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Stereotype sind besser als ihr Ruf

Ein falsch verstandener Kreuzzug gegen klischierte Annahmen über Ausländer, Religionen, Frauen und Männer bringt eine florierende Selbstgeisselungsindustrie hervor.

Frau am Steuer: Rückwärts einparkieren im Kalifornien der Fünfzigerjahre. Foto: Nina Leen (Getty Images)
Frau am Steuer: Rückwärts einparkieren im Kalifornien der Fünfzigerjahre. Foto: Nina Leen (Getty Images)

Die Entzauberung des Homo Oeco­nomicus war eine tiefe narzisstische Kränkung. Plötzlich waren wir nicht länger die vernünftige, Nutzen maximierende Krone der Schöpfung, sondern denkfaule Idioten mit ­beschränkter Urteilskraft, denen es gerade noch so gelungen ist, sich irgendwie durchzuwurschteln, stets knapp davor, sich selber auszurotten und den Rest der Welt mit in den Abgrund zu reissen. Dies ist zumindest die Rhetorik der Untergangs­verkünder, die in vielen Debatten den Ton angeben.

Wie gut, dass wir nonstop an die Beschränktheit unseres Denkens erinnert werden. Daran, wie verzerrt unsere Wahrnehmung ist, wie falsch unsere Entscheidungen und wie irrational unser Handeln. Und wie schuldig wir uns ob unserer Mängel fühlen sollen. Insbesondere die abendländische Kultur gefällt sich gerade sehr im masochistischen Selbstnarrativ der Unzulänglichkeit. Warum denken wir so schlecht über unser Denken?

Da ist zunächst die Sache mit den Stereotypen: Annahmen über Gruppen. Zum Beispiel, dass Zürcher arrogant sind und Berner langsam. Dass Frauen schlecht parkieren und Männer schlecht zuhören. Oder dass Muslime Sprengstoffgürtel mögen und Deutsche den Hitlergruss. Spätestens jetzt ist klar: Stereotype können falsch sein, denn selbstverständlich sind Zürcher nicht arrogant. Spass beiseite: Manche Stereotype sind offensichtlich falsch, aber die meisten stimmen.

Ein kleines Quiz über Geschlechter­stereotype illustriert dies: Wer begeht mehr Sexualstraftaten, Männer oder Frauen? Wer hat eher für Trump gestimmt? Wer interessiert sich mehr für Autos? Wer für Mode? Wer stört eher den Unterricht? Wer möchte bei der Feuerwehr arbeiten? Wer in der Pflege? Die Antworten auf diese ­Fragen fallen uns leicht, denn wir haben die passenden Stereotype im Kopf. Unabhängig davon, ob wir sie gut finden oder nicht.

Wären Stereotype überwiegend falsch, würden wir über unsere Mitmenschen überwiegend zu falschen Schlüssen kommen. Das tun wir aber nicht, wie sich in Studien ganz einfach überprüfen lässt: Meinung erfragen, Meinung mit Daten vergleichen. Die Forscher Lee Jussim, Jarret T. Crawford und Rachel S. Rubinstein haben fünfzig solcher Studien zusammengefasst. Es zeigte sich, dass Stereotype überwiegend akkurat sind. Und zwar nicht nur ein bisschen: Der Zusammenhang zwischen Meinung und Daten ist stark und zigfach repliziert.

Nicht nur Sozialpsychologen, auch Verhaltensökonomen sind dafür verantwortlich, dass wir so schlecht über das Denken denken. In ausgetüftelten Experimenten gelingt es ihnen immer wieder, Abweichungen des Denkens vom Ideal der Rationalität herauszukitzeln. Aber die im Labor begangenen Dummheiten (meist der Verzicht auf Kleingeld, um Mitspieler zu bestrafen) erweisen sich in der Lebenswirklichkeit als Heuristiken. Das ist der wissenschaftliche Ausdruck für Faustregeln, die mit wenig Aufwand zu Problemlösungen führen, die fürs Überleben gut genug sind.

Warum halten unsere meinungsbildenden Organe trotzdem am Mangelhaftigkeitsmantra fest? Das ist keine rein akademische Frage, sondern eine mit schwerwiegenden gesellschaftliche Folgen. Zum Beispiel werden uns flächendeckend De-Biasing-Work­shops aufgenötigt, basierend auf der fehlgeleiteten Vorstellung, wir würden aufgrund von Stereotypen dauernd Menschen diskriminieren, derzeit meist Frauen, Geschlechterdiverse oder Ausländer. Natürlich haben die Veranstalter solcher Workshops kein Interesse daran, auf die Zuverlässigkeit von Stereotypen hinzuweisen. Workshops zur Verbesserung des Denkens können sinnvoll sein, aber nur wenn sie freiwillig sind und die Vorteile von vorgefassten Denkmustern und Heuristiken nicht kleinreden.

Der Fehlerfetisch lohnt sich also finanziell. Forscher bekommen damit mehr Fördermittel, Journalisten mehr Klicks, Trainer und Berater mehr Aufträge. Zudem arbeiten in den Medien und in der Wissenschaft überwiegend reflektierte, selbstkritische Menschen, deren Aufgabe es ist, Dinge anzuzweifeln, Fehler zu suchen und Unvernünftiges anzuprangern. Also tun sie genau das.

Ein Beispiel dafür ist der 2019 in einer einflussreichen Zeitschrift erschienene Übersichtsartikel über Geschlechtsstereotype, bei dem systematisch Belege für die Akkuratheit von Stereotypen ausgeklammert wurden. Damit hat die Autorin den Bemühungen, Diskriminierung zu verringern, einen Bärendienst erwiesen, denn die Menschen merken, dass etwas nicht stimmt, wenn man ihnen ständig sagt, sie dächten falsch. Und sie rächen sich dafür bei den Wahlen.

Sollen wir also Stereotype auf die leichte Schulter nehmen? Natürlich nicht. Aber erstens treffen die meisten Stereotype zu, und zweitens lassen die meisten Menschen ihre Stereotype sofort fallen, wenn zuverlässigere Informationen auftauchen, zum Beispiel im direkten Kontakt. Keinesfalls aber sollten wir Stereotype als Vorwand anführen, um eine ideologisch motivierte Selbstgeisselungs­industrie zu finanzieren.

Christian Fichter ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Kalaidos Fachhochschule. Er schreibt regelmässig für die Redaktion Tamedia.

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