So schwach sind Windräder ausgelastet

Statt dass die Produktion von Windenergie steigt, war sie letztes Jahr rückläufig. Und auch die Auslastung der 36 bestehenden Anlagen sank.

Windräder erbringen im Durchschnitt weniger als ein Fünftel der eigentlich möglichen Leistung: Windkraftanlage in Collonges bei Martigny im Wallis. (Foto: Keystone)

Windräder erbringen im Durchschnitt weniger als ein Fünftel der eigentlich möglichen Leistung: Windkraftanlage in Collonges bei Martigny im Wallis. (Foto: Keystone)

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Im Jahr 2020 sollen in der Schweiz 660 Gigawattstunden Strom aus Windenergie produziert werden. Dies sehen die Szenarien der Energiestrategie des Bundes vor. Die tatsächliche Produktion von Strom aus Wind kommt allerdings nicht vom Fleck. Im Gegenteil, sie ging 2018 sogar leicht zurück. Im letzten Jahr produzierten die 36 Windenergieanlagen 121 Gigawattstunden Strom, 8 Prozent weniger als 2017. Die Produktion entsprach damit knapp 0,2 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs im letzten Jahr.

Um den vom Bund vorgesehenen Anteil bis 2020 zu erreichen, müsste sich die Produktion in anderthalb Jahren mehr als verfünffachen. Das Problem ist einerseits, dass zahlreiche Projekte durch den Widerstand der Bevölkerung verzögert werden oder scheitern. Natur- und Landschaftsschützer, Gemeinden und Kantone wehren sich gegen die bis zu 200 Meter hohen Anlagen. Gemäss Bundesamt für Energie sind rund 70 Windparkprojekte in Planung, darunter 30 mit total 200 Windrädern.

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Der andere Grund für den kleinen Beitrag zur Stromversorgung ist die geringe Auslastung der Windräder. Gemäss den neusten Zahlen vom Portal Wind-data.ch, das vom Bundesamt für Energie betrieben wird, beträgt sie im Durchschnitt 18,4 Prozent. Das bedeutet, dass die Räder weniger als ein Fünftel der eigentlich möglichen Leistung erbringen. Auch dieser Wert ist rückläufig. 2017 lag die Auslastung bei 19,2 Prozent.

Drei Spitzenreiter

Die effizientesten Anlagen stehen alle im Unterwallis. Die Anlagen in Martigny und Umgebung sind zwischen 25 und knapp 29 Prozent ausgelastet. Der Standort ist für Windkraft besonders geeignet, weil der Wind stärker und konstanter bläst als anderswo. Keine der anderen Anlagen in der Schweiz ist nur annähernd derart gut ausgelastet. Ohne diese drei Spitzenreiter sinkt die durchschnittliche Auslastung auf gut 15 Prozent.

Am anderen Ende der Rangliste steht der Windpark Gries in der Nähe des Nufenenpasses. Seine Auslastung sank im letzten Jahr von knapp 10 auf 6,4 Prozent. Noch schlechter war nur die Windkraftanlage auf der Rengg im Entlebuch LU mit 5,5 Prozent. Während es sich beim Windpark im Kanton Luzern um eine ältere Anlage handelt, wurden drei der vier Windräder auf dem Nufenenpass erst kürzlich eingeweiht.

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Bei der Inbetriebnahme im Herbst 2016 mit der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard hatten die Betreiber versprochen, dass die Anlage aus 4 Windrädern insgesamt 10 Gigawattstunden produzieren und 2850 Haushalte mit Strom versorgen werde. Im letzten Jahr waren es bloss halb so viele. Neben der geringen Produktion gab es technische Probleme: Im letzten Sommer waren während vier Wochen die Leitungen für den Abtransport des Stroms beschädigt, wie die Betreiber gegenüber dem «Walliser Boten» bestätigten.

«Finanzielle Schieflage»

Hinzu kommt, dass die Betreiber mit dem Hersteller über Entschädigungen in Höhe von 1,2 Millionen Franken streiten. Der Windpark sei deshalb in eine «finanzielle Schieflage» geraten. Der Standort weist nur eine Windgeschwindigkeit von rund 6 Metern pro Sekunde auf, was Experten als knapp dafür erachten, wirtschaftlich produzieren zu können. Wegen der dünnen Luft in rund 2500 Metern Höhe über Meer sinkt die Leistung jedoch um rund ein Viertel. Der Betreiber liess eine Anfrage für eine Stellungnahme unbeantwortet.

Für Freie Landschaft Schweiz, die Nichtregierungsorganisation, die gegen die Zerstörung des Landschaftsbildes durch Windkraftanlagen kämpft, zeigen die Produktionsdaten, dass die Schweiz nicht für Windenergie geeignet ist. Windparks könnten keinen substanziellen Beitrag zur Stromversorgung leisten, die Beeinträchtigung von Landschaft, Mensch und Natur sei hingegen gross.

Plan «nicht realistisch»

Reto Rigassi, Geschäftsführer von Suisse Eole, der Lobbyorga-nisation für Windenergie, sagt, dass Schwankungen von 10 Prozent bei der Produktion durchaus üblich seien. 2012 habe die durchschnittliche Auslastung 21,6 Prozent betragen. Rigassi gibt allerdings zu, dass der Plan des Bundes, bis 2020 660 Gigawattstunden Strom zu produzieren, nicht realistisch sei. Derangestrebte Wert des Bundes werde erst mit einigen Jahren Verzögerung erreicht. «Mit der Realisierung des Projektes auf dem Gotthard, das im Bau ist, erhöht sich die Produktionserwartung auf 152 Gigawattstunden», sagt er.

Erstellt: 05.07.2019, 22:25 Uhr

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