Sonnenenergie wird immer billiger

Die Kosten sind so stark gesunken, dass immer mehr Firmen Solarstrom selber produzieren. In Spanien baut eine Schweizer Firma eine Solaranlage ohne jede Förderung.

Vor 10 Jahren kostete die Produktion einer Megawattstunde Sonnenstrom über 300 Dollar, heute sind es noch etwas über 50 Dollar. Foto: Keystone

Vor 10 Jahren kostete die Produktion einer Megawattstunde Sonnenstrom über 300 Dollar, heute sind es noch etwas über 50 Dollar. Foto: Keystone

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Solarstrom ohne Subventionen sei nicht rentabel, dieser Glaube hält sich hartnäckig. Die Baselbieter Stromfirma Aventron tritt den Gegenbeweis an. Die auf ­erneuerbare Energien wie Solarenergie, Wind- und Wasserkraft spezialisierte Gruppe baut derzeit in Zentralspanien bei Toledo ein Solarkraftwerk mit 50 Megawatt ­Leistung. Die 95 Hektaren ­grosse Anlage soll ab Mitte nächsten Jahres grosse Mengen «sauberen Strom subventionsfrei in das Netz liefern», wie es heisst.

«Das Projekt kommt ohne staatliche Förderung aus», bestätigt Antoine Millioud, Chef von Aventron, dieser Zeitung. Dass die Anlage dank viel südlicher Sonne und dank dem Sonnenlauf nachgeführten Modulen im Jahr über 1900 Stunden unter Volllast produzieren kann, hilft natürlich sehr. Den Ausschlag gibt indes der rasante Rückgang der Produktionskosten von Solarstrom. «Die Gestehungskosten der Anlage liegen im Schnitt etwas über 50 Franken pro Megawattstunde und die Grosshandelspreise um die 60 Franken», sagt Millioud. «Die Anlage sichert uns eine gute Rendite.»

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Wie viel billiger Solaranlagen und der mit ihnen produzierte Sonnenstrom geworden sind, zeigt ein Bericht der Organisation Solarkraft Europa über die globalen Marktaussichten der Branche. Danach kostete die Produktion einer Megawattstunde Sonnenstrom vor zehn Jahren über 300 Dollar, war also sehr viel teurer als andere Energie­träger. Inzwischen haben sich die Gestehungskosten für ein Megawatt Solarstrom dem Niveau von Energie aus Windfarmen und Gas-Kombikraftwerken von rund 50 Dollar angenähert. Sonnenstrom ist also konkurrenzfähig geworden – aus Grossanlagen an sonnenreichen Standorten wie etwa in Südeuropa sogar ohne Subventionen.

Laut Solarkraft Europa sind global bereits Anlagen in Planung, die eine Megawattstunde Solarstrom für 20 Dollar produzieren wollen. Gleichzeitig werden die Anlagen immer grösser. In Abu Dhabi ging jüngst ein ­Solarpark mit einer Leistung von 1,2 Gigawatt in Betrieb. Ägypten will innert zwei Jahren Solarkraftwerke mit 2,3 Gigawatt ­Kapazität bauen, um den Stromhunger der rasch wachsenden Bevölkerung zu stillen.

Schweiz hinkt hinterher

In der Schweiz dagegen rechnen sich Solaranlagen ohne staatliche Förderung noch nicht, sagt Aventron-Chef Millioud: «Hier ist alles teurer, von der Projektierung über die Bewilligungen bis hin zu Bau und Betrieb.» Hinzu kommt, dass in der Schweiz ­wegen geringerer Einstrahlung ­Solaranlagen im Jahr weniger als 1000 Stunden unter Volllast ­laufen, während in Spanien in Anlagen mit Solarpanels ohne Nachführung an den jeweiligen Sonnenstand im Schnitt etwa 1500 Stunden unter Volllast möglich sind. Geringere Ausbeute erhöht die Kosten. Mit ein Grund für den tiefen Anteil der Sonnenenergie von 3,5 Prozent an der Schweizer Strom­produktion. Schuld seien aber auch die ­«Deckelpolitik der Schweiz» und ihre «rigorosen Wartelisten», klagte im Frühjahr die Schweizerische Energie-Stiftung. Betreiber von Solaranlagen müssten jahrelang auf ihre Beiträge warten.

Der Strompreis besteht aber nicht nur aus Produktionskosten. Die Elektrizitätsfirmen verrechnen den Stromverbrauchern zusätzlich Aufschläge für Netznutzung und Steuern. Diese Zusatzkosten treiben den Preis für Strom, der aus dem Netz bezogen wird, nach oben – und zwar unabhängig davon, ob er mit Wasser, Sonne, Wind, Gas oder Atomkraft produziert wurde.

