunen hat Schmidt von Kundinnen erfahren, dass sein Anti-Kater-Mittel offenbar hilft, die Krampferscheinungen besser zu ertragen. Nun will er dafür ein spezifisches Produkt entwickeln.

Erstellt: 12.01.2020, 23:39 Uhr

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