Streit um Löhne bei DHL-Partnern spitzt sich zu

Die Gewerkschaft kritisiert die Arbeitsbedingungen bei DHL-Partnerfirmen und fordert Verhandlungen – öffentlich.

Unter Druck: Der Mindestlohn für einen Lieferkurier beträgt in Genf zwischen 3800 und 4100 Franken. Foto: Keystone

Unter Druck: Der Mindestlohn für einen Lieferkurier beträgt in Genf zwischen 3800 und 4100 Franken. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Konflikt um unbezahlte Überstunden bei Subunternehmen von DHL in Genf zieht weitere Kreise. Die Gewerkschaft Unia machte heute Morgen einen weiteren Fall publik. Dieses Mal geht es um einen Fahrer, der ohne Angaben von Gründen entlassen wurde. Der ehemalige Mitarbeiter vermutet, er sei auf die Strasse gestellt worden, weil er sich gewerkschaftlich engagiere. Das Subunternehmen habe wohl befürchtet, er wolle seine fast zwei Wochen Überstunden ausbezahlt bekommen.

Bereits Anfang April hatte Unia über einen Firmeninhaber informiert, der sich mit einer speziellen Masche vor Lohnforderungen drückte: Er veranstaltete eine Art Kettenkonkurs von Subunternehmen.

Unia erhöht den Druck

Um Pakete auszuliefern, arbeitet DHL lokal mit Partnern zusammen. Diese stellen die Kuriere an und zahlen ihre Löhne. Nach aussen treten die Subunternehmer mit dem Logo der zur Deutschen Post gehörenden Firma auf. Sie sind nicht als Auftragnehmer unterscheidbar.

Der Schweizer Paketmarkt ist 1,3 Milliarden Franken schwer. Das Volumen beträgt 171 Millionen Stück pro Jahr. Die Tendenz ist steigend. Die Branche beschäftigt landesweit 28’000 Mitarbeiter.

Das Bekanntwerden des neuen Falls in Genf hat aus Sicht von Unia das Fass zum Überlaufen gebracht. Sie will mit der öffentlichen Kommunikation den Druck auf DHL erhöhen, damit der Lieferdienst direkte Verhandlungen mit der Gewerkschaft aufnimmt.

«Wir fordern die Direktion von DHL auf, mit uns zu erörtern, wie wir die Geschäftsbeziehungen zwischen Mutterhaus und den Partnern verändern können.» Umberto Bandiera, Unia-Verantwortlicher für Logistik und Transport in der Westschweiz

«Das Geschäftsmodell mit Subunternehmern ist undurchsichtig und deshalb anfällig für Missbrauch», sagt Umberto Bandiera, Unia-Verantwortlicher für Logistik und Transport in der Westschweiz. «Wir fordern die Direktion von DHL auf, mit uns zu erörtern, wie wir die Geschäftsbeziehungen zwischen Mutterhaus und den Partnern verändern können.» Die Hauptforderungen lauten, dass DHL die Sorgfaltspflicht wahrnimmt und dass die Angestellten von Subunternehmen geleistete Überstunden einziehen können.

Hierzulande herrscht im lukrativen Markt für Pakete ein Unterbietungswettbewerb mit hohem Konkurrenzdruck. Das zwingt die Subunternehmer dazu, schneller und kostengünstiger zu arbeiten. Dies wirkt sich auf die Löhne und das Arbeitsumfeld der Paketkuriere aus. Der Mindestlohn für einen Lieferkurier beträgt in Genf zwischen 3800 und 4100 Franken.

Als aktuelles Beispiel für solche Bedingungen nennt Unia das DHL-Subunternehmen Signal Services mit Sitz in Carouge. Der betroffene Mitarbeiter wurde am 23. April 2019 entlassen, ohne eine Kopie des Kündigungsschreibens erhalten zu haben. Kurios: Signal Services bot ursprünglich Limousinenfahrten an.

Der Kurier war zuvor bei einem anderen ehemaligen DHL-Partner in Genf angestellt, der Firma HAS. Bemerkenswert ist, dass dieses Subunternehmen bei der Genfer Unia-Sektion aktenkundig ist. Das hat mit dem Inhaber von HAS zu tun: Der Geschäftsmann hat zwei Vorgängerfirmen pleitegehen lassen – vermutlich, um Überstunden nicht bezahlen zu müssen. Von ähnlichen Fällen in der Deutschschweiz haben weder Unia noch die Gewerkschaft Syndicom Kenntnis.

Alle Mitarbeiter verloren die Stelle

Wie die «SonntagsZeitung» am vergangenen Wochenende berichtete, verurteilte das Genfer Arbeitsgericht den Unternehmer dazu, einem Fahrer 70’000 Franken an Lohn zurückzuzahlen. Der Kurier arbeitete für eine der beiden pleitegegangenen Vorgängerfirmen. DHL stellte im Februar die Zusammenarbeit mit HAS ein, worauf alle Mitarbeiter die Stelle verloren. Unia geht davon aus, dass der frühere DHL-Partner den entlassenen Fahrern Löhne im Umfang von mehreren Zehntausend Franken für Überstunden schuldet.

DHL erteilt den Forderungen aus Genf eine Absage. «Es gibt keine Verhandlungen mit Unia», sagt Michael Jutzi, Leiter Marketing und Geschäftsentwicklung. Der Grund: Das Unternehmen habe mit den Gewerkschaften Syndicom und Transfair einen Gesamtarbeitsvertrag abgeschlossen. Ein Austausch finde deshalb ausschliesslich mit diesen beiden Sozialpartnern statt. Die Arbeitsbedingungen bei den Paketlieferdiensten haben auch die Bundesbehörden auf den Plan gerufen. Die Post-Aufsicht Postcom wacht seit Anfang Jahr über neue Vorgaben für Unternehmen, die keinem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt sind.

Beispiel Lohn und Arbeitszeit: Die jetzt geltenden Richtlinien schreiben einen Mindestlohn von brutto 18.27 Franken pro Stunde vor. Die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit darf höchstens 44 Stunden pro Woche betragen. Damit soll Lohndumping auf dem hart umkämpften Paketmarkt verhindert werden.

Erstellt: 08.05.2019, 20:40 Uhr

Artikel zum Thema

DHL setzt die Post unter Druck

SonntagsZeitung Der Päckli-Boom lockt Konkurrenz in die Schweiz. Jetzt will die Post mit tieferen Löhnen bei der Paketzustellung reagieren. Mehr...

Aufstand in der Unia

Hassmails, Sex- und Mobbingaffären: In der grössten Gewerkschaft der Schweiz brodelt es – am Wochenende eskalierte der Konflikt in Thun. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...