In der Schweiz rechnen sich ­Solaranlagen ohne staatliche Förderung noch nicht.

Die Aufschläge für Netznutzung, Abgaben und Steuern sind so hoch, dass Schweizer KMU laut Bundesamt für Statistik im 2018 fast 20 Rappen für eine ­Kilowattstunde Strom aufwenden mussten. «In Schweden, Finnland und der Türkei zahlen KMU laut Zahlen der EU nur etwa halb so viel», sagt Walter Müller vom Interessenverband Gruppe Grosser Stromkunden. Ein schwacher Trost ist da, dass KMU für Strom aus dem Netz in Deutschland, Italien und Grossbritannien noch mehr zahlen. Ins Bild passt, dass in der Schweiz sogar energie­intensive Betriebe wie Stahl- oder Papierfabriken für Strom, den sie aus dem Netz beziehen, etwa doppelt so viel zahlen ­müssen wie Konkurrenten in Schweden und Norwegen.

Folgerichtig suchen grössere Verbraucher wie Gewerbe, Industrie, Gemeinden und Besitzer von Überbauungen nach Wegen, diese Zusatzkosten zu vermeiden. Da trifft es sich gut, dass auf den Eigenverbrauch selbst produzierter Energie weder Steuern noch Kosten für Netznutzung anfallen. Eine Käserei im Kanton Freiburg etwa wählte Sonnenenergie als Lösung, stellte eine Anlage mit 500 Kilowatt Leistung aufs Dach und verbraucht allen Solarstrom selbst. Vom ­lokalen Energieversorger bezieht die Käserei nur Strom, wenn die Sonne nicht scheint.

Auch Zinsumfeld hilft

An solche Firmenkunden richtet sich die Werbung von Aventron mit ihrem Versprechen: «Wenn Solarstrom vom Dach plötzlich günstiger wird als Strom aus dem Netz». Aventron baut derzeit auf dem Dach eines Schweizer Aldi-Verteilzentrums eine sechs Fussballfelder grosse Solaranlage mit 6,5 Megawatt Leistung. Aventron ist meist Besitzer und Betreiber solcher Anlagen, den Bezügern winken eine Einsparung und ein fixer Strompreis über 20 Jahre.

Was wie ein Widerspruch tönt, rechnet sich laut Aventron für ­Solaranlagen an guten Lagen, ­deren Produktion der Kunde vor Ort weitgehend selbst verbraucht. Denn zum einen ist die ­Ausbeute von Solarzellen höher, und sind die Preise tiefer als vor einigen Jahren. Zudem fördert die öffentliche Hand solche Anlagen mit einer Einmalvergütung, die bis zu 30 Prozent der Erstellungskosten ausmacht. Das sind derzeit rund 300 Franken Einmalvergütung pro Kilowatt Nenn­leistung für grössere Anlagen.

«Unternehmen streben zunehmend danach, ihren Bedarf zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu decken.»Solarkraft Europa

Hilfreich ist zudem, dass Stromkonsumenten Gemeinschaften für den Eigenverbrauch bilden können und so im Verbund auf einer viel grösseren Menge Solarstrom Abgaben und Netznutzungskosten vermeiden können. Hinzu kommt, dass die Grosshandelspreise für Strom in Europa den Tiefpunkt überwunden haben und wieder steigen – Strom aus nicht erneuerbaren Quellen sich also verteuert.

Die stetig sinkenden Gestehungskosten für Solarstrom ­hätten dafür gesorgt, dass der Appetit für konkurrenzfähige Sonnenenergie «jetzt rasch wächst», stellt die Branchenorganisation Solarkraft Europa fest. Es gebe einen Trend, dass «Unternehmen zunehmend danach strebten, ihren Bedarf zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu decken». Jüngere Schweizer Beispiele dazu sind Solaranlagen von Unternehmen wie Flugzeugwerke Pilatus in Stans NW oder der Hightechfirma Hamilton in Domat/Ems GR.

«Auch die extrem tiefen Zinsen tragen dazu bei, dass Solaranlagen für den Eigenverbrauch sich rentieren», sagt Robert ­Kröni vom Beratungsunternehmen Jendra Power. An der Energiefirma Aventron ist neben der Stadt Winterthur auch ein Fonds der UBS massgeblich beteiligt. Über Infrastrukturfonds investieren zudem vermehrt Pensionskassen in erneuerbare Energien wie den Solarstrom.

Erstellt: 02.09.2019, 21:53 Uhr

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