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Super, was Sie da wieder posten, Chef!

Über digitale Spielwiesen für Schmeichler.

Es gab eine Zeit, da war es für die meisten Angestellten nahezu unmöglich, mit dem obersten Chef in Kontakt zu treten. Der hatte sein Büro weit weg vom eigenen Arbeitsplatz. Im besten Fall bekam man ihn mal an der Weihnachtsfeier zu Gesicht. Dazwischen gab es keine Kommu­nikation und damit kaum Gelegenheit, ihm aufzufallen.

Dank den sozialen Medien kann sich nun plötzlich jeder vor dem Chef verneigen. Das Business­portal Linkedin etwa hat sich mittlerweile zur idealen Spielwiese für Schmeichler entwickelt. Ich staune immer wieder, wie viele ­Likes und Kommentare CEOs oder andere Führungskräfte für ihre Posts ernten. Und das, obwohl das Gros ihrer Beiträge, die ich von Berufs wegen verfolge, nicht gerade ein Ausbund an Inspiration ist. Die meisten Chefs nutzen das Portal dafür, ihre eigenen Aktivitäten und die der Firma ins beste Licht zu rücken. Sie schwärmen von Kick-off-Meetings, Workshops mit ­Kadern, bejubeln Change-Initiativen ihrer Firma oder machen auf das Jubiläum einer Stiftung, mit der sie verbunden sind, aufmerksam.

All das wird erstaunlicherweise dennoch heftig beklatscht. Und wenn man dann analysiert, wer die Worte des CEO mit einem Daumen nach oben oder gar mit einem Herzchen versieht, stösst man zum grossen Teil auf seine Mitarbeitenden. Was mich zur Frage bringt, ob die vielen Bravos für den Chef nicht eher taktische Gründe haben. Vielleicht ist das auch gar nicht unklug: Selbst Chefs brauchen ihren Zuspruch, und daher würde ich wetten, dass sie sich ab und zu anschauen, wer denn ihre Posts so mag.

«Konstanter digitaler Jubel fällt auch den eigenen Teamkolleginnen und -kollegen auf.»

Wer sich auf die Schleimspur des Internets begibt, sollte dennoch ein paar Dinge beachten. Erstens: Es ist alles eine Frage der Dosierung. Wer jeden Beitrag des Vorgesetzten beklatscht – womöglich als Erster –, macht sich auch beim Publizierenden unglaubwürdig.

Zweitens: Konstanter digitaler Jubel fällt auch den eigenen Teamkolleginnen und -kollegen auf. Wer zu plump vorgeht und selbst banalste Posts mit «great» oder «amazing» kommentiert, wird nicht mehr als interessierter Medienkonsument wahrgenommen, sondern als plumper Karrierist. Das kann zum sozialen Bumerang werden.

Drittens: Linkedin offeriert zum Kommentieren auch einen nachdenklichen Emoji. Um wenigstens einen Hauch kritische Haltung auszustrahlen, sollte er ab und zu benützt werden. Auch ein sporadisches Like für den Chef des Mitbewerbers kann die Glaubwürdigkeit stärken.

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Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
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