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Stadler Rail mischt US-Markt auf

Investitionen über 50 Millionen Dollar: Warum die Schweizer Firma in Utah einen eigenen Fertigungsbetrieb aufbaut.

Das Thurgauer Unternehmen Stadler Rail produziert künftig in Utah Schienenfahrzeuge «Made in USA». Foto: Keystone
Das Thurgauer Unternehmen Stadler Rail produziert künftig in Utah Schienenfahrzeuge «Made in USA». Foto: Keystone

Im neuen Fertigungswerk in Salt Lake City sollen zunächst 350 Stellen geschaffen werden, doch insgesamt ist ein Ausbau bis auf 1000 Arbeitsplätze eingeplant. Das Unternehmen will 50 Millionen Dollar investieren, wofür der Bundesstaat Utah starke Steueranreize bietet.

«Die USA sind ein Wachstumsmarkt. Das Rollmaterial ist in vielen Städten 20 bis 35 Jahre alt und muss modernisiert werden», sagt Martin Ritter, Chef der Stadler Rail in den USA. «Utah ist als wirtschafts- und handelsfreundlicher Bundesstaat ein idealer Standort.»

Stadler Rail prüfte neben Utah auch mögliche Produktionsstandorte in Dallas, Fort Worth (Texas) und Atlanta (Georgia). Für Texas sprach, dass das Unternehmen aus Bussnang TG in Fort Worth bereits einen Auftrag für acht Flirt-Züge hat und früher schon Kompositionen für Austin und das Denton County lieferte.

Steuervorteile offeriert

Aus Utah liegt derzeit kein Auftrag vor. Doch das könnte sich schon bald ändern, da der US-Bundesstaat im Rah-men eines öko­logischen Entwicklungs­projekts den Bau eines Eisenbahnnetzes zwischen Salt Lake City und den Win­tersportorten rund um Park City anpeilt. Diese Per­spektive sowie wirtschaftliche, verkehrstechnische und auch soziale Gründe haben schliesslich den Ausschlag für Utah gegeben.

Das Firmengelände in Salt Lake liegt in der Nähe eines internationalen Flughafens sowie an zwei wichtigen Verkehrsachsen, der Interstate-Autobahn 80 und dem Ost-West-Schienenkorridor der Union Pacific. Utah plant zudem einen Binnenhafen mit einer eigenen Zollabfertigung. Das würde Stadler Rail die Einfuhr erleichtern, da das Material und Bestandteile aus Übersee von der Westküste schnell per Schiene oder Strasse nach Salt Lake verschoben werden könnte.

Ins Gewicht fielen auch Steuervorteile. Utah offeriert Stadler Rail einen Anteil von bis zu 25 Prozent der erwarteten zusätzlichen Steuereinnahmen von 40 Millionen Dollar über die kommenden 15 Jahre hinweg sowie zwei Darlehen von 0,5 Millionen Dollar.

Der Bundesstaat Utah dürfte für Stadler Rail aber auch wirtschaftlich ein idealer Produktionsstandort sein, sagte Julius Anderegg, der frühere Generalkonsul der Schweiz in San Francisco. «Utah hat etwas Schweizerisches an sich. Die Steuern sind recht tief, das Finanz- und Wirtschaftsgebaren ist konservativ, doch zugleich investiert Utah auch in die Hightechindustrie.»

Anderegg war es, der Stadler Rail Anfang 2014 auf den Wirtschaftsstandort Utah aufmerksam gemacht hat. «Ich war dank meiner Kontakte früh informiert und habe im Juni 2014 eine erste Delegation aus Utah am Swiss Economic Forum in Interlaken bei Firmenchef Peter Spuhler eingeführt.» Die anschliessenden Verhandlungen übernahm dann Spuhler, ebenso die Organisation einer zweiten Besuchsdelegation im September 2015.

Diese zweite Reise löste in Utah allerdings eine heftige Kontroverse aus. Der besagte Trip führte die Delegation unter anderem ins Wallis, auf den Pilatus und nach Bern mit Visiten bei Bundesrat Johann Schneider-Ammann und US-Botschafterin Suzan LeVine. Die Besucher übernachteten nur an den besten Adressen, etwa im Grand Hotel Zermatterhof, im Marriott in Zürich oder im Bellevue Palace in Bern.

Im Nachhinein zeigte sich, dass die Reise teils mit Steuergeldern bezahlt wurde und Lobbyisten in potenzielle Interessenkonflikte gerieten. Und: Die Utah Transport Authority (UTA) hätte vor der Reise eine Bewilligung einholen müssen. Doch dies tat sie eben nicht – in der Folge mussten ein Lobbyist und zwei UTA-Verwaltungsrate zurücktreten.

Dieser Skandal war nicht der erste: Die Behörde war zuvor schon wegen überrissener Löhne und Boni für Manager und exzessiver Auslandreisen in die Kritik geraten. Die Angelegenheit habe die Werksansiedlung aber nur vorübergehend gebremst, sagt Ritter gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Wir haben die Produktion der ersten Züge ‹Made in USA› im Januar aufgenommen.»

Finanzierung gesichert

Stadler Rail braucht zwingend einen Fertigungsbetrieb in den USA, um sich an Projekten zu beteiligen, die mit Bundesgeldern finanziert werden. Das Gesetz schreibt dafür einen US-Produktionsanteil von mindestens 60 Prozent vor. Als Erstes liefert das Schweizer Unternehmen acht Dieselkompositionen nach Fort Worth, Texas. Der grösste Auftrag steht aber in Kalifornien an. Stadler Rail kann für 551 Millionen Dollar zunächst 16 Doppelstockzüge für die Caltrain-Strecke zwischen San Francisco und San José durchs Silicon Valley liefern, mit einer Option auf 96 weitere Kompositionen. Das Projekt wurde nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump auf Eis gelegt. Inzwischen sei die Finanzierung aber gesichert, sagt Ritter, der Auftrag könne an die Hand genommen werden.

Utah rechnet damit, dass Stadler Rail in zehn Jahren bis zu 1000 Stellen schafft und eine Lohnsumme von 576 Millionen Dollar sichert. Der republikanische Senator Orrin Hatch zeigt sich denn zufrieden: «Utah ist der perfekte Ort, sich mit dieser gut ausgebildeten, entschlossenen und patriotischen Mitarbeiterschaft niederzulassen. Ich bin begeistert, dass Utah einen noch grösseren Beitrag zum Wirtschaftswachstum der USA wird leisten können.»

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